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Berufe Wenn Azubis hinwerfen

Jeder vierte Auszubildende bricht die Lehre vorzeitig ab. Abhilfe können da eine frühe Berufsorientierung an Schulen und bessere Arbeitsbedingungen schaffen.

Man stelle sich einmal einen Berufsschullehrer vor, der in seine neue Klasse stürmt – und ausruft: „Zählt schnell der Reihe nach durch! Jeder Vierte von euch wird seinen Lehrvertrag nicht erfüllen.“ Das wäre ein hochgradig seltsamer Auftritt für einen Pädagogen. Aber andererseits hätte der Mann Recht.

25,8 Prozent der beruflichen Ausbildungen in Deutschland werden vorzeitig abgebrochen. Bei den Friseuren, Köchen, Restaurantfachkräften und Sicherheitsleuten hört sogar ungefähr jeder Zweite vorzeitig auf. Dagegen lösen – wie bereits im vorigen Jahr – nur sehr wenige Auszubildende ihren Vertrag wieder auf, die Fachangestellte in der Verwaltung werden wollen. Das geht aus einem Entwurf des Berufsbildungsberichtes 2018 hervor, der bald im Bundeskabinett beschlossen werden soll.

Die Zahlen sind alarmierend – und dennoch nichts grundlegend Neues. Die sogenannte Vertragslösungsquote liegt zwar das erste Mal seit vielen Jahren über 25 Prozent. Allerdings wurde sie bereits im Berufsbildungsbericht 2017 mit 24,9 Prozent beziffert. Zur Einordnung ist es auch wichtig zu wissen, dass nicht hinter jeder Vertragsauflösung ein Lehrling stehen muss, der die Brocken hingeworfen hat. Zu einer Vertragsauflösung kommt es schließlich auch, wenn jemand beispielsweise den Betrieb wechselt. Oder wenn die Firma, in der er arbeitet, in die Insolvenz geht.

Gesetzt den Fall, ein Lehrling stellt fest, dass ihm der bislang angestrebte Beruf überhaupt nicht liegt, ist ein Abbruch und ein Wechsel in eine andere Lehre sinnvoll. Hier gilt nichts anderes als bei einem Studenten, der sich in der Fächerwahl vertan hat. Natürlich tut ein verlorenes Jahr weh. Andererseits ist es viel schlimmer, ein Leben lang im falschen Beruf unterwegs zu sein.

Dass junge Menschen eine einmal begonnene Lehre abbrechen, kann viele Gründe haben, darunter auch Streit mit den Vorgesetzten und ein generell schlechtes Miteinander im Betrieb. Die Tatsache, dass die Zahl der Abbrecher so hoch ist, deutet aber auf zwei grundlegende Probleme hin: Erstens sind offenbar viele nicht ausreichend informiert, was sie in einer bestimmten Lehre und dem dazugehörigen Beruf erwartet. Zweitens legen die sehr unterschiedlichen Zahlen je nach Lehrberuf offen, dass es in einigen Branchen offenbar an guter Ausbildungsqualität und annehmbaren Arbeitsbedingungen mangelt. Auch die Höhe der Bezahlung spielt sicher eine Rolle.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert deshalb, es müsse schnell eine Mindestvergütung für Auszubildende Gesetz werden. Beate Walter-Rosenheimer, Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung bei den Grünen im Bundestag, sieht sowohl den Staat als auch die Unternehmen in der Pflicht. Die Bundesregierung müsse „endlich frühe Berufsorientierung an alle Schulen bringen“, fordert sie. „Wenn Jugendliche schon frühzeitig praxisnah und klischeefrei über Berufsbilder und Karrierechancen informiert werden, sinkt die Gefahr, dass sie später im Betrieb enttäuscht hinwerfen“, sagte sie der Frankfurter Rundschau.

Es sei kein Zufall, „dass die meisten Ausbildungen in Branchen mit besonders schlechten Ausbildungsbedingungen abgebrochen werden“, betonte Walter-Rosenheimer. „Gastronomen, Hoteliers und Friseure müssen ihre Ausbildung attraktiver machen, wenn sie in Zukunft noch Fachkräfte haben möchten.“

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