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Crowdfunding Sauberer Strom für Afrika

Ein hessisches Start-up treibt mit Solarcontainern die Energiewende in der Subsahararegion voran.

Mitarbeiter des Projekts Greentec
Greentec will mit einfachen Mitteln sauberen Strom in Afrika produzieren. Foto: Tobias Schwab

Es ist ein bizarres Bild. Auf dem Feld einer ehemaligen Großgärtnerei im hessischen Hainburg steht ein rot-gelb-grüner Seefrachtcontainer, überdacht mit Solarmodulflügeln. Als sei vor der Kulisse des benachbarten Kohlekraftwerks Staudinger ein Flugobjekt aus dem All gelandet – und Torsten Schreiber dem Stahl-Ungetüm mit einer Botschaft entstiegen: „Unfuck the world!“

Das steht zumindest auf dem Sweatshirt, das der 44-Jährige an diesem Morgen trägt. Übersetzen könnte man es etwa so: Tu etwas Gutes, setz’ positive Energie frei! Und damit ist dann eigentlich schon ziemlich genau das Projekt beschrieben, das Schreiber und seine aus Mali stammende Frau Aida umtreibt. „Wir wollen drei Millionen Menschen in Afrika mit sauberer Energie versorgen“, sagt er und klingt dabei keineswegs größenwahnsinnig.

Uneffizientes Dieselaggregat als Auslöser 

Die Idee dazu kam ihm im Sommer 2014. Schreiber, der zwei Jahre zuvor in Frankfurt die Crowdinvesting-Plattform Bettervest zur Finanzierung von Energiesparprojekten mit aufgebaut hatte, war zur Besuch im westafrikanischen Mali. In Bamako besichtigte er ein Dieselkraftwerk, das zehn Prozent des Strombedarfs der Hauptstadt deckt. Eine Anlage aus der Kolonialzeit, die täglich 170 000 Liter Diesel verbrennt, die Luft verpestet und dabei einen erbärmlichen Wirkungsgrad erreicht. Nur ein Bruchteil der Energie wird zu Strom, der große Rest verpufft als Wärme.

„Verrückt“, sagt Schreiber – in einem Land, in dem die Sonne fast immer vom Himmel brennt. Für den gelernten Verlagskaufmann, der auch mal mit Textilien handelte und die Piratenpartei mit aufbaute, war das so etwas wie die Initialzündung. „Ich musste etwas tun“, erzählt der 44-Jährige, der sich als „Changer“ versteht, als einer, der Dinge in Bewegung bringt und die Welt verändern will.

Unternehmen zielt auf nachhaltige Wirkung

Deshalb auch initiierte er keine Spendenaktion, gründete kein klassisches Solar-Start-up, sondern „Africa Greentec“ als Social Business. Ein Unternehmen, das nicht auf Renditemaximierung, sondern große, nachhaltige Wirkung zielt. Das Produkt: schlüsselfertige Solarcontainer, ausgestattet mit ausklappbaren Modulen und leistungsstarken Lithiumbatterien für die Stromversorgung in der Nacht. Das technische Konzept tüftelten Schreiber und sein Team gemeinsam mit einem Duisburger Unternehmen aus. Die Photovoltaikanlagen können verschifft und vor Ort binnen zwei Stunden aufgebaut und in Betrieb genommen werden.

Ein erstes Containerkraftwerk läuft seit September 2015 im malischen Dorf Mourdiah und versorgt rund 1200 Menschen mit Energie – ohne klimaschädliche Emissionen und zu einem deutlich geringeren Preis. Zahlten die Kunden pro Kilowattstunde (kWh) Dieselstrom bis zu einem Euro, so sind es nun 19 Cent am Tag und 38 Cent nachts für die Sonnenenergie. Und die steht dank Speicher sogar bis zu zwölf Stunden zur Verfügung, während der Dieselgenerator gewöhnlich nur bis zu vier Stunden vor sich hinknatterte.

„Strom bringt Entwicklung in Gang“

Die Wirkung sei gewaltig, erzählt Schreiber. Schulkinder müssen abends nicht mehr im Dunst giftiger Kerosinlampen lernen, Krankenstationen könnten Medikamente, Bauern ihre Milch kühlen. „Der Strom bringt Entwicklung in Gang“, sagt der Sozialunternehmer. Ein kleiner Töpfereibetrieb, an dem neun Familien hängen, habe sich nun elektrische Knetmaschinen und Drehscheiben anschaffen können. Das spare Zeit und steigere die Produktivität. Mitarbeiter könnten nun die Tagesreise in die Hauptstadt Bamako auf sich nehmen und die Waren dort zum drei- bis vierfachen Preis verkaufen.

