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Der Solarboom ist zurück

Experten rechnen wegen sinkender Kosten auch für die nächsten Jahre weltweit mit einem gewaltigen Zubau.

Solarenergie
Fast die Hälfte aller neuen Photovoltaik-Anlagen wurde 2016 in China installiert. Foto: rtr

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht neue Hochrechnungen über das Wachstum der Solarenergie von Experten präsentiert werden. Die Kombination aus größeren Mengen und technischem Fortschritt macht es möglich. Schon voriges Jahr kletterte der weltweite Zubau der Photovoltaikanlagen um etwa 50 Prozent auf 76 Gigawatt – das entspricht gut 60 Atomkraftwerken. Niemals zuvor seien mehr Module installiert worden als 2016, betont Christian Westermeier, Präsident des Verbandes Solarpower Europe. Er gibt sich äußerst selbstbewusst. Erstmals habe die Photovoltaik die Windbranche bei der Neuinstallation hinter sich gelassen. Das beweise die Vielseitigkeit und die steigende Kosteneffizienz des Sonnenstroms.

Die Anlagen, die Licht in Strom umwandeln, arbeiten in vielen Ländern bereits auch billiger als neue Gas-, Kohle- und Atomkraftwerke, für die mindestens acht Cent pro Kilowattstunde berechnet werden müssen. Bei der jüngsten Ausschreibung für Photovoltaikprojekte in Deutschland hat die Bundesnetzagentur im Juni den Zuschlag für 32 Projekte für durchschnittlich 5,6 Cent pro Kilowattstunde vergeben. Bei den ersten Ausschreibungen vor zwei Jahren waren es noch mehr als neun Cent. Das entspricht einer Reduktion um mehr als ein Drittel.

Doch Deutschland, der Solarweltmeister der Zeiten um das Jahr 2010, mischt auf globaler Ebene längst nicht mehr vorne mit. Voriges Jahr kamen Anlagen mit einer Kapazität von 1,5 Gigawatt hinzu. Dieses Jahr könnten es zwei Gigawatt werden. Damit würde das von der Bundesregierung vorgegebene Ziel von 2,5 Gigawatt aber noch immer nicht erreicht.

Alle Prognosen haben denn auch eins gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass künftig die Musik in China spielt. So wurde mit einer Kapazität von 34,5 Gigawatt im vergangenen Jahr fast die Hälfte aller neuen Anlagen auf dieser Welt in der Volksrepublik installiert. Im ersten Quartal dieses Jahres kamen weitere 7,3 Gigawatt hinzu. Das ist noch einmal etwas mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Die Experten von Solarpower sehen gute Chancen für weiteres kräftiges Wachstum in China, da die kommunistische Regierung den Ausbau der Erneuerbaren weiter forcieren wolle.

Solarpower Europe jedenfalls erwartet einen Zubau für das Gesamtjahr, der bis zu 103 Gigawatt betragen könnte. Im weniger optimistischen Szenario sind es immer noch neue Sonnenkraftwerke mit einer Gesamtleistung von insgesamt gut 80 Gigawatt, was aber immer noch ein neuer Rekordwert wäre. Und für die nachfolgenden Jahre gehen die Experten mit einem Jahr für Jahr immer stärkeren Zubau aus. Das könnte im Jahr 2021 zu einer weltweiten Gesamtkapazität von fast 1000 Gigawatt führen – das wäre mehr als eine Verdreifachung im Vergleich zu 2016.

Die Zukunft des Solarstroms liegt im Eigenverbrauch

Was treibt diese Entwicklung? Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) zeigt in seinem aktuellen Jahresreport die „Lernkurve“ der Branche. Mit wachsenden Stückzahlen sind in den vergangenen Jahren die Preise mit beinahe mathematischer Präzision gesunken.

Hinzu kommen technologische Innovationen bei den Solarzellen, den Kernkomponten der Photovoltaik. Es wird viel mit Halbmetallen experimentiert, die zum Grundstoff Silizium hinzu kommen und die Wirkungsgrade der Zellen von jetzt rund 20 Prozent auf mehr als 30 Prozent erhöhen können.

In der Branche besteht kein Zweifel, dass die neuen Materialien und Verfahren die Fertigungskosten im Verhältnis zur Leistung der Zellen deutlich drücken können. So hat das US-Unternehmen First Solar, einer der weltweit führenden Hersteller, angekündigt, bis 2020 die Aufwendungen pro Watt auf 25 Cent zu halbieren. Rivalen aus China haben ähnlich ambitionierte Pläne, die ganz neue Perspektiven eröffnen.

In einem kürzlich veröffentlichten Artikel der Wissenschaftszeitschrift „Science“ hat eine Gruppe renommierter Forscher hochgerechnet, dass 2030 die gigantische Kapazität von 3000 bis 10 000 Gigawatt weltweit installiert sein könnte. Dahinter steckt der Ansatz, dass technischer Fortschritt und Ausweitung der Fertigung sich gegenseitig hochschaukeln. 10 000 Gigawatt, das wäre eine wahre Energie-Revolution und würde bedeuten, dass Sonnenstrom in großem Stil für Elektromobilität und zum Heizen eingesetzt werden könnte, ebenso wie in der Chemieindustrie und für die Erzeugung synthetischer Kraftstoffe.

Dafür braucht es aber auch neue Speicherkapazitäten, denn der Output der Zellen schießt im Tagesverlauf nach Sonnenaufgang extrem in die Höhe, um nach dem Höchststand am Mittag genauso schnell wieder abzufallen. Doch die „Science“-Autoren rechnen hoch, dass 2030 Solaranlagen mit angeschlossenem Speichern Strom für deutlich weniger als zehn Cent pro Kilowattstunde erzeugen können.

Das ist Zukunftsmusik. Doch Torsten Henzelmann von der Unternehmensberatung Roland Berger macht darauf aufmerksam, dass schon heute Solaranlagen auch ohne staatliche Unterstützung durch die garantierte Einspeisevergütung rentabel sind. Er sieht die Zukunft der Photovoltaik im Eigenverbrauch: Erzeuger nutzen die elektrische Energie selbst. Betreiber von Supermärkten etwa könnten mit Sonnenstrom vom Dach bis zu 60 Prozent des Verbrauchs von Kühlgeräten, Beleuchtung oder Computern decken. „Der Betreiber kann damit gute Renditen erwirtschaften“, so Henzelmann.

Im Eigenheim habe eine moderne Solaranlage nebst Speicher das Zeug dazu, die Versorgung mit elektrischer Energie zu 70 bis 80 Prozent zu sichern. „Die Gesamtkosten liegen umgerechnet auf die Kilowattstunde deutlich unter dem Preis, der für den konventionellen Strombezug über einen Versorger gezahlt werden muss“, sagt der Roland-Berger-Experte.

Und: Die Rentabilität der Anlagen werde sich im Laufe der nächsten Jahre deutlich erhöhen, da die Komponenten billiger werden. Komm also ein neuer Schwung für Sonnenstrom auch hierzulande? Zumindest die Marktforscher von Solarpower Europe sind optimistisch. Sie erwarten, dass gut und gerne 12,5 Gigawatt bis 2021 hinzu kommen könnten. Im günstigsten Fall könnten es sogar knapp 19 Gigawatt werden. Deutschland wäre dann immerhin mit deutlichem Vorsprung Solar-Europameister.

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