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Billigflüge Billigflug ohne Startgarantie

Tickets müssen oft Monate im Voraus bezahlt werden. Geht die Airline allerdings pleite, kann das Geld schnell verloren gehen. Immer häufiger wehren sich Verbraucher gegen das einseitige Reiserecht.

Bei der angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin sind im Juni nicht nur die Passagierzahlen zurückgegangen, sondern im Gegensatz zu den Vormonaten auch wieder die Auslastung. Foto: dapd

Die fünfköpfige Familie verbringt auch dieses Jahr wieder im tunesischen Nabeul ihre Ferien. Doch diesmal hat der Erholungsurlaub eine nervende Vorgeschichte. Um die Unterkunft kümmerte sich die Familie selbst. Im Reisebüro von Marija Linnhoff in Iserlohn buchte sie nur die Flüge mit Air Berlin zum Preis von insgesamt rund 1.500 Euro. Das war Anfang Januar.

Weil es aber erst dieser Tage in den Urlaub geht, also gut ein halbes Jahr später, entschloss sich die Familie zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie wollte nicht akzeptieren, was andere Kunden seit Jahren klaglos hinnehmen und zahlte nicht wie üblich sofort den Gesamtpreis für die Tickets, sondern überwies nur 20 Prozent als Anzahlung.

So wie diese Familie wollen immer mehr Verbraucher nicht mehr akzeptieren, dass sie für Flüge monatelang im Voraus zahlen sollen. Auslöser seien die Insolvenzen mehrerer Fluggesellschaften gewesen, sagt Reisebüro-Inhaberin Linnhoff: „Die Leute haben Angst, dass ihr Geld weg ist, wenn die Airline, an die gezahlt wurde, in die Pleite fliegt.“ Die Familie habe aber am Ende doch im Voraus gezahlt, da Air Berlin mehrfach mit der Stornierung der Flüge gedroht habe.

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„Mehr als fragwürdig“

Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Der Fall spielt in einer der vielen Grauzonen im Reiserecht. Die Düsseldorfer Expertin Silke Engels-Siebert erläutert: „Geschäfte sollen Zug um Zug abgewickelt werden, also Geld gegen Ware.“ Bei der Pauschalreise funktioniere dies über eine Anzahlung von maximal 20 Prozent. Hinzu komme der sogenannte Sicherungsschein. Der garantiert die Rückerstattung von Anzahlungen und den Heimtransport vom Urlaubsort, wenn der Veranstalter insolvent wird – die EU hat die Reiseveranstalter schon 1990 dazu verdonnert, dies über Versicherungen oder Bürgschaften zu gewährleisten.

Wer hingegen ein Flugticket bucht und viele Monate im Voraus bezahlt, hält heute bestenfalls ein Stück Papier in der Hand oder bekommt einen Buchungscode per E-Mail zugeschickt. Es gibt keinerlei Absicherungen. Rutscht eine Airline in die Zahlungsunfähigkeit, wird der Eigner des Flugscheins zum Gläubiger. Er hat kaum Chancen, dass seine Forderungen in einem Insolvenzverfahren erfüllt werden.

Für Cyrus Nurischad von der Interessengemeinschaft Reisebüro steht daher fest: „Die 100-prozentigen Anzahlungen sind mehr als fragwürdig, da diese nur die Liquidität der Airlines sichern.“ Viele Mitglieder seines eingetragenen Vereins klagten über große rechtliche Unsicherheiten, sie buchten deshalb Nur-Flüge nur noch auf ausdrücklichen Wunsch der Kunden. Nurischad fordert aus diesem Grund neue Zahlungswege: „Da Airlines Kreditkarten bevorzugen, müsste es doch möglich sein, das Ticket über die Karte erst unmittelbar vor dem Flug abzurechnen.“

Airlines verteidigen 100-prozentige Anzahlung

Davon wollen Luftfahrtunternehmen nichts wissen. Sie halten an der gegenwärtigen Praxis fest. „Eine 100-prozentige Anzahlung ist gerechtfertigt, weil die Airline schon im Vorfeld der Beförderung mit einer Vielzahl von organisatorischen Maßnahmen in Vorleistung tritt“, sagt eine Sprecherin von Air Berlin. Dazu zähle unter anderem die Wartung und Instandhaltung der Flugzeuge.

Auch Branchenprimus Lufthansa verweist darauf, dass die Vorleistungspflicht des Fluggastes einerseits der geltenden Rechtslage entspreche und andererseits den besonderen Anforderungen der Luftfahrt Rechnung trage. Bezahlen erst beim Einchecken oder nach dem Aussteigen am Zielflughafen sei praktisch nicht handhabbar, erläutert ein LH-Sprecher. Er verweist zudem darauf, dass mit der Reservierung eines Platzes für einen bestimmten Flug bereits ein Teil der Leistung erbracht werde. Frühzeitiges Bezahlen sei die Gegenleistung für die frühe Buchungssicherheit.

Engels-Siebert hingegen hält diese Argumentation nicht für stichhaltig. Die Fluggesellschaften würden schließlich sehr unterschiedliche Konditionen anbieten. Wer heute etwa einen Flug im Dezember in der Businessclass nach Bangkok für 4?000 oder 5?000 Euro buche, müsse selbstverständlich erst wenige Tage zuvor dafür zahlen. Auch Umbuchungen seien in der Regel kostenlos möglich.

Unzureichende Versicherung

Nach Ansicht der Rechtsanwältin steckt hinter dem Verhalten der Fluggesellschaften Kalkül. Fluggäste, die ein günstiges Ticket haben wollen, müssten höhere Risiken eingehen und stärkere Restriktionen akzeptieren. Es gehe auch darum, dass bei Billigtickets oft Umbuchungen und Stornierungen nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich seien. Beate Wagner, Reiseexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, stimmt zu: „Es gibt keine sachlich begründete Notwendigkeit für die Komplettzahlung zum Zeitpunkt der Buchung.“ Die Fluggesellschaften könnten dies nur deshalb durchsetzen, weil eine Überprüfung durch Gerichte ausstehe. Sie hält auch für Flugtickets Anzahlungen von 20 Prozent und Restzahlungen wenige Tage vor Abflug für angemessen. Mit der derzeitigen Methode werde dieser Grundsatz auf den Kopf gestellt.

Doch was können Touristen tun, die jetzt buchen wollen? Es gibt die sogenannte Ticketsafe-Versicherung, die dem Kunden zumindest ein gewisses Maß an Sicherheit etwa gegen Insolvenzen bietet. Der Reiseversicherer ERV bietet solch eine Police als einzige Assekuranz hierzulande an. Sie kostet je nach Flugpreis zwischen fünf und 59 Euro. Allerdings gelten viele Einschränkungen.

So ist eine Reihe Fluggesellschaften vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. Für Verbraucherschützerin Wagner ist Ticketsafe denn auch nur eine unbefriedigende Lösung. Sie macht sich für eine Insolvenzabsicherung wie bei den Reiseveranstaltern stark. Die Forderungen von Engels-Siebert gehen in die gleiche Richtung. Sie hält es für dringend notwendig, endlich Rechtssicherheit zu schaffen: „Wir brauchen entweder eine gerichtliche Überprüfung dieser Praxis der Airlines oder eine gesetzliche Regelung in Bezug auf Anzahlungshöhen und Insolvenzabsicherung.“

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