Entwicklungshilfe 2.0 nennt Schreiber sein Konzept. Während das Geld der Gebernationen für arme Staaten jahrzehntelang Abhängigkeiten geschaffen habe, gehe es ihm um ein „faires Geschäft auf Augenhöhe“, betont der 44-Jährige. „Wir liefern sauberen Strom und die Menschen bekommen ihn günstiger als die Dieselenergie.“

Keinen Cent Förderung von staatlichen Institutionen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit hat Africa Greentec deshalb auch in Anspruch genommen. Die Investitionsmittel – bislang rund eine Million Euro – hat Schreiber via Crowdfunding auf Plattformen wie Bettervest oder Crowd4Climate eingeworben. Drei weitere Solarcontainer sind bereits finanziert, für einen weiteren läuft die Akquise noch.

Schreiber sucht professionelle Investoren

Nun will Schreiber das Projekt auf die nächste Stufe heben und nimmt professionelle Investoren in den Blick. Ausschließlich für sie begibt er jetzt eine Tilgungsanleihe mit einem Volumen von bis zu zehn Millionen Euro. Für den Vorstandsvorsitz der emittierenden Africa Greentec Assets GmbH hat er den früheren Chef von RWE Solutions, Heinz-Werner Binzel, gewinnen können.

„Wir wollen das Geschäft jetzt skalieren“, sagt Schreiber. Mit seinem achtköpfigen Team von jungen Uni-Absolventen plant er von Hainburg aus die nächsten 50 Containerkraftwerke für Mali. 33 Standorte seien bereits identifiziert. Auch ein Pilotprojekt im Nachbarstaat Niger ist bereits geplant. Dort habe die Regierung bei erfolgreicher Umsetzung 500 Dörfer in Aussicht gestellt. Interesse gebe es auch in der Demokratischen Republik Kongo, in Burkina Faso, im Senegal und in Togo. Schreiber sieht ein Riesenpotenzial in ganz Subsahara-Afrika. Dort sind noch rund 590 Millionen Menschen ohne Stromanschluss. Nach Sonnenuntergang versinken ganze Landstriche in Dunkelheit. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung kochen mit Holz oder Holzkohle über offenem Feuer – mit gravierenden Folgen für Gesundheit und Umwelt. Das Solarkonzept von Africa Greentec kann da ohne milliardenschwere Investitionen für Großkraftwerke, Überlandleitungen und Umspannwerke für Anschluss und einen Entwicklungsschub sorgen.

„Und wir können sehr flexibel auf steigende und fallende Nachfrage reagieren“, betont Schreiber. Wächst der Strombedarf, weil sich mehr Haushalte ans lokale Netz hängen und Kleinbetriebe ihre Produktion ausweiten, könnten die Solarcontainer in Clustern stufenweise zu einem größeren Kraftwerk ausgebaut werden. „Umgekehrt sind die Einheiten innerhalb weniger Stunden auch wieder abtransportiert, wenn die Regierung etwa eine andere Energiepolitik verfolgt“, sagt Schreiber.

Das Leben der Menschen zum Besseren verändern

Doch davon geht der Visionär erst einmal nicht aus. Im Gegenteil, mit seinem Team, zu dem vor Ort in Afrika weitere acht Mitarbeiter zählen, entwickelt er sein Containerkraftwerk technisch permanent weiter. „Das ist die Zukunft“, sagt Schreiber und streicht mit der Hand über Kunststofflaminat, das die Glasmodule bald ersetzen soll.

Das Material hat gleich mehrere Vorteile: Der Wüstensand kann es nicht zerkratzen und weil es leichter ist, können doppelt so viele Module auf einem Container installiert werden. Aufwerten will er die mobilen Kraftwerke auch mit einer integrierten Anlage zur Wasseraufbereitung und Internetverbindungen. Schon jetzt liefert er den Dörfern mit dem Strom auch energiesparende LED-Lampen. Schreiber kann sich vorstellen, die Dörfer künftig auch bei der Anschaffung von verbrauchsarmen Kühlschränken zu beraten.

„Mich treibt eine innere Kraft an“, sagt Schreiber. „Ich möchte sehen, wie sich das Leben der Menschen zum Besseren verändert, und ich will meinen Kindern keinen zerstörten und überhitzten Planeten überlassen.“ Der Blick auf das Kohlekraftwerk Staudinger vor seiner Haustür in Hainburg motiviere ihn dabei täglich aufs Neue, die Energiewende in Afrika voranzutreiben.

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