Lade Inhalte...

Börse Wenn das Messer fällt

Börsenweisheiten gelten als eherne Gesetze: Doch was ist wirklich an ihnen dran?

"Sell in May and go away" - was ist wirklich dran an dieser Börsenweisheit? Foto: dpa

Jedes Jahr im Mai stellen sich Anleger die Frage, ob sie die berühmteste aller Börsenweisheiten befolgen und sich von ihren Aktien trennen sollen. Doch was ist wirklich dran an Weisheiten wie „Sell in May ... “? Ein Aufklärungsversuch.

„Sell in May and go away ...“ Es ist die wohl bekannteste Börsenweisheit: „Verkaufe im Mai und verabschiede dich“ (von der Börse). Sie stützt sich auf die angebliche Beobachtung, dass die Aktienkurse in den Monaten Januar bis Mai häufig kräftig steigen, um dann in eine Art Frühjahrsmüdigkeit zu verfallen, die nahtlos in eine sommerliche Lethargie übergeht. Im Herbst aber soll es dann wieder aufwärts gehen. Denn die Börsenweisheit besteht noch aus einem zweiten Satz:

„... but remember to come back in September.“ („Denk daran, im September zurückzukehren.“) Tatsächlich scheint es aktuell sinnvoll, zu verkaufen und erst im Herbst wieder einzusteigen: Denn der Dax notiert nahe seinem Höchststand. „Das hohe Kursniveau nimmt vieles von der positiven Erwartung vorweg“, warnt Anja Welz, Vorstand der Laureus AG Privat Finanz. Hinzu kommen Unsicherheitsfaktoren: Eine Eskalation der Ukraine-Krise kann jederzeit einen Kurseinbruch auslösen. Auch die Entscheidung der US-Notenbank Fed, ihre Anleihekäufe allmählich einzustellen, könnte die Stimmung noch erheblich dämpfen.

Also jetzt im Mai nichts wie raus mit den Aktien aus den Wertpapierdepots? Für Sven Scherner, Vermögensberater der Honoris Treuhand, ist es nachweisbar, dass es sich in der Vergangenheit bewährt hat, im Mai zu verkaufen und im September wieder einzusteigen. Seit 1994 liege hier die Trefferquote für den Dax bei 62 Prozent.

Blicke man noch weiter zurück, seien die Zahlen noch deutlicher, so Scherner. So belege die Kursstatistik für den Dax, wenn man ihn bis ins Jahr 1959 zurückrechnet, dass die Monate Mai, Juni, August und September die schwächsten Börsenmonate sind: „Wer 10 000 Euro im Jahr 1959 in den Dax investiert und nichts verändert hat, kann sich über ein Kapital von rund 250 000 Euro freuen“, so Scherner. Ein Anleger, der nur im Herbst und Winter an der Börse investiert gewesen wäre, hätte Scherner zufolge aber das Doppelte angehäuft, nämlich rund 500 000 Euro.

Scherner hat versucht zu ergründen, woran es liegt, dass es im Frühjahr und Sommer an der Börse schlechter läuft als im Herbst und Winter. Er kam dabei zu dem Schluss, dass die gängigsten Erklärungsversuche nicht wirklich überzeugend klingen – wie etwa die fehlende Nachrichtenlage in den schwachen Börsenmonaten, die Urlaubszeit und das heiße Wetter, welche die Euphorie bremsen würden.

Viel überzeugender sei dagegen eine andere Statistik: So seien die meisten größeren Krisen der Vergangenheit in den Frühjahrs- und Sommermonaten ausgebrochen: die Asienkrise im Jahr 1997, die Russlandkrise 1998, der 11. September 2001 und die Lehman-Pleite 2008. Diese Ereignisse hätten die Kurse jeweils so stark belastet, dass sie sich tatsächlich statistisch signifikant ausgewirkt hätten.

Allerdings gebe es auch immer wieder Ausnahmen von dieser Regel – etwa das Jahr 2009. So verlor der Dax damals im Februar 11,4 Prozent. Im September legte er dagegen um beachtliche 3,9 Prozent zu. Im Durchschnitt allerdings legte der Dax laut Susanne Woda, Portfoliomanagerin der GVS Financial Solutions , in den Sommermonaten nur um magere 0,8 Prozent zu: „Gewinne werden nicht im Sommer gemacht, sondern am Jahresende“, sagt Woda. „Im November und Dezember gab es fast ausschließlich positive Wertentwicklungen.“

„Greife nie in ein fallendes Messer.“ Fällt eine Aktie oder ein Index seit einigen Tagen oder Wochen kräftig, sollte man nie zugreifen, auch wenn der Kurs dann billig erscheint. Denn die Erfahrung lehre, dass ein Abwärtstrend sehr lange dauern könne. Tatsächlich spricht einiges für diese Börsenweisheit. Am einleuchtendsten ist sicherlich ein Rückblick auf die Zeit nach der Jahrtausendwende: Im März 2000 erreichte der Dax sein damaliges historisches Hoch von etwas mehr als 8000 Punkten. Anschließend ging es genau drei Jahre lang nur abwärts bis der Dax im März 2003 bei nur noch rund 2200 Punkten angelangt war – ein Verlust von etwa 70 Prozent. Wer also nach dem März 2000 vielleicht bei 7000 Punkten eingestiegen ist, in der Hoffnung, ein Schnäppchen zu machen, der erlitt dabei herbe Verluste.

Doch es kann auch anders laufen. Womöglich erwischt der Anleger nach einem Kurssturz einen besonders günstigen Preis: Deshalb hält Michael Pintarelli, Vorstand der Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen AG in Wuppertal, auch nichts von dieser Börsenweisheit: „Der Spruch gehört für mich in die Riege der Glückskeks-Sprüche“, spottet er.

„Der Trend ist dein Freund.“ Das ist der Umkehrschluss von „Greife niemals in eine fallendes Messer“. Will heißen: Steigt ein Index oder eine Aktie, sollte man Experten zufolge die Gewinne laufen lassen. Kleinanleger neigen aber dazu, bei steigenden Kursen zu schnell zu verkaufen. Bei fallenden Kursen bringen sie es dagegen oft nicht übers Herz, sich von ihren Nieten zu trennen. Doch beides kann sich am Ende doch noch als richtig erweisen: Denn Trends können auch abrupt enden. Häufig stürzen Aktien jäh ab, die zuvor jahrelang gut gelaufen sind. Andere schaffen dagegen die Trendwende nach oben.

„Hin und her macht Taschen leer.“ Jeder, der nicht gerade ein außerordentlich gutes Händchen für kurzfristige Aktiengeschäfte hat, dürfte diese Börsenweisheit uneingeschränkt unterschreiben. In der Regel kann derjenige, der sein Depot ständig umschichtet, am Ende nämlich nur verlieren – weil die Gebühren seine Gewinne schmälern oder sogar ganz aufzehren.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum