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Betrügerische Haustürgeschäfte Die Masche mit dem Senioren-Rabatt

Der Konkurrenzkampf unter Energieanbietern ist hart. Mit betrügerischen Haustürgeschäften kämpfen Anbieter um Kunden. Die Leittragenden sind oft Senioren.

Ungebetene Besucher: In Deutschland sind Stromdrückerkolonnen unterwegs. Foto: imago stock&people

Der Konkurrenzkampf unter Energieanbietern ist hart. Mit betrügerischen Haustürgeschäften kämpfen Anbieter um Kunden. Die Leittragenden sind oft Senioren.

Als Martina Wendland Anfang Oktober kurz vor Mittag ihre Wohnungstür öffnet, befürchtet sie bereits, es mit unangenehmen Hausierern zu tun zu haben. Doch die beiden freundlichen Herren beruhigen die 84-Jährige schnell: Sie zeigen ihr auf Nachfrage mehrmals einen Ausweis von Vattenfall, oder zumindest etwas, das so ähnlich aussieht. Vattenfall ist der langjährige Stromlieferant von Frau Wendland und der Grundversorger in der Stadt. Trotz ihres Misstrauens lässt sie die beiden herein.

Die ungebetenen Gäste wissen genau, was sie in die Hand bekommen wollen: Sie verlangen die Vorlage der letzten Stromrechnung, hantieren mit Dokumenten und lassen Frau Wendland schließlich ein Papier unterschreiben. Angeblich geht es nur darum zu bestätigen, dass weiter alles seine Richtigkeit mit der Stromrechnung habe. Am Ende, so stellt es die ältere Dame dar, tischen sie ihr sogar noch ein besonders dreistes Märchen auf: Sie fotografieren ihren Personalausweis mit der Begründung, dass sie ab 70 Jahren billiger telefonieren könne, „wissen Sie das nicht?“.

Martina Wendland, die in Wirklichkeit anders heißt und nicht erkannt werden möchte, ist gleich nach dem Verschwinden der ungebetenen Besucher misstrauisch geworden. Sie ruft bei Vattenfall an und erfährt, dass niemand im Auftrag des Unternehmens geschickt worden sei. Auch bei der Polizei meldet sie sich, die ihr rät, erst einmal abzuwarten. Ein paar Tage später weiß sie dann, was hinter dem beunruhigenden Besuch steckte: Sie erhält vom Stromanbieter Lekker Energie eine Bestätigung, dass sie dort Stromkunde wird, und zwar zum Jahresanfang 2013.

Entsetzt alarmiert Martina Wendland ihre Tochter. Sie will auf keinen Fall den Stromanbieter wechseln und erst recht nicht zu einem Unternehmen, von dem sie sich hereingelegt fühlt. Die Tochter muss vom Ausland aus den Vertrag wieder auflösen. Das gelingt auch, Lekker zeigt sich kooperativ. Doch für Frau Wendland und ihre Tochter bleibt jede Menge Ärger. Weil die elektronischen Systeme sie bereits als Kundin eingebucht haben, wird der Vertrag am 1. Januar für einen Tag von Lekker bedient und fällt erst dann wieder an Vattenfall zurück. Das bedeutet auch, dass der Stromzähler zusätzlich abgelesen werden muss.

Kampf mit harten Bandagen

Martina Wendland ist nicht das einzige Opfer. Am liberalisierten Strommarkt wird mit harten Bandagen um Kunden gekämpft. Zahlreiche Unternehmen setzen zumindest zeitweise auf Haustürgeschäfte. Darunter sind viele neue Anbieter wie Lekker, aber auch die Töchter von großen Stromkonzernen wie EnBW und RWE. In ganz Deutschland sind die Stromdrückerkolonnen unterwegs – mal halten sie sich an die Regeln, mal nicht.

Ein Lekker-Sprecher sagt, es gebe klare Vorgaben an diejenigen, die für sein Unternehmen Haustürgeschäfte tätigten. Im Falle eines stornierten Vertrages würde auch kein Geld an die Vertreter gezahlt. An den umstrittenen Haustürgeschäften will Lekker jedoch festhalten.

Immer wieder berichten Verbraucher über betrügerische Maschen. Sehr beliebt ist offenbar der Trick, sich wie bei Frau Wendland im Namen des örtlichen Grundversorgers Zutritt zur Wohnung zu verschaffen und dann einen Vertragswechsel einzuleiten. Darüber wird häufiger in Internetforen berichtet.

Die Frage nach dem Motiv der Hausierer lässt sich leicht beantworten: Es gibt eine satte Provision. Über die genauen Zahlungen schweigt sich Lekker aus. Doch laut einer Auflistung des Fachdienstes Telecom Handel werden in der Branche 30 bis 160 Euro pro Abschluss bei Privathaushalten bezahlt – meist abhängig davon, wie lukrativ der Vertrag für den Stromanbieter ist. Üblich sind mehr als 50 Euro pro Vertrag. Einige an der Haustür aufgeschwatzte Verträge pro Tag reichen also für ein ordentliches Einkommen schon aus.

In den vergangenen Jahren haben die Vertrags-Drücker ihr Geschäft verlagert. Sie sind aus dem Telekommunikationsmarkt zunehmend aus- und in den Energiemarkt eingestiegen. Denn durch die fallenden Preise sind die Provisionen für Neuabschlüsse von DSL- und Handy-Verträgen stark gesunken. Strom wird dagegen von Jahr zu Jahr deutlich teurer, auch Anfang 2013 steht ein Preissprung an.

Zahlreiche neue Anbieter drängen in den Markt, die sich mit hohem Aufwand eine Kundenbasis schaffen wollen – und dafür auch Vertriebsfirmen mit Haustürgeschäften beauftragen. Mit dem Umsatz steigen die Provisionen, die legalen Haustürgeschäfte laufen besser – und mit den grauen drängen auch die die schwarzen Schafe ins Geschäft, die mit illegalen Mitteln nachhelfen.

Wie groß der Schaden durch betrügerische Haustürgeschäfte ist, lässt sich nicht genau beziffern. Niemand führt Buch. Weder die Kriminalstatistiker, bei der die Vergehen, wenn sie überhaupt zur Anzeige gebracht werden, oft allgemein unter Betrug eingeordnet werden. Noch die Verbraucherzentralen oder andere Organisationen.

Immer mehr Beschwerden über Haustürgeschäfte

Klar zu erkennen ist jedoch: Die Fallzahlen steigen. Das belegen immer häufigere Warnmeldungen der Verbraucherzentralen in ganz Deutschland. Der Experte für Energierecht der Verbraucherzentrale Hessen, Peter Lassek, konstatiert zum Beispiel, dass die Beschwerden über Haustürgeschäfte mit Energielieferungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Allein in Hessen „liegen mehrere Hundert Fälle auf dem Tisch“, sagte er. Manchmal kommt es sogar zu regelrechten Drückerwellen. Mitte des vergangenen Jahres hatte die Verbraucherzentrale Sachsen davor gewarnt, dass viele Werber der Firma Energie2Day unterwegs seien. Und ein Jahr zuvor hatte die Verbraucherzentrale Mecklenburg-Vorpommern genau die Masche beschrieben, der Frau Wendland zum Opfer fiel.

Der Berlinerin und ihrer Tochter hat das arglistige Haustürgeschäft viel Ärger gebracht. Doch immerhin: Lekker entschuldigte sich bei ihr, Vattenfall nahm sie ohne Formalien als Kundin zurück. Und: Lekker trennte sich von dem tricksenden Vertriebsmitarbeiter.

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