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Den Haag Monsanto vor Gericht - zumindest symbolisch

Das „Monsanto-Tribunal“ in Den Haag ist ein neuer Höhepunkt in der Kampagne von Monsanto-Gegnern. Die Vorwürfe lauten: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Ökozid und Ausbeutung von Landwirten.

A pig is fed in front of Bayer AG headquarters in Leverkusen
A pig is fed in front of the headquarters of Germany's pharmaceutical and chemical maker Bayer AG during a protest of German farmers against the planned $66 billion merger of Bayer AG with U.S. seeds and agrochemicals company Monsanto Co, in Leverkusen, Germany October 11, 2016. REUTERS/Wolfgang Rattay Foto: WOLFGANG RATTAY (X00227)

Nach der Geburt ein Schock. Sabine Grataloups Sohn, der heute neunjährige Theo, kam mit Speiseröhrenverschluss auf die Welt. Inzwischen hat er 50 Operationen hinter sich. Ärzte hätten ihr damals gesagt, Ursache der Missbildung könnten Pestizide sein, berichtete die gebürtige Französin jetzt auf dem „Monsanto-Tribunal“ in Den Haag. „Da wurde mir erst bewusst, dass ich zu Beginn meiner Schwangerschaft Glyphosat auf meinem Gelände, einem Reitplatz, benutzt habe.“

In argentinischen Studien habe sie dann gelesen, dass sich die Missbildungen dort binnen zehn Jahren vervierfacht hätten, erzählte Grataloup. Und zwar just zu der Zeit, als begonnen wurde, das Pestizid intensiv zu nutzen, etwa durch Versprühen aus Flugzeugen. Mittel wie Glyphosat hätten weltweit eine Epidemie ausgelöst. „Wir brauchen ein internationales juristisches Forum, an das sich die Betroffenen werden könne“, forderte sie.

Eindringliche Schilderungen wie diese gab es eine ganze Reihe auf dem Tribunal, das am Wochenende in Räumen der Erasmus-Universität in Den Haag stattfand und von Frankreichs Ex-Umweltministerin Corine Lepage eröffnet worden war. Zahlreiche Aktivisten-Gruppen hatten den US-Saatgut- und Pestizid-Hersteller Monsanto dort symbolisch vor Gericht gestellt.

Die „Anklage“ gegen den Konzern, den der deutsche Chemie-Multi Bayer für 66 Milliarden Dollar übernehmen will, war starker Tobak: Sie lautete unter anderem auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Ökozid und Ausbeutung von Landwirten. Behandelt wurden während der Sitzungen sechs Leitfragen, darunter. ob Monsanto das Recht auf eine sichere Umwelt, auf Nahrung sowie auf hohe Gesundheitsstandards verletzt habe.

Das nun angestrengte „Gerichtsverfahren“ ist ein neuer Höhepunkt in der seit Jahren laufenden Kampagne von Monsanto-Gegnern, für die der Konzern aus St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) die Inkarnation alles Bösen in der industriellen Landwirtschaft ist. Das Unternehmen produziert unter anderem genverändertes Saatgut und das weltweit meistgebrauchte Pestizid Glyphosat (Markenname „Roundup“), das unter Krebsverdacht steht. Den Ort des „Tribunals“ hatten die Aktivisten natürlich mit Bedacht gewählt. Den Haag ist der Sitz des Internationale Strafgerichtshofs, also die Stadt, in der sich sonst Kriegsverbrecher verantworten müssen.

Der Konzern bleibt fern

Insgesamt 30 Zeugen wurden befragt, darunter Bauern, Imker, Anwälte, Gesundheitsexperten und Wissenschaftler aus Nord- und Südamerika, Europa, Asien und Afrika. Fünf „Richter“ saßen dem Tribunal vor. Es handelte sich dabei immerhin um renommierte Juristen aus Argentinien, Belgien, Kanada, Mexiko und Senegal, darunter etwa die Ex-Vizepräsidentin des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, Françoise Tulkens. Die Befragungen liefen dementsprechend nüchtern ab.

Monsanto selbst hatte die Einladung, auf der Veranstaltung die eigene Position zu vertreten, zurückgewiesen. Die Aktion sei eine „Parodie“, und die „Verurteilung“ des Unternehmens stehe bereits fest, hieß es zur Begründung. Das Tribunal lenke von den eigentlich wichtigen Diskussionen über die globalen Bedürfnisse in Ernährung und Landwirtschaft ab, schrieb Monsanto in einem Brief an die Veranstalter. Einen „konstruktiven Dialog“ über die Perspektiven der Agrarproduktion hingegen hätte man willkommen geheißen.

Der Chemiemulti Bayer, der in den Haag quasi mit auf der Anklagebank saß, hatte es abgelehnt, das Tribunal zu kommentieren. Ein Sprecher des Leverkusener Unternehmens betonte, Monsanto sei ja noch kein Teil des eigenen Konzerns. Daher werde man sich nicht äußern. Weniger zurückhaltend zu Monsantos grundsätzlicher Strategie hatte sich indes Bayer-Vorstandschef Werner Baumann geäußert. Er erklärte jüngst in einem Interview, Monsanto habe sich seinen schlechten Ruf zum Teil selbst zuzuschreiben. Und suchte, die Kunden auf dem hiesigen Markt zu beruhigen: „Wir wollen Monsanto nicht übernehmen, um genveränderte Pflanzen in Europa zu etablieren.“

Die „Richter“ werden nun aufgrund der Zeugenaussagen ein Rechtsgutachten erarbeiten. Darin soll festgestellt werden, welchen „Schaden Monsanto an Umwelt und Gesundheit verursacht. Das „Urteil“ fäll im Dezember.

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