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Clausthaler Und sie tun doch etwas!

Ein Soester Kommunalpolitiker wehrt sich erfolgreich gegen ein Werbemotiv der Radeberger-Brauerei.

Clausthaler
Anstoßerregend. Foto: Clausthaler

Benno Wollny tut etwas. Ausschüsse besuchen etwa – für Schule und Weiterbildung, für Umwelt, Naturschutz und Klimaschutz und den wohl wichtigsten im Stadtrat der nordrhein-westfälischen Kreisstadt Soest: den Haupt- und Finanzausschuss. Wollny schreibt auch E-Mails, etwa an die größte deutsche Brauereigruppe Radeberger mit Sitz in Frankfurt. Beides hängt zusammen. Weil Wollny auch Pressesprecher seiner Ratsfraktion ist und Wahlkreisbetreuer und hier und da und dort noch so einiges tut, schätzt er sein ehrenamtliches Engagement auf „zwischen Mini-Job und halber Stelle“.

Neulich war Benno Wollny in Leipzig, wo ihm eine Großwerbetafel von Clausthaler auffiel. Der Vorreiter der alkoholfreien Biere in Deutschland peppt derzeit seine Wahrnehmung mit einer breiten Markenkampagne auf. In der Werbewelt als „puristisch inszeniert“ bezeichnete TV-Spots und Anzeigen sollen die Zielgruppe mittels Humor, „gewürzt mit einer Prise Ironie“, so Beate Balzert, Marketingleiterin Clausthaler, zum Schmunzeln und Nachdenken anregen. Motto: „Erfrischend nüchtern“. 

Da wird etwa gefragt, ob es nicht schon genug Hipster-Biere gibt und was ein Designhotel wohl nützt, wenn man den Wasserhahn erst bei der Abreise versteht. In Leipzig allerdings fiel Wollnys Blick auf ein Plakat mit der Frage „Warum regen sich Menschen über Politiker auf?“ Antwort der Werber: „Die tun doch gar nichts!“

Wollny beschließt, doch etwas zu tun und eine Mail an die Internet-Kontaktadresse von Clausthaler zu schreiben. Er sei keineswegs humorfrei, so der SPD-Kommunalpolitiker am Telefon, aber Clausthaler sei über das Ziel hinausgeschossen. „Sie differenzieren nicht zwischen tausenden politisch Engagierten, die oft ihre Freizeit für bürgerschaftliche Arbeit einsetzen, und anderen, die möglicherweise politische Mandate zum Nichtstun benutzen. Letztere sind mir persönlich nicht bekannt, will solche jedoch nicht ausschließen“, schreibt er nüchtern an Clausthaler und, dass er sich sein Bier von nun an nicht mehr munden lassen wolle, bis der diskriminierende Text nicht mehr eingesetzt werde.

Die Brauerei braucht nur gut einen Werktag, um zu antworten, Bedauern auszudrücken und die Motivation für die Kampagne zu erläutern. „Da die Reaktionen auf das Motiv ‚Politiker‘ in den letzten Tagen gezeigt haben, dass dieses vorwiegend abgelehnt wird, haben wir reagiert und den TV-Spot gestoppt“, schreibt Balzert. Auch als Plakat solle das Motiv nicht mehr aufgehängt werden.

Damit zeigt sich Wollny vollauf zufrieden, er könne sich nun wieder „unbefangen dem Clausthaler-Konsum nähern“. Bleibt nur noch, den Mailwechsel seiner langjährigen Zeitung weiterzuleiten mit dem Hinweis: „Sie sehen, es lohnt sich, aktiv zu werden und Politikverdrossenheit im Keime zu bekämpfen.“ Dem bleibt wenig hinzuzufügen, außer, dass der Verzicht auf Anwälte, Unterlassungserklärungen und sonstige Eskalation, mal ganz nüchtern betrachtet, äußerst erfrischend ist. Geht doch, möchte man den notorisch Aufgeregten bei einem schönen Pils gerne mal zurufen.

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