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Brexit Angst vor dem harten Schnitt

Gut ein Jahr vor dem Brexit wächst die Sorge vor dessen Folgen. Deshalb fordert die deutsche Industrie nun eine Übergangsfrist.

Brexit
Brexit - Angst vor dem harten Schnitt. Foto: Laurent Dubrule (EPA)

Die chronisch kranke Frau in Manchester braucht dringend das Medikament, das ihr ein französisches Pharmaunternehmen liefert. Eigentlich kein Problem. Doch an diesem Tag steht der Lkw mit der verderblichen Arznei beim Übergang von Frankreich nach England derart im Stau, dass die Lieferung nicht mehr rechtzeitig ankommen kann. Die Zollbeamten sind heillos überfordert mit dem ausufernden Papierkram.

Noch ist das eine Horrorvision für die Zeit nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus dem Binnenmarkt. Doch weit ist Europa nicht mehr davon entfernt, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gut eine Woche vor dem nächsten EU-Gipfel warnt. „Die Nervosität in den Unternehmen und bei den Beschäftigten wächst“, betont BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Sein Verband hat zusammen mit befreundeten Organisationen versucht, die vielen praktischen Probleme in Zusammenhang mit dem ungeliebten Brexit zu erfassen.

Zollverwaltung muss aufstocken

Eines davon sind die viel zu geringen Kapazitäten der Zollverwaltung. Gerade haben die Niederländer 750 Stellen für diese Aufgabe in ihren Häfen ausgeschrieben. Wie viele Leute Deutschland, Belgien und andere Länder brauchen, weiß niemand so genau. Sicher ist, dass die Frauen und Männer, die künftig den Handel zwischen Europäischer Union und ihrem Nachbarland Großbritannien kontrollieren sollen, ausgebildet werden müssen. Das braucht Jahre. Nur ein Beispiel für die zunehmende Sorge, dass den Beteiligten die Zeit davonläuft.

In 380 Tagen endet die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der EU. Doch die Verhandlungen stocken, vor allem weil die Briten nicht vorbereitet scheinen auf die Härten, die ihre Entscheidung für sie mitbringt. Der BDI als Vertretung der deutschen Industriekonzerne fordert daher, die Frist durch eine Übergangsphase nach dem 29. März 2019 zu verlängern.

Wer glaubt, der Brexit sei bisher nur Gerede und nicht spürbar, täuscht sich. Schon längst zeigt sich, dass die Firmen reagieren – und zwar negativ. Die britische Regierung geht von einem Wachstum in Höhe von gerade 1,4 Prozent in diesem Jahr aus. Das ist der schwächste Wert aller EU-Länder. Spürbar sind die Investitionen durch ausländische Unternehmen zurückgegangen. Auch das Handelsvolumen zwischen der EU und dem Noch-Mitglied schrumpft, während im übrigen Europa Ex- und Importe florieren. Von Platz zwei ist Großbritannien auf Rang fünf der wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgerutscht.

Unklar bleibt, wie die Scheidung abläuft. Dürften sie sich etwas wünschen, würden die hiesigen Industriekonzerne die Rücknahme der Trennung nennen. Das aber haben die Briten ausgeschlossen. Und so bewegen sich die Szenarien zwischen einem harten Schnitt und dem Erhalt möglichst vieler Gemeinsamkeiten.

Das Modell dafür liefert Norwegen. Die Skandinavier haben auch ohne Mitgliedschaft in der EU freien Zugang zum Binnenmarkt. Dafür allerdings zahlen sie einen hohen Preis, nicht nur finanziell, sondern auch rechtlich. Beispielsweise müssen sie EU-Bestimmungen übernehmen, ohne mitentscheiden zu können. Für London daher kein Vorbild. Die deutsche Exportwirtschaft ist verwöhnt von idealen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das wird sich bald ändern.

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