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Claudia Kemfert Interview Rodung des Hambacher Forst komplett unnötig

Das Horrorszenario vom Strom-Blackout ist ohne jede Grundlage: „Wir produzieren mehr Strom, als wir brauchen, und exportieren ihn ins Ausland“, sagt Energie-Expertin Claudia Kemfert.

Hambacher Forst
Die Räumung des Hambacher Forsts geht weiter. Foto: dpa

Die Energiepolitik macht Schlagzeilen wie lange nicht mehr. Der Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen wird von der Polizei geräumt, damit der Stromkonzern RWE noch lange Braunkohle abbauen kann. Kohlekumpel demonstrieren in Halle für ihre Jobs, wo die Kohlekommission tagt. Die Debatte, wie Klimaschutz und Strukturwandel endlich vorangebracht werden können, treibt viele Menschen um. Die Berliner Energieprofessorin und Regierungsberaterin Claudia Kemfert schaltet sich hier ein. Sie sagt: Gute Lösungen sind trotz der aufgeheizten Debatte durchaus drin.

Frau Kemfert, der Streit über die Zukunft der Kohle ist eskaliert, seitdem der Stromkonzern RWE den Hambacher Forst räumen lässt. Hätte das nicht verhindert werden können?
Ja, man hätte in der Tat „erst reden, dann roden“ können und sollen. Dann hätte die Kohlekommission ausreichend Zeit für Diskussionen gehabt, um eine einvernehmliche Lösung zu finden. Die Eskalation war unnötig und kontraproduktiv. Das ist im höchsten Maße bedauerlich. Aber wenn wir schon bei „hätte“ sind: Hätte die Politik den Kohleausstieg nicht seit Jahren verschleppt, stünden wir nicht in dieser Situation. 

RWE hat eine Genehmigung zum Roden und für den weiteren Kohleabbau ...
Recht zu haben heißt nicht, Recht auf Teufel komm raus durchzusetzen. Der Konzern hätte problemlos bis zum Jahresende auf die Rodungen verzichten können.

Der Konzern argumentiert: Wenn nicht bald gerodet wird, dann fehlt der Brennstoff für die Kraftwerke und es drohen Blackouts in Nordrhein-Westfalen. Was ist da dran?
Nichts. Das Angstszenario Blackouts wird zwar oft beschworen, aber ohne jede Grundlage: Derzeit produzieren wir mehr Strom, als wir brauchen, und exportieren ihn ins Ausland. Wir könnten die ältesten und ineffizientesten Kraftwerke in Nordrhein-Westfalen sofort vom Netz nehmen und hätten immer noch genug Strom. Für die verbleibenden modernen Kraftwerke ist ausreichend Braunkohle vorhanden. Kurz: Deutschlands Energieversorgung ist sicher, auch wenn der Hambacher Wald erhalten bleibt.

Der Vorgang zeigt: Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission steht unter gewaltigem öffentlichen Druck – von Konzernen, Gewerkschaften und den betroffenen Regionen, die einen Kohleausstieg frühestens 2045 wollen. Aber auch von den Umweltverbänden, die bereits 2030 als Enddatum fordern. Kann da überhaupt eine sachgerechte Entscheidung getroffen werden?
Natürlich geht das. Die Politik hat sich nur bislang davor gedrückt. Die Konflikte gären schon lange, doch jetzt sind sie offen sichtbar. Die sehr heterogen zusammengesetzte Kommission soll nun Empfehlungen erarbeiten und sich auf einen konkreten Ausstiegspfad einigen. Keine leichte Aufgabe. Und was die Politik dann wirklich daraus macht, ist komplett offen.

Können Sie die Sorgen der Kumpel und ihrer Familien nicht verstehen, die ihre Jobs so lange wie möglich behalten wollen?
Selbstverständlich! Genau deswegen brauchen wir endlich kluge Lösungen für einen nachhaltigen Strukturwandel, Unterstützung und Perspektiven für alle Beteiligten. Man darf bitte nicht vergessen: Wir reden von einem Ende der Kohle bis zum Jahr 2030 oder etwas später. Vier von fünf Beschäftigten in der Branche sind heute über 50 Jahre alt und werden bis dahin ganz normal in Rente gehen. Für die restlichen 5000 jüngeren Arbeitskräfte werden sich in den nächsten zehn Jahren ganz gewiss Perspektiven finden, wenn wir den Strukturwandel endlich beginnen.

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