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Degrowth-Konferenz Neue Spielregeln in der Wirtschaft

In Malmö diskutierten Wissenschaftler und Aktivisten, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren könnte. „Das Geldsystem ist das Problem“, so der Tenor der Konferenz.

Degrowth-Konferenz in Malmö
Demonstration für eine andere Wirtschaft am Samstag zum Abschluss der Degrowth-Konferenz im schwedischen Malmö. Foto: J. Bartke

Während ich vor Ihnen auf der Bühne stehe, brennt mein Wald nieder. Also entschuldigen Sie bitte, wenn ich emotionaler als sonst bin, und vielleicht nicht ganz so konzentriert.“ So leitet der Wirtschaftsanthropologe Alf Hornborg in einem Malmöer Theater seinen Vortrag zum Zusammenhang zwischen Geldsystem und Nachhaltigkeit ein. „Ohne die Trockenheit und die Blitzeinschläge diesen Sommer wäre das nicht passiert. Das Klimadesaster ist schon angekommen.“

Die Männer und Frauen, zu denen er an diesem Abend sprechen wird, haben diese Einleitung eigentlich nicht nötig. Denn die Überzeugung, dass das menschliche Leben auf der Erde bedroht ist, wenn die Menschheit so weitermacht, hat sie alle nach Malmö geführt. Von 21. bis 25. August diskutierten sie auf der 6. Internationalen Degrowth-Konferenz darüber, wie ein Wirtschaftssystem ohne Wachstumszwang aussehen könnte. Zu Ende ging die Konferenz am Samstag mit einer Demonstration für Klimagerechtigkeit im Malmöer Stadtzentrum.

Es sind einige hundert Wissenschaftler, Studierende und Aktivisten, vor allem aus Europa, manche auch aus Ländern des globalen Südens, die sich alle zwei Jahre auf einer großen Konferenz auf Podien, in Workshops und Kaffeepausen über ihre Forschungsarbeiten austauschen, aber auch über zivilgesellschaftliche Projekte wie innovative Währungen, wachstumsunabhängige Unternehmen oder neue Formen der politischen Partizipation.
Sie fragen sich, wie eine Welt aussehen könnte, in der Unternehmen weniger Macht haben, die Demokratie dafür größere Spielräume. Sie überlegen sich, wie das Konsumniveau in westlichen Ländern auf ein Maß geschrumpft werden kann, das im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen steht. Diese Ansätze sind radikal – sie stellen den Kapitalismus infrage. 
Wer solche Ansätze vertritt, ist es gewohnt, damit allein zu sein. Diesmal aber sind die Idealisten unter sich: Per Email wurden die Teilnehmenden gebeten, vorab anzugeben, ob sie selbst eine Kaffeetasse mitbringen, um Müll zu vermeiden. Neben Kuhmilch gibt es am Buffet auch Ersatz aus Hafer. Die meisten hier sind ohne Flugzeug angereist, könnten von langen Fahrten mit Bus, Zug und Fähre erzählen. Aber obwohl möglichst umweltfreundlicher Konsum für die Konferenzteilnehmerinnen eine Selbstverständlichkeit ist, sind sie überzeugt, dass das nicht ausreicht.

„Die Strukturen müssen sich ändern, damit die Menschen echte Alternativen haben. Das Auto muss durch gute öffentliche Verkehrsmittel leicht ersetzbar werden, auf Flüge und SUVs braucht es höhere Steuern.“, sagt Politikwissenschaftler Ulrich Brand. Alternativen brauche auch der globale Süden. „Die Menschen sollen selbst entscheiden, wie sie leben wollen. Im Moment zählen nur Wirtschaftsinteressen, und unter dem Vorwand der Entwicklung werden Mensch und Natur ungebremst ausgebeutet.“

Wie aber kann ein solch tiefgreifender Wandel erreicht werden? Um Menschen zu erreichen, braucht es praktische Ansätze, ist Alf Hornborg überzeugt. „Erst in dem Moment, wo eine Lösung im Raum steht, ist es möglich, das Problem zu akzeptieren,“ sagt er. Seiner Meinung nach ist vor allem unser Geldsystem, durch das jede Form von Ware und Dienstleistung mit jeder anderen direkt vergleich- und tauschbar gemacht wird, ein Problem.

Er plädiert in seinem Vortrag dafür, mehrere parallele Geldsysteme einzuführen, um Wirtschaftskreisläufe zu trennen: Geld für Produkte aus der Region, Geld für Dinge aus dem Umkreis von ein paar tausend Kilometern Entfernung, und globales Geld beispielsweise. Damit alternative Währungen wirklich relevant werden, helfe es, wenn man zum Beispiel seine Steuern damit zahlen kann, erklärt Hornborg. Eine andere Idee ist, ein Basiseinkommen an alle Bürger in dieser Währung auszuzahlen – als Gegenleistung für einige Wochenstunden gemeinnützige Arbeit. Ein solches System wird gerade in Barcelona ausgearbeitet. Welche Arbeiten das sein sollen, werden die Bewohner für ihre Nachbarschaft jeweils selbst entscheiden.

In einer Wirtschaft ohne Wachstum gäbe es auch weniger Steuergeld für Sozialpolitik. Deshalb machen sich Degrowth-Ökonominnen dazu Gedanken, wie Gesundheitssystem, Erziehung, Altenpflege und Infrastrukturen in einer solchen Gesellschaft organisiert werden könnten. Immer wieder fällt der Begriff „commoning“. Die Idee: Privateigentum wird durch gemeinschaftlichen Besitz ersetzt, und Bürger werden in die Verwaltung und Bereitstellung von Diensten eingebunden, immer so lokal wie möglich. Das könnte Gärtnern sein, auf Kinder aufpassen, Dinge reparieren. Die nötige Zeit hätten die Menschen zum Beispiel durch eine Verkürzung der Arbeitszeit, stellt man sich in Malmö vor.

Den Teilnehmern der Konferenz ist bewusst, dass es noch lange keine Mehrheiten für solche Konzepte gibt. Doch die Überzeugung, dass sie im Recht sind und die Zeit reif ist für einen Systemwandel hin zu einer ökologischeren und solidarischeren Welt, gibt ihnen die Energie, trotz oft recht frustrierender Erfahrungen weiterzumachen.
Eine junge Aktivistin aus Schottland erzählt, wie sie sich bei den Gewerkschaften für Umweltpolitik einsetzen wollte und keiner sie ernst nahm. Umweltschutz, das sei etwas für grüne Bildungsbürger, nicht für Arbeiter. Und wenn durch Erdgas-Fracking sichere Jobs für ihre Kinder entstehen würden, dann wären diese Funktionäre dafür, auch wenn ihnen die verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt bewusst seien.

Das Problem, so der Tenor dieser Konferenz, sei vor allem der Neoliberalismus, der den Menschen die Sicherheit genommen und sie zu Einzelkämpfern in einer immer schwierigeren Welt gemacht habe, wo sie sich doch solidarisieren müssten, um sich gegen den Widerstand der Reichen und Mächtigen eine bessere Welt zu erkämpfen. Zum Nachdenken und Träumen käme man in diesem System kaum mehr.

„Die globale Ökonomie ist nichts anderes als ein Brettspiel“, sagt Hornborg. „Wenn die Bösen gewinnen, dann nicht, weil sie besser spielen als die anderen, sondern weil die Regeln so sind, wie sie sind. Aber die Spielregeln sind keine Naturgesetze. Menschen haben sie gemacht und Menschen können sie ändern.“

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