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Desertec-Chef van Son „Es gibt nur Gewinner“

Im Interview äußert sich Desertec-Chef Paul van Son zum Wüstenstrom-Projekt in Nordafrika, den Einfluss des arabischen Frühlings und künftige Exporte nach Europa.

19.11.2011 17:52
So soll es mal in der Wüste aussehen: Der Solarturm in Sevilla ist auch Vorbild für Desertec. Foto: laif

Paul van Son ist viel unterwegs, jüngst in Ägypten und in Libyen. Er versucht, in Nordafrika Partner in Politik und Wirtschaft zu gewinnen, um das Wüstenstrom-Projekt Desertec in die Tat umzusetzen. Van Son, 58, ist Chef der Desertec Industrial Initiative, in der sich über 50 Unternehmen zusammengefunden haben, die die nötigen Kraftwerke und Leitungen bauen wollen.

Herr van Son, wann geht das erste Wüstenstrom-Kraftwerk in Betrieb?

Nächstes Jahr wollen wir in Marokko mit der Entwicklung eines ersten Pilot-Kraftwerks beginnen. Es soll in einer ersten Stufe voraussichtlich 150 Megawatt Leistung haben. Wann der Baubeginn sein wird, können wir noch nicht genau sagen. 2012 werden wir aber vermutlich noch viel mit den Planungen zu tun haben.

Ach so? Die Munich Re, einer der Partner der Desertec Industrial Initiative, hat angekündigt, 2012 mit dem Bau zu beginnen.

Das hängt nicht nur von uns ab, sondern beispielsweise auch von der notwendigen staatlichen Unterstützung. Wir bereiten die Projekte vor. Ehrlich gesagt: Wichtiger ist, dass der Hauptteil des Kraftwerks 2015 oder 2016 in Betrieb gehen wird. Mit dem Bau von Photovoltaik-Anlagen könnte es etwas schneller gehen, möglicherweise könnten sie 2014 in Betrieb gehen.

Welche Technik soll denn nun hauptsächlich zum Einsatz kommen?

Ein Großteil des Stroms wird unserer Planung nach wahrscheinlich durch eine solarthermische Anlage erzeugt, die Technik nennt sich CSP. Das steht für Concentrated Solar Power. Spiegel erhitzen eine Flüssigkeit, die eine Turbine antreibt. Die Hitze lässt sich gut speichern und so kann auch abends und in der Nacht Strom erzeugt werden. In Marokko ist ein Vier-Stunden-Speicher vorgesehen. Wir denken allerdings auch darüber nach, etwas Photovoltaik hineinzunehmen, die direkt Strom erzeugt. Der Preis von Solarstrom-Modulen ist zuletzt drastisch gefallen.

Kritiker sind deshalb der Meinung, Sie setzten auf die falsche Technik. Photovoltaik sei viel günstiger.

Beide Technologien haben ihre Berechtigung. Wir glauben weiter an CSP. Die Kraftwerke lassen sich gut regeln und die Energie speichern. Diese Flexibilität ist ein enormer Vorteil, der Strom kann verkauft werden, wenn er am dringendsten benötigt wird und die Preise am höchsten sind.

Desertecs Ziel ist es, Strom nach Europa zu exportieren. Soll das schon mit der ersten Anlage gelingen?

Es gibt schon jetzt eine Seekabelverbindung mit einer Kapazität von 1?400 Megawatt zwischen Spanien und Marokko, mit der Strom übertragen werden kann. Spanien ist aber der Exporteur und Marokko der Importeur, meist fließt der Strom von Nord nach Süd. Diese Strommenge wird sich mit unserem Kraftwerk reduzieren, weil ein Teil des marokkanischen Bedarfs bedient werden kann. Wir reduzieren damit den Fluss nach Marokko.

Kann sich Europa das erste Desertec-Projekt schon auf die Grünstrom-Bilanz anrechnen?

