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DB bestellt bei ?koda Transportation Deutsche Bahn kauft Züge in Tschechien

Neue Züge haben der Deutschen Bahn und ihren Kunden in der Vergangenheit einiges an Kummer beschert. Nun bestellt das Unternehmen zum ersten Mal Schienenfahrzeuge in Tschechien und erhofft sich davon eine Belebung des Wettbewerbs.

05.08.2013 21:16
Daniel Kortschak
Die Deutsche Bahn bestellt sechs Doppelstock-Züge und ebenso viele dazu passende Lokomotiven beim tschechischen Hersteller ?koda Transportation. Foto: ?koda Transportation/Designstudie

Immer lauter wurde in der Vergangenheit die Kritik der Deutschen Bahn an der heimischen Schienenfahrzeug-Industrie: Züge wurden viel später als vereinbart geliefert, die behördliche Zulassung der Fahrzeuge zog sich lange hin und nicht selten fielen die neuen Züge dann auch noch durch Kinderkrankheiten und Qualitätsmängel unangenehm auf. Veraltete Ersatzgarnituren und Zugausfälle verärgerten Nahverkehrs-Auftraggeber wie Kunden gleichermaßen und kratzten am Image der Bahn.

Nun wagt der bundeseigene Konzern einen bemerkenswerten Schritt: Erstmals bestellt die DB Züge beim tschechischen Schienenfahrzeug-Hersteller ?koda Transportation. Die sechs Doppelstock-Züge und ebenso viele dazu passende Lokomotiven sollen ab 2016 im Regionalverkehr auf der Schnellfahrstrecke Nürnberg-Ingolstadt und weiter nach München zum Einsatz kommen. Sie ersetzen dort die derzeit eingesetzten modifizierten IC-Garnituren, die DB Regio beim Fernverkehr angemietet hat.

"Für die DB ist es ein wichtiges strategisches Ziel mit Blick auf den deutschen Markt, den Wettbewerb in der Branche auszuweiten und zu stärken. Mit dem Vertrag haben wir einen weiteren Schritt in diese Richtung getan“, sagt DB-Technik-Vorstand Volker Kefer.

?koda Transportation wiederum, traditioneller Lieferant der Tschechischen Bahnen (?D), erhofft sich von dem 110-Millionen-Euro-Auftrag einen Vorstoß auf den westeuropäischen Markt: "Mit dem heutigen Tag haben wir die Bestätigung bekommen, dass sich ?koda Transportation in die Reihe der größten weltweiten Schienenfahrzeughersteller stellen kann. Der Abschluss dieses Vertrages ist eine Bestätigung für die Qualität und die Konkurrenzfähigkeit unserer Produkte", so Tomá? Krsek, Vorstandsvorsitzender von ?koda Transportation.

Druckdicht und mit WLAN-Zugang

Die von der DB bestellten Züge bestehen aus je fünf Zwischenwagen, einem Steuerwagen und einer Lokomotive und bieten 705 Fahrgästen einen Sitzplatz. Die klimatisierten Doppelstock-Züge werden speziell für die Begegnung mit bis zu 300 km/h schnellen ICE-Zügen druckdicht ausgeführt. Als Extra für die Fahrgäste bieten sie außerdem drahtlosen Internetzugang.

Konstruiert werden die Züge zwar für eine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h, aus zulassungstechnischen Gründen werden sie aber mit maximal 189 km/h auf der Strecke Nürnberg-Ingolstadt-München unterwegs sein. Ab einem Höchsttempo von 190 km/h gelten nämlich die deutlich strengeren EU-Zulassungsbestimmungen für Hochgeschwindigkeitszüge.

?koda Transportation verfügt über jahrelange Erfahrung beim Bau von doppelstöckigen Zügen. Für die Tschechischen Bahnen (?D) wurden von 2000 bis 2013 insgesamt 83 dreiteilige Doppelstock-Triebzüge geliefert. Sie sind unter dem Namen "City Elefant" im S-Bahn-Verkehr im Großraum Prag sowie in der Region Mährisch-Schlesien im Einsatz. Ähnliche Fahrzeuge lieferte der Schienenfahrzeughersteller aus Pilsen auch in die Slowakei, nach Litauen und in die Ukraine.

Die von der DB ebenfalls bestellten Lokomotiven des Modells 109E hat ?koda bereits in 20 Exemplaren an die ?D geliefert, zwei gingen an die slowakische Staatsbahn ZSSK. Im März 2013 hat der Lokomotivtyp die europaweite Zulassung nach TSI-Standard erhalten und damit eine wichtige Hürde für den Betrieb außerhalb Tschechiens genommen. Aktuell laufen Test- und Zulassungsfahrten unter anderem in Deutschland und Österreich.

Umstrittene Dominanz auf dem Heimatmarkt

Für die Tschechischen Bahnen (?D) liefert ?koda zurzeit außerdem zwölf einstöckige Elektro-Triebzüge "RegioPanter" aus, die im Nahverkehr in mehreren Regionen zum Einsatz kommen. Die erst im Verlauf des Auftrages von ?koda übernommene Firma Pars Nova hat außerdem insgesamt 237 ältere Dieseltriebwagen-Garnituren zu zwei- und dreiteiligen "Regionova"-Triebzügen modernisiert, die landesweit auf Nebenstrecken zum Einsatz kommen.

Der Umbau dieser Züge aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wird allerdings von einigen Fachleuten und Teilen der tschechischen Öffentlichkeit kritisiert: Die neuen Dieseltriebwagen seien laut, leistungsschwach und unbequem, heißt es. Ein Fahrgastverband hat die Züge sogar zum schlimmsten Schienenfahrzeug des Jahrzehnts gewählt. Großer Beliebtheit erfreuen sich in Tschechien hingegen die City-Elefant-Triebzüge, die gegenüber ihren Vorgängern aus den Sechzigerjahren einen deutlich besseren Komfort bieten.

Im Zusammenhang mit der Beschaffung der modernen Elektrotriebzüge wurde den ?D allerdings vorgeworfen, man habe die Ausschreibung bewusst auf Produkte von ?koda Transportation zugeschnitten. Der Hersteller und die Bahn weisen diese Anschuldigungen entschieden zurück. Der kürzlich entlassene Bahnchef Petr ?aluda verwies gegenüber tschechischen Medien etwa darauf, dass im Rahmen von europaweiten Ausschreibungen kürzlich auch ein deutscher und ein polnischer Hersteller Aufträge der ?D erhalten haben.

Die nun von der Deutschen Bahn für Bayern bestellten ?koda-Züge werden im Übrigen nicht die ersten Fahrzeuge des tschechischen Herstellers im Bestand der DB sein: Ende der Achtzigerjahre gaben die damalige Tschechoslowakischen Staatsbahnen (?SD) und die DDR-Reichsbahn bei ?koda gemeinsam 35 Zweisystem-Lokomotiven in Auftrag. Sie waren für den grenzüberschreitenden Verkehr auf der Achse Berlin-Dresden-Prag bestimmt. Dort sind sie auch heute noch mit Eurocity- und Güterzügen unterwegs.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Deutsche Bahn

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