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Bürgerversicherung Die Propagandamaschinerie der PKV

Der Streit über die Einführung einer Bürgerversicherung kocht hoch. In der Debatte ist der privaten Krankenversicherung (PKV) offenbar jedes Mittel recht. Unsere Analyse.

Krankenkasse
Müssen Kassenpatienten länger auf einen Arzttermin warten als Privatversicherte? Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Als es um die Bildung einer Jamaika-Koalition ging, konnten sich die privaten Krankenversicherer entspannt zurücklehnen. Schon aus den ersten Sondierungs-Papieren ging hervor, dass das Thema Bürgerversicherung keines mehr war.

Die Grünen waren realistisch genug, um sich angesichts der ablehnenden Übermacht aus CDU, CSU und FDP hierbei nicht zu verkämpfen. Allenfalls ein erleichterter Wechsel von Beamten in die gesetzliche Krankenversicherung und eine (Wieder)annährung an eine paritätische Finanzierung schienen noch möglich.

Seit einigen Tagen hat sich die Lage aus Sicht der privaten Krankenversicherung (PKV) allerdings dramatisch geändert. Rote Linien will die SPD zwar nicht ziehen, doch die Einführung einer Bürgerversicherung wird immer wieder als Bedingung für die Bildung einer großen Koalition genannt.

Auch in der Union gibt es durchaus Stimmen, die es zunehmend schwerer finden zu erklären, warum sich gerade die mit einem sicheren Job gesegneten Beamten und die Gutverdiener aus der Solidargemeinschaft verabschieden können.

Wer neue Fakten erwartet, wird enttäuscht

Höchste Zeit für die PKV, die Propagandamaschinerie anzuwerfen, um die Bevölkerung zu warnen. Damit das Ganze nicht zu plump daherkommt, wird das Wissenschaftliche Institut der PKV bemüht. Weil die direkte Debatte über die Bürgerversicherung zu sperrig erscheint, hat sich das Institut erneut mit einem Thema beschäftigt, das etwas greifbarer ist: Müssen Kassenpatienten länger auf einen Arzttermin warten als Privatversicherte? Also gibt es die von der SPD behauptete Zwei-Klassen-Medizin überhaupt?

Wer nun aber neue Fakten erwartet, wird enttäuscht. Die Studie verweist lediglich auf andere Untersuchungen, ignoriert dann aber einfach deren Ergebnisse. So kam die Versichertenbefragung 2017 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zwar zu dem Schluss, dass bei Hausarztterminen die Unterschiede nicht mehr so groß sind. Bei Fachärzten sieht die Lage aber anders aus: Hier gaben immerhin 30 Prozent der gesetzlich Versicherten an, mehr als drei Wochen warten zu müssen. Bei den Privatpatienten betrug dieser Anteil nur 17 Prozent.

Ähnlich auch die Ergebnisse einer 2011 von der Uni Hamburg veröffentlichten Studie: Sie ergab, dass Kassenpatienten im Schnitt 2,3 Tage auf einen Termin beim Hausarzt warten müssen, bei den Privatversicherten waren es 1,4 Tage. Gravierende Unterschiede traten aber auch hier bei den Fachärzten auf: Die Wartezeit bei den gesetzlich Versicherten betrug durchschnittlich 16 Tage, bei den Privatpatienten aber nur sieben Tage. Überraschendes Fazit der Autoren: Die vom Versichertenstatus abhängigen Unterschiede bei der Wartezeit seien „relativ gering“.

Mit den Ergebnissen der letztgenannten Studie treibt es das PKV-Institut dann auch noch auf die Spitze: Auf abenteuerliche Weise rechnen die Autoren aus, wie sich die Wartezeit im Schnitt verkürzen würde, wenn es keine Privatversicherten mehr gäbe. Bei Hausärzten sänke sie danach um nur 0,1 Tage, bei Fachärzten lediglich um 0,98 Tage – was allerdings in dieser Durchschnittsbetrachtung an der vergleichsweise geringen Zahl von Privatversicherten liegt. Dennoch lautet die Schlussfolgerung: Bei Abschaffung der PKV würde sich die Wartezeit nicht spürbar verringern. Was aus Sicht der PKV zu beweisen war.

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