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China Volksrepublik wandelt sich zur Hightech-Nation

China ist zum größten Handelspartner Deutschlands aufgestiegen. Das nützt der hiesigen Wirtschaft. Gleichzeitig nimmt der Druck auf deutsche Unternehmen zu.

Taufe des Zugs „Fluxing“
Made in China: Taufe des Zugs „Fuxing“ in Peking in diesem Juni. Foto: rtr

China ist vieles. Für die einen ein rotes Tuch, für die anderen ein Markt der unbegrenzten Möglichkeiten – ein Status, den die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump zu verlieren drohen. Fakt ist, dass das Land mit seinen knapp 1,4 Milliarden Einwohnern voriges Jahr zum wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik aufgestiegen ist – vor europäischen Nachbarn wie Frankreich oder der weltgrößten Volkswirtschaft USA.

Importe und Exporte zwischen China und Deutschland haben sich 2016 nach Zahlen des Statistischen Bundesamts auf 170 Milliarden Euro aufsummiert. Drei Milliarden Euro weniger waren es mit Frankreich, fünf Milliarden Euro weniger mit den Vereinigten Staaten, die 2015 im Verhältnis zu Deutschland noch an erster Stelle standen.

Ein Ausrutscher ist der Wechsel kaum, zieht man die protektionistischen Tendenzen im Trump-Amerika und das Bekenntnis Chinas zu freiem Handel ins Kalkül. Andererseits sind Bekenntnisse keine Wahrheiten, solange keine Taten folgen. Und die sind weit weniger wohlklingend, wenn man etwa auf die real existierenden Export- und Geschäftsbedingungen deutscher Firmen in China schaut. Ohne lokalen Partner geht dort grundsätzlich nichts und oft hält dieser zwangsweise auch die Mehrheit.

Der Reflex, das adäquat zu vergelten, ist politisch. So hat die Bundesregierung kurz nach ihrem jüngsten Bekenntnis zum Freihandel beim G20-Treffen ihre Vetorechte bei der Übernahme deutscher Firmen durch ausländische Investoren deutlich erweitert. Auf wen das im Kern zielt, ist klar. Investoren keines anderen Landes haben hierzulande in letzter Zeit bei Übernahmen oder den Versuchen dazu für so viel politisches Magengrimmen gesorgt wie die aus dem Land der aufgehenden Sonne. Krauss-Maffei, Kuka, Aixtron, Osram sind nur die bekanntesten Namen in einer Reihe von Firmen aufsteigender Wichtigkeit und Prominenz. 86 Milliarden Dollar haben chinesische Unternehmen 2016 in Übernahmen in Europa gesteckt. Für 13 Milliarden Euro wurden deutsche Firmen aufgekauft, eine Verzehnfachung binnen Jahresfrist. Die Industrieperle Kuka war es, die das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht hat. Am Augsburger Roboterbauer hat sich die Diskussion um einen Ausverkauf deutschen Know-hows nach Fernost entzündet. Auf einen Hilferuf aus der heimischen Wirtschaft geht das nicht zurück.

Im Gegenteil werden die politischen Muskelspiele bei hiesigen Industrieverbänden allgemein als ein Stück unwillkommener Protektionismus empfunden. Die deutsche Wirtschaft drängt nach China, was ohne Partner von dort nicht nur aus politischen Gründen kaum geht. Die Regeln des Wirtschaftens gehorchen dort anderen Gesetzen, die Nicht-Chinesen meist verschlossen bleiben. Darin sind sich deutsche Unternehmen mit chinesischen Partnern oder Aktionären einig.

Wirft man einen Blick auf das Paradebeispiel Kuka wirken politische Vorbehalte ohnehin überzogen. Die Augsburger haben mit dem chinesischen Mehrheitseigner Midea ihren Wunschpartner gefunden. Stellen- und Standortgarantien bis 2023, verbindliche Zusagen sowohl Know-how wie die Interessen von Kuka-Kunden zu wahren, die vor allem aus der deutschen Autoindustrie stammen, das sind Details aus den Investorenverträgen, die man einem Käufer aus dem Westen in diesem Ausmaß realistischerweise nicht abringen kann. Auch heimische Gewerkschaften zeigten sich am Ende im Gegensatz zur Politik zufrieden.

Nun muss man ehrlicherweise anmerken, dass die voriges Jahr geschlossene Ehe zwischen Kuka und Midea noch am Anfang steht und Versprechen erst dann wirklich einen Wert gewinnen, wenn sie Krisen und andere Belastungsproben überstanden haben. So weit ist es bei Kuka und Midea noch nicht. Fakt ist aber auch, dass feindliche Übernahmen und das Aussaugen von Firmen durch Heuschrecken bislang eine exklusiv westliche Erfindung sind.

