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Bodenschätze Geheimes Geschäft mit Kupfer

Firmen wie Aurubis drücken sich in Sachen Menschenrechte um Transparenz.

Bergbau in den Anden: die peruanische Mine Yanacocha, in der Kupfer und Gold abgebaut werden.

Ohne Kupfer läuft und dreht sich fast nichts. Kein Automotor, kein Windrad, kein Solarmodul. Kein PC und kein Smartphone. Allein in einem Mittelklassewagen sind bis zu 25 Kilogramm Kupfer verbaut. Und der industrielle Hunger nach dem Metall, das als Rohstoff nur schwer ersetzbar ist, wächst und wächst. Einer Studie von US-Forschern zufolge könnte die weltweite Nachfrage bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 2010 um bis 340 Prozent steigen. Die Folge: Weltweit müssten neue Vorkommen erschlossen und ausgebeutet werden.

Bei der Ausbeutung des Rohstoffs spielt auch das deutsche Unternehmen Aurubis eine zentrale Rolle. Der Hamburger Konzern ist einer der weltgrößten Kupferproduzenten. Das Erz und Konzentrat für seine Schmelzen bezieht Aurubis direkt aus den Abbauländern. Chile, Peru und Brasilien gehören zu den Hauptlieferanten – mehr legt das Unternehmen aber nicht offen, wie eine aktuelle Studie der Freien Universität Berlin (FU) aufzeigt. Die Minen, aus denen das Erz stammt, will der Kupfergigant „aus Wettbewerbs- und Vertragsgründen“ nicht nennen.

„Für Außenstehende und die nachgelagerte Industrie ist daher nicht nachvollziehbar, welche Auswirkungen der Abbau von Kupfer auf die Bevölkerung vor Ort hat“, sagt Melanie Müller, Politikwissenschaftlerin und Autorin der Studie.

Die Folgen des Hungers nach Rohstoffen sind gewaltig. Der Bergbau ist weltweit der Wirtschaftszweig mit den meisten gemeldeten Menschenrechtsverletzungen. Minenbetreiber und Behörden verstoßen oft gegen Umwelt- und Sozialstandards, vertreiben lokale Bewohner von ihrem Grund und Boden, kriminalisieren und unterdrücken Proteste gegen Rohstoffprojekte.

„Unsere Partnerorganisationen in Chile und Peru berichten uns immer wieder von solchen Menschenrechtsverstößen im Umfeld von Kupferminen“, bestätigt Susanne Friess, Bergbau-Expertin des katholischen Hilfswerkes Misereor, und beklagt die mangelnde Bereitschaft deutscher Unternehmen, „ihre Lieferketten offenzulegen und somit ihre menschenrechtliche Verantwortung wahrzunehmen“.

Sie müssen es auch nicht: Der Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte (NAP), den das Bundeskabinett im Dezember verabschiedet hat, verpflichtet die Firmen zu nichts. Die Bundesregierung formuliert lediglich die „Erwartung“, Unternehmen sollten ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht entlang der Lieferketten gerecht werden. Sie setzt auf eine Selbstverpflichtung der Unternehmen statt auf gesetzliche Regelungen und Sanktionen bei Verstößen.

Dass Freiwilligkeit aber nicht zum Ziel führt, zeigt die Studie der FU Berlin, die im Falle von Aurubis eklatante Transparenzdefizite offenbart. Das Hamburger Unternehmen ist weit davon entfernt, seine Lieferkette aufzudecken – und das, obwohl nach eigenen Angaben mehr als 90 Prozent der eingekauften Rohstoffe direkt einzelnen Minen zugeordnet werden können. Der deutsche Kupfergigant zieht sich stattdessen auf allgemeine Angaben zurück.

So enthielten 75 Prozent der seit 2013 geschlossenen Lieferverträge eine Menschenrechtsklausel, erklärt das Unternehmen. Aurubis fordere von den Geschäftspartnern, dass die Rohstoffe unter Einhaltung der „geltenden Gesetze, Rechtsvorschriften, Statuten oder Anforderungen des Herkunftslandes produziert werden“. Zudem müssten die UN-Konventionen zu Menschenrechten, Umweltschutz und Arbeitssicherheit eingehalten werden.

