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Burton Lee „Die Deutschen haben noch große Probleme“

Innovationsexperte Burton Lee spricht im Interview über hinkende Digitalisierung, das hiesige Bildungssystem und Gegensätze in Silicon Valley.

Google Inc
Der Eingang von Google Inc in Silicon Valley. Foto: Imago

Burton Lee ist gefragter US-Experte rund um Innovationen und Unternehmensgründungen aus dem Silicon Valley. Er kennt sich bestens mit Deutschland aus. Lee sitzt oben im Büro des US-Generalkonsuls in Düsseldorf. Der Blick dort ist außergewöhnlich schön, man hat das große Ganze vor sich. Und darum geht es ja auch in Bezug auf die Zukunft der Wirtschaft. Seine Kritik, zum Beispiel an Deutschland, ist nie bissig, sondern stets konstruktiv. Er macht sich Sorgen, dass hierzulande zu lange eine Entwicklung verschlafen wird, die für die Zukunft der Ökonomie entscheidend sein könnte: die Digitalisierung.

Professor Lee, Google, Amazon und Facebook investieren in die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Solche Phasen hat es ja schon häufiger gegeben, etwa in den 70er Jahren. Erst waren die Hoffnungen groß, doch dann ließ das Interesse nach. Ist es jetzt anders?
Ja, heute ist das ganz anders. Und das ist kein Hype. Es gibt enorm viel Bewegung in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI). Das ist nicht nur in den USA so, sondern weltweit. Aber besonders in den USA gibt es Bereiche, in welche die KI besonders rasant vordringt. Allen voran das autonome Fahren.

Und dabei hat die Autoindustrie diese Entwicklung verschlafen?
Die großen Autokonzerne wie General Motors oder Ford hatten in diesem Bereich überhaupt keine Kompetenzen. Erst vor kurzem sind sie in die Entwicklung der KI eingestiegen, indem sie beide ein Start-up in Silicon Valley für eine Milliarde Dollar gekauft haben.

Die US-Autoindustrie war nicht vorbereitet. Die deutsche dann vermutlich auch nicht?
Die Amerikaner waren eigentlich schlechter vorbereitet als die Deutschen. US-Autofirmen sind im Vergleich in der Forschung nicht so stark wie BMW oder Daimler. Nun laufen sie alle Tesla hinterher.

Könnte Tesla die alten Firmen vom Markt verdrängen?
Tesla hat sich bereits einen Vorsprung erarbeitet, allein schon wegen ihrer viel besseren Batterie- und Softwaretechnologie. Vor allem aber ist Tesla eben viel eher eine Softwarefirma. Und leider haben die Deutschen nach wie vor große Probleme in Bezug auf ihre Software-Strategie und der Software-Kultur.

Wie meinen Sie das?
Es gibt in Deutschland immer noch große Konflikte zwischen der Software-Branche und der alten überwiegenden Maschinenbau-Tradition. Diese Großkonzerne verstehen heute noch nicht so richtig, wie man Software-Mannschaften eigentlich einbindet und führt. Viele dieser Firmen kapieren Software kulturell und strategisch einfach nicht. Das ist bei Tesla ganz anders. Tesla-Chef Elon Musk versteht sowohl konsumorientierte als auch industrielle Software sehr gut. Und jetzt baut er Autos, Energiespeicheranlagen und Raumschiffe, weil er weiß, wie man Hardware-Systeme mit Software-basierten Geschäftsmodellen kombinieren und verkaufen kann.

Das ist eine andere Denkkultur als in Deutschland, meinen Sie?
Ja, die deutschen und amerikanischen Autobauer dachten bis vor kurzem immer noch: zuerst Hardware, dann die Software. Musk macht es genau umgekehrt. Bei ihm steht die Kunden-Erfahrung ganz vorne, dann kommt die Software und zum Schluss die Hardware. Er ist ein Software-Typ. Wenn man so denkt, bekommt man andere Produkte, Geschäftsmodelle und andere Abläufe in die Unternehmen. In Deutschland und Europa denkt man immer noch zu sehr in den herkömmlichen Bahnen.

Ist das gefährlich für die deutsche Industrie?
Sehr gefährlich. Ich mache mir darüber große Sorgen, ob und wie schnell die deutsche Industrie die Digitalisierung vorantreiben kann. Ich habe den Eindruck, dass etwa in China die Top-Firmen viel strategischer vorgehen. Und auch der chinesische Staat verfolgt eine umfassende Strategie im Umgang mit Digitalisierung, Daten und Künstlicher Intelligenz. In Europa hingegen herrscht immer noch die Maschinenbau-Kultur, das andere ist zu abstrakt.

Die Maschinenbau-Kultur Deutschlands war ein Vorteil in der Wirtschaftskrise.
Die Deindustrialisierung in den letzten 20 Jahren war ein großer Fehler der USA. Wir sind dadurch immer abhängiger von der deutschen und chinesischen Industrie geworden. Deutschland hat in der Produktion Kompetenzen, die uns fehlen. Ich sage nicht, dass Deutschland nicht weiter auf die Industrie setzen sollte, es sollte nur gleichzeitig eine Software- und Daten-Branche aufbauen. Dass es geht, sieht man in Berlin, dort hat sich ein sehr wichtiges Software-Cluster gebildet. Eine Entwicklung, die nicht von der Regierung gesteuert wurde. Die Berliner Konsum-Software-Start-ups sind richtig gut und erfolgreich. Sie wachsen schnell. Deutschland braucht viel mehr solcher Firmen. Berlin ist ein ganz neues und einzigartiges Modell für regionales Wirtschaftswachstum in Deutschland und Europa. Diese Stadt zeigt, dass man viele neue Arbeitsplätze schaffen kann nur durch die Konzentration auf Software. Das gibt es in ganz Europa nicht.

