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Big Brother Award Wer nervös wirkt, ist verdächtig

Jury vergibt Negativpreise an Firmen, die moralische Grenzen sehr weit auslegen.

Ganz normaler Berufsalltag
Na, etwas gereizt? Besser nicht, wenn die App „Kelaa“ installiert ist. Denn dann wird das Stresslevel direkt an den Chef gemeldet. Foto: istock

Würden Sie Ihrem Arbeitgeber anvertrauen, was Sie sonst nur Ihrem Arzt sagen? Nein? Brauchen Sie auch nicht – dafür gibt es eine App. Die von der Münchner Firma Soma Analytics entwickelte App „Kelaa“ überwacht im Auftrag von Arbeitgebern Gesundheit und Stresslevel ihrer Mitarbeiter. Dazu erfasst und wertet sie zum Beispiel aus, wie oft sie telefonieren, wie lange sie auf den Bildschirm schauen und wie oft und wie hektisch sie darauf tippen. Für diese Rundumüberwachung im Namen des Chefs hat der Bielefelder Verein Digitalcourage die Firma Soma Analytics neben fünf anderen Projekten aus Politik und Wirtschaft am Freitagabend in Bielefeld mit dem Negativpreis „Big Brother“ ausgezeichnet.

„Gesundheitsdaten von Beschäftigten in die Hände von Arbeitgebern zu legen, ist ein Tabubruch“, sagte Laudator Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht an der Frankfurt University of Applied Sciences. Die Firma fordere die Nutzer sogar auf, das Handy mit ins Bett zu nehmen, damit Bewegungen während des Schlafs analysiert werden könnten und analysiere deren Stimme beim Telefonieren. Die psychische und physische Rundumüberwachung sei damit perfekt. Die gesammelten Daten könnten vom Chef potenziell genutzt werden, um Mitarbeiter mit „schwachen Nerven“ zu identifizieren und zu entlassen, so Wedde.

Der Experte ist entrüstet angesichts der Geschäftsidee: „Warum entwickeln Menschen solche Software? Weil sie kein Gespür für moralische Grenzen haben.“ Soma Analytics bestritt am Freitag auf Nachfrage, dass „Kelaa“ die Stimme analysiere und Daten sammle, wenn die App nicht geöffnet sei.

Moralische Grenzen sieht die „Big Brother“-Jury, die aus Bürgerrechtlern und Digitalexperten besteht, auch bei fünf anderen Projekten weit überschritten. Die Firma Cevisio Software aus Torgau ermögliche mit ihrem Programm Quartiersmanagement, das in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt wird, die Totalkontrolle der Asylsuchenden. Erfasst würde damit so gut wie alles: Daten zu Bewegungen auf dem Gelände, Essensausgaben, medizinische Checks, Verwandtschaftsverhältnisse und Religionszugehörigkeiten. Ein „feuchter Traum für Überwachungs-Fanatiker“, urteilt die Jury. In mehr als 280 Einrichtungen werde das Programm laut Cevisio verwendet, mehr als 380 000 Flüchtlinge seien erfasst.

Microsoft Deutschland erhält einen „Big Brother“ dafür, dass im Betriebssystem Windows 10 die Übermittlung von Diagnose-Daten – die sogenannte Telemetrie – selbst für versierte Nutzer kaum zu deaktivieren sei. Wenig überraschend zeichnete die Jury auch Amazon mit dem inzwischen dritten Award aus. Dieses Mal für die sprechende Röhre Alexa, weil sie Sprachaufnahmen der Nutzer monatelang in der Cloud speichere.

Als PR-Konzept gewinnt den Preis der Begriff „Smart Cities“, unter dem viele Kommunen und Technik-Firmen eine Überwachung des öffentlichen Raums durch Sensoren anstreben. In der Politik zeichnete Digitalcourage außerdem die Fraktionen von CDU und Grünen im hessischen Landtag für ihr geplantes Verfassungsschutzgesetz aus. Es enthalte eine gefährliche Anhäufung schwerwiegender Überwachungsbefugnisse, mit denen tief in die Grundrechte eingegriffen werden könne, etwa die geheimdienstliche Überprüfung von Mitarbeitern in staatlich geförderten Projekten.

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