Also keine Angst vor China auf dem Feld der Wirtschaft? So einfach ist es nicht. Das fängt schon damit an, dass der chinesische Markt nicht frei ist und die dortige Staatsmacht entgegen aller Reden nicht zum Hüter des freien Welthandels taugt. Mehrere Branchen sind in China bislang generell vor Übernahmen aus dem Ausland abgeschottet. Fairen Zugang und Firmenübernahmen – wie im Westen bislang üblich – erlaubt die Politik dort so gut wie nicht. In ausgewählten Schlüsselbranchen subventioniert der Staat hemmungslos, um ausländische Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Deutsche Hersteller von Solarmodulen können ein Lied davon singen, auch wenn hier viele Firmenschicksale hausgemachten Fehlern geschuldet sind.

Was die chinesische Industrie aber vor allem für ihre westliche Konkurrenz bedrohlich macht, ist ihr qualitativer Wandel. China ist längst nicht mehr nur Absatzmarkt für westliche Waren oder verlängerte Werkbank für einfache Arbeiten. Wohin die chinesische Wirtschaft sich entwickelt, zeigt nichts besser als ein Blick ins Europäische Patentamt.

Um ein Viertel auf 7 150 Patentanmeldungen ist die Zahl an Schutzrechtsersuchen aus China dort voriges Jahr gestiegen. Keine der 20 global führenden Patentnationen erreicht auch nur annähernd eine vergleichbare Steigerungsrate. Kluge Köpfe aus China haben ihr Land auf Rang sechs der Anmeldernationen gehoben. Wenn nichts außergewöhnliches passiert, wird China 2017 auch die Schweiz hinter sich lassen. Auch Frankreich kommt mit gut 10 000 Anmeldungen in Reichweite. Für Deutschland mit im Vorjahr gut 25 000 europäischen Schutzrechtsersuchen hinter den USA auf Rang zwei der Patentstatistik gilt das nicht. Aber klar ist, in China erwächst rasant neue Hightech-Konkurrenz.

Das illustriert auch ein Blick auf die anmeldefreudigsten Konzerne. An der Spitze steht dabei beim Europäischen Patentamt der niederländische Philips-Konzern mit 2016 exakt 2 568 Anmeldungen (plus 6,9 Prozent). Auf Rang zwei geschoben hat sich mit Huawei ein chinesischer Telekommunikationsausrüster, der nicht nur in dieser Hinsicht ist, was Siemens einmal war. Die Münchner schafften es im Vorjahr mit 1 871 europäischen Patentanmeldungen auf Rang sechs, Tendenz sinkend.

Was der deutschen Industrie aus China hinsichtlich Hightech blüht, zeigt auch ein Blick auf die Verteilung von Patentersuchen. Die konzentrieren sich im Fall von China zu 84 Prozent auf gerade einmal 15 ausgesuchte Technologiefelder – allen voran Digitaltechnik, Computertechnologie und Telekommunikation. Dahinter steht politische Steuerung. Die hat andernorts bereits dazu geführt, dass der weltgrößte Hersteller von Elektroautos Build Your Dreams (BYD) heißt und aus China stammt.

Weltleitmarkt ist China auch für die Photovoltaik und damit für eine weitere Zukunftstechnologie. Hier hat Deutschland längst die einstige Führungsrolle verloren. Selbst heimische Vorzeigekonzerne wie Siemens werden durch chinesische Wirtschaftsmächte ins Grübeln gebracht. So verhandeln die Münchner mit dem kanadischen Wettbewerber Bombardier über eine Fusion in der Bahntechnik. Das ist eine Branche, die bis vor kurzem im weltweiten Maßstab fest in der Hand eines westlichen Trios lag. Neben Siemens und Bombardier war das noch die französische Alstom. Nach einer innerchinesischen Fusion ist aber mittlerweile die hierzulande nur in Expertenkreisen bekannte CRRC aus China zum mit Abstand weltgrößten Bahntechnikhersteller aufgestiegen, der nun auch auf westlichen Märkten anzubieten beginnt. Vor allem auch deswegen verhandeln Siemens und Bombardier.

China ist wahrlich vieles, perspektivisch gesehen vor allem ernsthafter Konkurrent auf den Hightech-Märkten von morgen. Damit ist kein fernes Übermorgen gemeint, sondern zumindest in einzelnen Branchen die wirklich nahe Zukunft. Noch liegt in der deutschen Industrie der Fokus vielfach einseitig auf dem Absatzmarkt China. Wer das nicht erkennt, könnte ein unschönes Erwachen erleben. Um das zu verhindern, müssen deutsche Unternehmen in China aber auch die Handlungsfreiheiten erhalten, wie sie sie von westlichen Märkten kennen. Das wiederum ist ohne politische Schützenhilfe kaum möglich. Deshalb liegt in diesem Punkt die vordringlichste wirtschaftspolitische Verantwortung der Bundesregierung. Falls die neuen Vetorechte gegen Übernahmen aus China dafür als Verhandlungsmasse eingesetzt werden, können auch sie noch Nutzen stiften.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier China

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