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Besetzung einer Fabrik Fabrikaufbau in Eigenregie

Als der Arbeitgeber der italienischen Arbeiterin Mariarosa Missaglia pleite ging, gab sie sich nicht geschlagen. In der nun leeren Fabrik organisiert sie selbst den Neuaufbau. Im FR-Interview spricht sie über die Besetzung eines Betriebes und das Arbeiten ohne Chef.

Mariarosa Missaglia hat gemeinsam mit ehemaligen Kollegen den Betrieb besetzt, in dem sie gearbeitet hatten. Foto: Gerd Engelsmann

Finanz- und Euro-Krise haben hunderttausenden Betrieben in Südeuropa die Existenz gekostet – und Millionen Menschen den Job. Stillgelegte Fabriken und arbeitslose Menschen, diese Kombination hat Mariarosa Missaglia nicht eingeleuchtet. Die Italienerin und ihre Kollegen unternahmen daher etwas Ungewöhnliches: Als ihr Arbeitgeber – der Mailänder Maschinenbauer Maflow – im Dezember 2012 pleiteging und der Belegschaft kündigte, gingen sie nicht nach Hause und warteten auf die Arbeitslosenhilfe. Stattdessen kehrten sie zurück zum Betrieb und besetzten ihn, durch die Hintertür. Seitdem versuchen die verbliebenen Mitarbeiter, den Laden wieder zum Laufen zu bringen – in Eigenregie, ohne Chef. Das ist nicht leicht. Auch weil der Vorbesitzer der Fabrik alle Maschinen abtransportiert hat. „Eine leere Fabrik ist eine große Chance“, sagt Missaglia, „und ein großes Problem.“

Frau Missaglia, erklären Sie uns: Wie kommt man auf die Idee, nach einer Kündigung den Betrieb zu besetzen?
Ich kann nur sagen: Wenn ich mich nicht bewegt hätte, säße ich heute noch auf dem Sofa und würde vor mich hingrübeln. Es ist ein großes Projekt, das mir gefällt: Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass es auch ohne Arbeitgeber geht. Wir versuchen es. Vielleicht scheitern wir.

Was war Ihre Aufgabe in der Fabrik, als sie noch regulär lief?
Maflow stellte Rohre für Auto-Klimaanlagen her, unter anderem für BMW, Saab, Renault und Fiat. Diese Rohre habe ich geprüft – habe sie in Wasserbecken getaucht und geschaut, ob sie dicht waren. Das war eine anständige Arbeit, nicht umwerfend, aber die Stimmung im Betrieb war gut.

Wie viele Menschen arbeiteten bis zur Insolvenz bei Maflow?
Als ich 1992 zum Betrieb kam, waren es 800 Beschäftigte. Dann wurden es nach und nach immer weniger, irgendwann waren es nur noch 300. Saab hat die Produktion nach China verlagert, wo die Löhne niedriger sind. Auch sonst lief das Geschäft offensichtlich nicht so gut, auch wegen der Wirtschaftskrise. 2009 wurde uns ganz plötzlich mitgeteilt, dass in der Bilanz der Firma ein Milliardenloch klafft. Es gab Gerüchte, dass sich die Besitzer an der Börse verspekuliert hätten. Auf jeden Fall musste der Betrieb zwangsversteigert werden. Damit sind natürlich auch unsere restlichen Kunden abgesprungen, und von einem Tag auf den anderen stand die Fabrik still. Damit begann unser Kampf.

Was haben Sie getan?
Wir haben bei unseren Kunden um Vertrauen geworben, sind sogar zu BMW nach München gefahren. Aber mit einem insolventen Lieferanten will natürlich niemand Geschäfte machen. Dann haben wir für den Erhalt der Arbeitsplätze demonstriert. Wir haben uns mit Entlassenen von anderen Betrieben vernetzt, uns im Mailänder Bahnhof auf die Gleise gesetzt und den Zugverkehr blockiert.

Wozu?
Um die Aufmerksamkeit der Politik zu bekommen. Wir dachten, vielleicht helfen die uns. Hätten wir nichts getan, hätte die Fabrik einfach geschlossen und es hätte niemanden interessiert.

Und die Polizei hat Sie einfach den Verkehr blockieren lassen?
Nun ja, in Italien ist so etwas dann Verhandlungssache. Die Polizei lässt einen kurz die Aktion durchführen, aber nach zehn Minuten muss man auch gehen, sonst wird es ernst.

Und hatten Sie Erfolg?
Zum Teil. Wir erhielten Lohnfortzahlungen, also 80 Prozent des Lohns für ein Jahr. Dann haben wir uns ein weiteres halbes Jahr erkämpft, indem wir während der Weltmeisterschaft kurz vor einem Italien-Spiel eine zentrale Straße in Mailand blockierten. Das hat für Aufruhr gesorgt, denn alle Leute wollten ja nach Hause, um das Spiel zu sehen. Der Bürgermeister hat uns daher sofort angerufen und uns einen Termin gegeben – schon war die Straße frei.