Vor Vertragsabschluss prüft Aurubis potenzielle Partner laut FU-Studie in zwei Verfahren, „um mögliche operative, finanzielle, steuerrechtliche, strafrechtliche, nachhaltigkeitsrelevante sowie Reputationsrisiken“ zu ermitteln. Allerdings läuft diese Prüfung nur mittels einer speziellen Software und Recherchedatenbanken. Ein Besuch der Mine, direkte Konsultationen im Umfeld sind vor Vertragsabschluss nicht vorgesehen, moniert Studienautorin Müller. Dabei sei es schwierig, ohne Nachforschungen vor Ort menschenrechtliche Risiken zu erkennen. „Insbesondere dann, wenn lokale Gemeinden nicht über die Ressourcen verfügen, um öffentlich auf ihre Belange aufmerksam zu machen.“

Die grundsätzliche Weigerung von Aurubis, die Ergebnisse der Screenings zu veröffentlichen und Lieferanten beim Namen zu nennen, stellt auch den Beschwerdemechanismus der Hamburger infrage. Wie sollen Betroffene aus Peru oder Chile wissen, ob Aurubis der richtige Adressat für Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen im Umfeld von Minen ist, wenn das Unternehmen seine Geschäftspartner geheim hält?

Und selbst wenn Menschenrechtskonflikte bei Bergbau-Partnern bekannt werden, sieht sich Aurubis in einer „schwierigen Situation“, weil „wir bei Verstößen kein Druckmittel gegenüber Minengesellschaften hätten“, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens. Die Drohung, Verträge zu kündigen, wirke laut Aurubis nicht. „Denn es ist für die Minenkonzerne ein Leichtes, Konzentrat an andere Abnehmer zu verkaufen.“ Das einzige Werkzeug, das Aurubis nutzen könne, sei die „Überzeugungsarbeit“. Letztlich aber handele „jeder Akteur der Wertschöpfungskette eigenverantwortlich“, betont der Konzern.

Der Hamburger Konzern verweist und verlässt sich also auf die Verantwortung seiner Vertragspartner. Laut den UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte kommt dem Unternehmen aber eine Mitverantwortung für menschenrechtliche Risiken in der Lieferkette zu, wie die FU-Studie festhält.

Die Position von Aurubis verdeutliche die Schwäche freiwilliger Selbstverpflichtungen, lautet das Fazit von Studienautorin Müller. Ohne klare Vorgaben durch politische Akteure, an die sich Unternehmen verbindlich zu halten haben, und ohne Androhung von Sanktionen würden Firmen meist nicht konsequent ihren menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nachkommen und ihren Einkauf daran orientieren.

Auch für Bergbauexpertin Susanne Friess von Misereor ist Aurubis ein Beispiel, dass unverbindliche Appelle nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. „Wir fordern daher ein Gesetz, das die Industrie verpflichtet, ihre Lieferketten auf Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen“, sagt Friess. Im Fall von Verstößen müsse das auch Sanktionen implizieren.

Den Beleg dafür, dass verbindlichere Vorgaben Wirkung zeigen, liefert Aurubis mit seinem Gold-Geschäft, bei dem der Konzern auch auskunftsfreudiger ist. Seit 2013 sei die eigene Goldproduktion als „konfliktfrei“ zertifiziert. Das Unternehmen orientiere sich bei der Beschaffung an den Due-Dilligence-Richtlinien der OECD zu Konfliktmineralien und an den Vorgaben der Gold Guidance der London Bullion Market Association.

Das Beispiel zeigt für Melanie Müller, dass die Debatte über Konfliktrohstoffe, die durch den Dodd-Frank-Act angestoßen wurde, weltweite Wirkung hat. Das US-Gesetz verpflichtet auch Zulieferer von US-Firmen, die an der Börse gelistet sind, ihre Lieferkette offenzulegen und zu berichten, ob ihre Rohstoffe oder Produkte aus Konfliktregionen stammen.

Bei seinem Hauptgeschäft Kupfer aber bleibt Aurubis hart und lehnt auch auf FR-Anfrage noch einmal Angaben zu Lieferanten „aus Wettbewerbsgründen“ ab. Zudem sei der „Einfluss als einzelnes Unternehmen begrenzt“. Und Aurubis darüber hinaus nur ein „relativ kleiner Kunde“ von peruanischen Minen. 2016 habe man nur 4,5 Prozent der Kupferproduktion des Landes aufgekauft.

Eine verantwortungsvolle Rohstoffgewinnung könne im Übrigen nicht im deutschen Alleingang erreicht werden, teilte Aurubis-Sprecherin Michaela Hessling mit. „Die Politik muss hier für international gleiche Bedingungen sorgen und entsprechende Anreize für alle Regionen der Welt schaffen.“ Auf einen „Anreiz“ aus der FU-Studie will Aurubis indes schon jetzt reagieren. „Den Hinweis, unser Beschwerdeportal auch in spanischer Sprache einzurichten, haben wir aufgenommen und erarbeiten gerade eine passende Lösung“, erklärte Hessling.

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