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Callcenter Steuergeld für Lohndrücker

Callcenter kassieren Subventionen. Bund und Länder fördern mit Millionen Steuergeldern Betriebe, die Dumpinglöhne zahlen. Viele Beschäftigte sind auf Hartz IV angewiesen. Von Markus Sievers

Die Call-Center-Betreiber in Deutschland wollen schärfer gegen "schwarzeSchafe" ihrer Branche vorgehen. Foto: dpa

Berlin. Bund und Länder fördern mit Millionen Steuergeldern Betriebe, die Dumpinglöhne an ihre Beschäftigten zahlen. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei hervor. Demnach flossen zwischen 2004 und 2007 knapp hundert Millionen Euro an die Callcenter-Branche, die für eine extrem schlechte Bezahlung bekannt ist und in der es keinen Mindestlohn gibt.

Entsprechend hoch ist der Anteil der Aufstocker, die zur Existenzsicherung trotz der Arbeit auf zusätzliches Hartz IV angewiesen sind. Nach Angaben der Bundesregierung waren im Juni 2008 von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten neun Prozent auf diese Hilfe angewiesen. Bei den anderen Jobs lag der Anteil sogar bei 18 Prozent.

"Der Anteil der sogenannten Aufstocker ist damit dreimal so hoch wie in der Wirtschaft insgesamt", beklagt Sabine Zimmermann von der Linkspartei. Wahrscheinlich handele es sich um Zehntausende. Genaueres lasse sich wegen unzureichender Statistiken nicht sagen. Es sei ein "Skandal, dass die Politik den Beschäftigten den Mindestlohn verweigert und zugleich die Branche mit Millionen Steuergeldern subventioniert". Billigjobs würden so gleich mehrfach subventioniert: erst durch die Wirtschaftsförderung, dann durch ergänzendes Arbeitslosengeld II.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi beklagt seit langem die Missstände in diesem Wirtschaftszweig. Laut einer Verdi-Erhebung liegen die Grundlöhne zwischen fünf und sieben Euro, wobei die Entgelte im Osten, etwa in Frankfurt/Oder oder Berlin, besonders niedrig sind. Auch die Arbeitsbedingungen gelten als kritisch. Telefonistinnen in Callcentern sind überdurchschnittlich oft krank.

Hohe Gewinne

Dabei ist die Branche längst den Kinderschuhen entwachsen und laut Bundesregierung "zu einem festen Bestandteil des Wirtschaftslebens geworden". Immer mehr und sehr unterschiedliche Dienstleistungsfirmen nutzten diese Einrichtungen, um ihren Service zu verbessern und rund um die Uhr für die Kunden erreichbar zu sein. Im Zusammenhang mit dem starken Wachstum achte die Branche zunehmend auf eine "Professionalisierung" und bilde ihre "Dialog-Profis" zunehmend selbst aus. Sie erwirtschafte in etwa 5700 Betrieben mit rund 440 000 Beschäftigten zwölf Milliarden Umsatz, so die Bundesregierung.

Die Kehrseite der niedrigen Löhne seien "enorme Gewinne", meint Arbeitsmarktexpertin Zimmermann. Laut einer Studie seien die Profite zwischen 1996 und 2007 um zwölf Prozent jährlich gewachsen. Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite habe bei 29 Prozent gelegen.

Die schwarz-rote Koalition hat zwar mit der Reform des Entsendegesetzes die Möglichkeit für Mindestlöhne in einzelnen Branchen erweitert. Diese können aber nur genutzt werden, wenn Tarifverträge mit einer Tarifbindung von mindestens 50 Prozent vorliegen. Das ist bei den Callcentern nicht der Fall.

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