Ja. Seit 2008 gibt es dafür einen europäischen Rechtsrahmen. Wird der Strom nach Europa eingespeist, dann kann ein Mitgliedsstaat auch einen Vertrag mit dem Lieferland in Nordafrika schließen und sich die Erzeugung auf die Erneuerbare-Energien-Ziele anrechnen lassen. Ich gehe davon aus, dass das schon bei dem ersten Projekt der Fall sein wird.

Ist der arabische Frühling für Sie eine Hilfe oder eher störend?

Ganz klar eine Hilfe. Es ist ein bisschen komplizierter geworden, noch ist die politische Situation zum Teil etwas unübersichtlich. Aber unser Eindruck ist, dass die neuen Regierungen sehr viel stärker auf erneuerbare Energien setzen. Sie interessieren sich für unsere Projekte – auch, weil sie ihrer Jugend Perspektiven bieten wollen. Wir haben hier in Ägypten sogar erlebt, dass Sitzungen des Regierungs-Kabinetts unterbrochen wurden, damit die Minister zu einem Termin mit uns kommen können.

Welche Schritte werden in dem Projekt als nächste folgen?

In Tunesien und Algerien prüfen wir die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit lokalen Partnern. Wir hoffen, dass sich daraus konkrete Möglichkeiten für weitere Projekte ergeben. Das können zum Beispiel Energie-Lieferungen nach Italien sein, aber auch in arabische Nachbarländer. In Algerien gibt es die interessante Idee, Gas grün zu machen.

Wie soll das funktionieren?

Wir bauen ein Kraftwerk, und deshalb verbrauchen die Algerier weniger Gas zur Stromerzeugung. Dieses Gas könnte dann nach Europa exportiert und dort auf die Klimaschutzziele angerechnet werden.

Wie groß werden die Kraftwerke?

Photovoltaik ist beliebig skalierbar. Bei CSP sollten es mindestens 150 Megawatt sein, denn nur ab solchen Größenordnungen können wir die Kosten ausreichend senken. Unser Ziel ist es, pro Cluster, also pro Ansammlung von einzelnen Anlagen, 500 bis 1?000 Megawatt zu erreichen, das entspricht dann modernen europäischen Großkraftwerken.

Wie schnell sind Sie so weit?

Wir haben einen sehr, sehr langen Zeithorizont. Bis 2020 wollen wir noch ein paar Pilotprojekte realisieren, ein paar Tausend Megawatt insgesamt. Anschließend erstreckt sich bis 2030 oder 2035 die Ausbauphase. Zahlreiche Großprojekte werden gebaut, müssen aber immer noch staatlich unterstützt und subventioniert werden. Und dann kommt die Zeit, um die es uns wirklich geht: Wenn die Technik allein bestehen kann und keine staatliche Hilfe mehr nötig ist.

Desertec sieht sich immer wieder der Kritik ausgesetzt, Nordafrika habe einen so hohen eigenen Energiebedarf, dass der Export nach Europa ein falsches Ziel sei.

Ich halte diese Kritik für verfehlt. Selbstverständlich werden hauptsächlich die Produzentenländer von Desertec profitieren. Mit dem Export von Strom können diese Staaten ja schließlich Geld verdienen. Außerdem entstehen dort die Arbeitsplätze. Und wir erwarten auch, dass der Großteil der Energie im Land bleiben wird. Letzten Endes kommt es darauf an, wo und wie fossile Energieträger am effizientesten ersetzt werden können. Es ist aber für Nordafrika wichtig und nützlich, Europa als Kapital- und Technologiegeber einzubinden. So kann der Ausbau grüner Energieerzeugung in Nordafrika massiv beschleunigt werden. Gleichzeitig kann Europa seine Klimaziele leichter und kostengünstiger erfüllen, weil die Erträge in Nordafrika durch die hohe Sonneneinstrahlung größer sind. Es gibt unserer Ansicht nach nur Gewinner.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.

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