Sie beraten auch im Ruhrgebiet, wo Sie an der Ruhr-Universität Bochum als Gastprofessor gewesen sind. Was kann diese strukturschwache Region tun?
Es gibt 41.000 Studenten an der Ruhr-Universität. Ich habe 2016 gefragt, wie viele Studenten als Software-Entwickler ausgebildet werden. Sie sagten mir, zwischen 200 und 250 – von 41 000 Studenten! Und das inmitten eines Gebiets, in dem alle Firmen nach Software-Experten rufen. Dem Ruhrgebiet würden vielleicht 10.000 IT-Fachleute fehlen, sagte man mir. Es liegt nicht allein in der Verantwortung der Uni, sondern ist auch eine Frage der Interessen der Studenten. Aber die muss man für so etwas einfach begeistern. Ich habe die Informatik-Professoren gefragt: Gehen Sie zu den Unternehmen, wenn sie neue Lehrprogramme entwickeln? Diese Professoren antworteten: Nein, wir fragen die Firmen nie, was sie benötigen, wir machen das, was wir glauben, das für die Forschung richtig ist. Das ist meiner Meinung nach der völlig falsche Ansatz. Sie müssen sich mit lokalen Betrieben befassen und auch mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Gebiets. Jetzt versteht man langsam, dass man sich strategisch mehr ausbaut.

Wie ist es in den Schulen. Was braucht ein guter Informatiker?
Ich kenne deutsche Schulen nicht. Ich konzentriere mich auf die Universitäten. Die Isländer oder Japaner fangen sehr früh an, den Kindern das Programmieren beizubringen. Die Ausbildung mit Software und Robotik muss vor den Universitäten beginnen. Es geht um Ausbildung, Kreativität, durch Software-Programmieren. Das ist sehr wichtig für die Kreatitivät der Schüler! Sie müssen eine Idee entwickeln, diese umsetzen und sehen: es geht! Viele Lehrer sind aber selbst nicht ausgebildet, das Programmieren zu unterrichten. Es ist schon gut, dass die Bundesregierung stark in die Hardware an den Schulen investiert. Aber was ist mit Software-Programmieren? Ohne Software funktioniert Hardware nicht. Und die Schüler müssen die Software-Anwendungen verstehen. Hardware ist für sich nur wie Steine.

Sie klingen pessimistisch in Bezug auf das Bildungssystem in Deutschland.
Was mich besorgt, ist, dass es in Deutschland eine tiefe Trennung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gibt. Wenn man eine Mauer zwischen diesen Bereichen gezogen hat, ist es viel schwieriger eine Start-up-Szene und eine neue Software-Branche aufzubauen und Wachstum zu generieren. An den Fachhochschulen ist es etwas anders. Für nachhaltiges Wachstum benötigt man Wirtschaft zusammen mit Wissenschaft.

Wie ist das denn im Silicon Valley, ist dort das Zusammenspiel perfekt?
Es ist überhaupt nicht perfekt. Wir machen einige Sachen dort sehr, sehr gut, alles, was mit Computer-Wissenschaft zu tun hat. Silicon Valley ist gut in Software-Entwicklung, KI, Big Data, Autos, Halbleiter. Es gibt aber keinen Plan für Silicon Valley, alles ist total chaotisch. Mittlerweile sind die Summen, die von den IT-Unternehmen in ihre Forschungen investieren, viel größer als die von der US-Regierung investierten IT-Gelder. Allein Amazon hat im letzten Jahr 16 Milliarden Dollar in Forschung investiert. Addiert man die Forschungsbudgets von Facebook, Microsoft, Google, sieht man, dass weit über 39 Milliarden in KI, Software und Daten-Forschung fließen. Allerdings gibt es auch die schlechte Seite.

Wie sieht die aus?
Ich wohne nur 100 Meter von Facebook entfernt, auf meiner Seite der Gleise befindet sich die ärmste Nachbarschaft Silicon Valleys. Die Familien sind Afro-Amerikaner, Hispanics. Sie arbeiten als Gärtner oder bei McDonald’s. Sie leben in kleinen ärmlichen Häusern. Auf der anderen Seite steht eine Firma im Wert von 500 Milliarden Dollar, das Durchschnittsgehalt liegt bei mehr als 125 000 Dollar im Jahr. Diese Unterschiede liegen in einer Reichweite von nur 100 Metern. Im Silicon Valley gibt es also die große Kluft und viele können nicht an den guten Seiten der Technologie partizipieren. Die Frage, die überall gestellt werden muss, ist, wie wir den Gewinn des technologischen Wachstums besser verteilen können.

Stehen wir wieder vor einer Revolution? Verändert sich die Wirtschaft so massiv, dass man von einem großen Sprung sprechen muss?
Ja. Wir feiern 500 Jahre Martin Luther. Was wir heute erleben, ist eine massive Beschleunigung des kulturellen Wandels, der sich mit der Luther-Zeit vergleichen lässt. Es beginnt weltweit eine ähnliche Umgestaltung der Welt. Wir alle haben Probleme mit dem Kulturwandel. Die industriellen Wachstumsprobleme in Deutschland und Europa sind jedoch größer als in den USA. Einfach deshalb, weil zu wenig über Unternehmenskultur gesprochen wird.

Interview: Michael Hesse

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