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Degrowth-Konferenz Angst vor den Kommunisten

Bei der fünften internationalen Degrowth-Konferenz in Budapest treffen Wachstumskritiker auf die Angst vor einer Rückkehr zum alten System.

03.09.2016 10:09
Leonie Sontheimer
An Vorschlägen zur Verbesserung der Situation von Flüchtlingen fehlte es bei der Konferenz. Derweil habe ungarischen Greenpeace-Aktivisten einen freien Internet-Zugang für Flüchtlinge eingerichtet. Foto: Peter Zschunke/dpa

Degrowth – die Kritik am unbeirrten Glauben an Wirtschaftswachstum – kommt aus Frankreich und ist in den letzten Jahren in zahlreichen europäischen Ländern angekommen. Besonders in Deutschland schließen sich immer mehr Akademiker und Aktivisten der Bewegung an. Doch funktioniert das westeuropäische Konzept des sozio-ökologischen Wandels auch im ehemaligen Ostblock?

In der vergangenen Woche trafen sich 400 wachstumskritische Wissenschaftler auf der 5. internationalen Degrowth-Konferenz in Budapest. Immer wieder kam es zu der Frage, wie Degrowth in Ungarn umgesetzt werden könne: „Wenn ich Leuten hier in Ungarn von meiner Arbeit erzähle, fragen Sie mich empört: Bist Du etwa Kommunistin?“, erzählt Alexandra Köves, Sprecherin der Konferenz. Sie ist ökologische Ökonomin an der Corvinus-Universität, wo die Veranstaltung stattfand. „Die Leute, die mich das fragen, haben Angst davor, auf autoritäre Weise ein neues System vorgeschrieben zu bekommen. Und sie haben Angst davor, dass jemand ihnen ihr Privateigentum wegnimmt“, sagt Köves. Degrowth teile zwar manche Argumente mit dem Kommunismus. Das läge daran, dass sie das gleiche System kritisieren – den Kapitalismus. Doch die Angst sei unberechtigt: „Degrowth ist etwas völlig anderes als Kommunismus.“

Die internationale Degrowth-Konferenz wird seit 2008 alle zwei Jahre in einer anderen Stadt abgehalten. Sie soll Degrowth für eine größere Öffentlichkeit sichtbar machen und die einzelnen Akteure vernetzen. 2014 fand die Konferenz mit 3000 Teilnehmenden in Leipzig statt und sorgte dafür, dass sich in Deutschland seither viele Wissenschaftler sowie Aktivisten mit den Themen auseinander setzen.

Unter dem Oberbegriff „Degrowth“ lassen sich viele verschiedene Themen und Forderungen einordnen. Umweltschützer, Feministen und Entwicklungskritiker – sie alle wollen die Hegemonie des Wachstumszwangs auf ihre Art brechen. Sie sind sich einig, dass endloses Wachstum auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht möglich und dass die Idee eines „Grünen Wachstums“, das von dem Ressourcenverbrauch entkoppelt werden kann, eine trügerische Illusion ist.

Die Teilnehmenden der Konferenz kommen größtenteils aus Europa, besonders Deutsche sind in hoher Zahl angereist. Doch auch Menschen aus Indien, Brasilien, Südafrika, den USA und Australien sind zugegen. Der Aufbau von interkontinentalen Allianzen ist der Gemeinschaft ein wichtiges Anliegen, die Transformation soll zu einem guten Leben für alle Menschen weltweit führen.

Die eindimensionale Orientierung am Wirtschaftswachstum, welche Degrowth kritisiert, hat sich mit der Globalisierung in den letzten 50 Jahren in nahezu allen Ländern dieser Welt breit gemacht. Gerade die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion wie Ungarn hätten diesem Narrativ viele Jahre aufgesessen, meint Zoltan Pogátsa, ungarischer Politik-Ökonom. „Während des Kommunismus waren die Ungarn sehr neidisch auf die westlichen Gesellschaften. Sie wollten so leben wie sie“, sagt Pogátsa. Auch Köves kennt diese Gedanken noch: „In meinem Kopf war Konsum mit Freiheit verbunden.“

„Das Ende des Kommunismus in Ungarn ist erst 25 Jahre her. Die Menschen hier sind daher weit davon entfernt, die Ära objektiv bewerten zu können“, sagt Köves. „Dennoch wissen wir aus unseren Erfahrungen während des Sozialismus, dass eine bestimmte Art von Gleichberechtigung existieren kann.“ So habe es etwa nur wenig Wettbewerb und keine Arbeitslosigkeit gegeben. Damit hätten die Ungarn Wurzeln, zu denen sie zurückkehren könnten. Doch Köves sieht auch, dass die Angst vor der Wiederkehr des Kommunismus die Möglichkeiten von Degrowth in Ungarn und den umliegenden Ländern einschränkt.

Ein weiteres Thema, das auf der diesjährigen Konferenz zwischen den zahlreichen wissenschaftlichen Diskussionen auftauchte, war Europas Umgang mit Flüchtlingen. Die Teilnehmenden waren sich einig darin, dass die Schließung der Grenzen kein solidarischer Umgang mit den Migranten sei. Sie setzten damit einen Akzent gegen die ungarische Regierung, die ihre Bevölkerung erfolgreich gegen Einwanderer aufhetzt.

Doch die Degrowth-Gemeinschaft tut sich schwer damit, konkrete Vorschläge zum Umgang mit Flüchtlingen zu machen. Obwohl Federico Demaria, einer der Wortführer der Bewegung, im Eröffnungsplenum dafür plädierte, „jetzt viel Energie in die Entwicklung von Prognosen zu stecken, um der interessierten Öffentlichkeit mehr anbieten zu können“, beschäftigen sich die meisten wissenschaftlichen Papiere, die auf der Konferenz präsentiert wurden, mit der Analyse dessen, was gerade nicht gut läuft.

Wer konkrete Degrowth-Projekte sehen wollte, musste lediglich das Universitäts-Gebäude verlassen. Nur wenige Minuten entfernt von dem pompösen Gebäude, das direkt an der Donau liegt, sind viele Initiativen und Kollektive angesiedelt, die Degrowth bereits praktisch umsetzten, bevor der Begriff aus Frankreich herübergeschwappt ist.

In diesem Jahr fand erstmals eine Degrowth-Woche parallel zu der Konferenz statt, die ein eigenes, kostenloses Programm anbot. „Die Degrowth-Woche war ein Kompromiss für das Dilemma, auf der einen Seite niemanden ausschließen zu wollen. Auf der anderen Seite waren wir ein kleines Team und konnten eine angemessene Infrastruktur für mehr Menschen schlicht und einfach nicht stemmen“, sagt Köves.

Eine Stadttour unter dem Motto „Wachstum und Postwachstum in Budapest“ führte am Mittwoch gleich zu mehreren Hotspots des alternativen Lebens in Ungarns Hauptstadt. In einer versteckt gelegenen Gallerie erzählt ein Mitglied der Budapest Bike Mafia, wie die selbsternannten Mafiosi Essen sammeln, das sonst weggeschmissen würde, und an Obdachlose verteilen.

Nur wenige Straßen weiter liegt das Cafe Lumen, das auf die Produkte großer Firmen verzichtet und lieber die Erzeugnisse lokaler Brauereien verkauft. Und in einem der wenigen Parks schlafen mehrere Menschen seit Monaten in Zelten, um ein Großbauprojekt zu verhindern.

„Ungarn ist ein Land der Extreme“, sagt Köves. „Die extreme Enttäuschung von der Politik führt dazu, dass die Menschen hier beginnen, Alternativen zu schaffen.“

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