Den Arbeitnehmern den Heimweg blockieren – das ist keine besonders gute Werbemaßnahme.
Das stimmt schon. Viele Menschen waren auch sauer. Aber wir haben immer versucht, ihnen klar zu machen: Heute sind wir entlassen, morgen schon könnte es Euch treffen. Um seinen Arbeitsplatz muss man zuweilen kämpfen.

Was geschah unterdessen mit der Fabrik?
2010 ersteigerte die polnische Boryszew-Gruppe den Betrieb. Laut Gesetz war sie verpflichtet, den Betrieb zwei Jahre lang aufrechtzuerhalten. Aber wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass Boryszew das Unternehmen nicht erhalten will. Von 300 Beschäftigten wurden 220 entlassen. Die Aufträge hat der neue Besitzer langsam nach Polen gezogen, irgendwann ließ er auch die Maschinen abtransportieren, sogar die Stromkabel. Das war absurd – wir gingen jeden Tag zur Arbeit, mussten dort acht Stunden bleiben, hatten aber nichts zu tun. Nach zwei Jahren war die Fabrik abgeräumt, alle Maschinen waren weg und dann war klar: Der Laden macht zu.

Und als es so weit war?
Dann haben wir uns überlegt: Lasst uns den Betrieb übernehmen. 2012, zu Heiligabend, sind wir durch die Hintertür in die Fabrik geschlüpft und haben sie symbolisch besetzt. Nach einer Stunde sind wir wieder nach Hause gegangen. Und in den Wochen darauf haben wir die Fabrikhallen erstmal aufgeräumt und saubergemacht.

Und jetzt? Was produzieren Sie heute?
Das ist das Problem. Andere selbstverwaltete Betriebe zum Beispiel in Argentinien oder Frankreich haben noch all ihre Maschinen, die können produzieren. Wir dagegen müssen das verwerten, was wir haben. Und das sind vor allem die Gebäude. Die nutzen wir. Wir haben einen Flohmarkt organisiert und ein Café. Wir vermieten Stellplätze für Wohnwagen. Wir kaufen Früchte von lokalen Produzenten und produzieren Marmelade und Zitronenlikör. Es gibt Handwerksräume für Tischler. Menschen bringen uns ihre alten Computer, wir reparieren sie und geben sie an Schulen weiter.

Das hat mit Klimaanlagen nicht mehr viel zu tun.
Nein. Und es bringt auch nicht genug Geld, wir arbeiten bislang alle mehr oder weniger ehrenamtlich. Was wir einnehmen, geht in den Unterhalt der Gebäude. Mein Traum wäre, die alte Produktion wieder anzufahren. Dazu bräuchten wir aber als erstes einen Nutzungsvertrag mit der Bank, der das Betriebsgelände gehört. Da verhandeln wir noch. Wir hätten gern eine 18-Monate-Frist, in der wir versuchen können, etwas auf die Beine zu stellen.

Und funktioniert das bislang, ein Betrieb ohne Chef?
Natürlich. Sicher, manchmal trägt sich jemand für einen Dienst ein und kommt dann nicht. Das ist immer ärgerlich. Und manchmal denkt man sich dann, dass es mit Hierarchie und Autorität besser klappen würde. Aber letztlich läuft alles ganz gut, wir haben kaum Probleme mit der Disziplin. Denn jeder weiß ja: Wenn ich meine Pflichten nicht erfülle, dann schade ich dem Kollektiv und damit letztlich mir selbst.

Warum suchen Sie nicht einfach einen neuen Job, das klingt einfacher?
Ein neuer Job – das sagt sich so leicht. Schließlich ist in Italien immer noch Krise. Außerdem ist das hier bei Maflow mein Ding. Wir erhalten Besuch von Gewerkschaftern und sozialen Bewegungen aus aller Welt, die schauen, was wir machen. Man sagt, wir seien ein Symbol für eine Produktion jenseits von Kapitalismus und Markt. Ich würde das ganze weniger hoch hängen. Früher war ich nur eine Nummer in einem großen Betrieb, jetzt ist dieser Betrieb meine Sache. Ich glaube, es ist ein guter Kampf, der allerdings auch Opfer gefordert hat.

Opfer?
Die Versammlungen, die Demonstrationen und Aktionen, all das hat in den letzten Jahren viel Zeit verbraucht. Darunter hat die Familie gelitten, man kann ja nicht gleichzeitig kochen und kämpfen. Der Streit hat mich und meinen Mann entzweit. Dennoch – wenn ich die Wahl hätte, würde ich alles wohl wieder genauso machen. Denn es ist schon spannend: Früher war Politik für mich etwas, was irgendwo da draußen stattfindet. Heute weiß ich, dass man Politik selber machen kann.

Interview: Stephan Kaufmann

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