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Bergbau Kanadier wollen Lithium im Erzgebirge abbauen

Ohne Lithium keine Elektromobilität. Eine kanadische Firma will den weltweit gefragten Grundstoff für Akkus nun im sächsischen Zinnwald abbauen.

Probesprengung in Zinnwald
Probesprengung unter Tage in Zinnwald: Das Gestein enthält Lithiumeisenglimmer. Foto: Andreas Stedtler

Gebückt geht Armin Müller durch den alten Stollen. Felskanten ragen gefährlich in den nur 1,70 Meter hohen Gang. 60 Meter unter Tage ist es feucht, die Temperatur liegt ganzjährig bei kühlen sieben Grad Celsius. Kein Ort zum Verweilen. Dann bleibt der hochgewachsene Mann doch stehen und fasst an die Decke: „Hier haben wir einen wunderbaren grünlichen Glimmer.“ Müller (55), graue Haare, Anzug mit Krawatte, Chemiker. Seine Gesichtszüge strahlen Begeisterung aus. In dem schimmernden Mineral befindet sich Lithium. Das Leichtmetall avanciert zu einem der begehrtesten Rohstoffe der Welt. Aufbereitet handelt es sich um ein weißes Pulver, doch ist auch schon vom „weißen Gold“ die Rede. Müller will es mithilfe einer kanadischen Bergbau-Firma unter einem stillgelegten Bergwerk im sächsischen Zinnwald fördern. Eine 100-Millionen-Euro-Investition steht in Aussicht.

Den Bergbau im Erzgebirge neu zu beleben, das haben in den vergangenen Jahren schon viele versprochen. Vorkommen von Zinn, Wolfram und Seltenen Erden wurden neu erkundet. Doch die anfängliche Euphorie über neues „Berggeschrey“ wich schnell der Ernüchterung. 

Im Wintersportort Zinnwald sieht der Gast auf dem ersten Blick, dass die 440-Einwohner-Gemeinde schon einmal bessere Zeiten erlebt hat. Ein großes Rasthaus an der Hauptstraße steht leer, die Fenster einiger Häuser sind mit Holzplatten vernagelt. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Zinn gefördert, das örtliche Schaubergwerk – in dem alte Spitzhacken und Schaufeln hängen – lockt noch immer viele Touristen an.

Genau dieser museale Ort soll nun Ausgangspunkt für die Rückkehr des Bergbaus sein. Mitarbeiter der Firma „Bergsicherung Freital“ fahren Ende August mit einem sogenannten Hunt in das alte Bergwerk ein und sprengen im Gestein. „Wir nehmen aktuell weitere Proben“, erklärt Müller. In der Lagerstätte werden 96 000 Tonnen Lithium vermutet. Bereits in der DDR wurden umfangreiche Erkundungen durchgeführt. Nun werden die Ressourcen genauer bestimmt, damit auch internationale Banken und andere Investoren das Projekt finanzieren.

Müller nimmt ein gefördertes Stück Erz in die Hand und zeigt auf die Einfärbungen. „Der Glimmeranteil liegt bei rund 20 Prozent, das macht einen Abbau lukrativ“, ist er überzeugt. 
Der Honorarprofessor an der TU Bergakademie Freiberg hat lange Jahre beim Solarzellen-Hersteller Solarworld im benachbarten Freiberg gearbeitet. Das inzwischen insolvente Bonner Unternehmen ist es auch gewesen, welches die Pläne zum Lithium-Abbau aufnahm, um den Rohstoff für die Batteriefertigung zu nutzen. Mit der Solarkrise und der Schwäche der Firma musste Müller frühzeitig auf die Suche nach neuen Finanziers gehen. Diese hat er auch noch rechtzeitig gefunden. Bereits im Februar 2017 stieg das kanadische Unternehmen Bacanora Minerals für fünf Millionen Euro in das Projekt ein und erwarb damit die Hälfte der Anteile.

Bacanora gehört zu den kleinen Spielern in der Branche und treibt einen Abbau in Nordmexiko voran. Laut Medienberichten will die Firma auch für den E-Auto-Pionier Tesla produzieren.

Die Pläne, die Müller derzeit in seinem Laptop mit sich trägt, sind sehr konkret. Kommt die Finanzierung von 100 Millionen Euro zusammen, soll ab 2019 mit dem Bau eines zwei Kilometer langen Stollens begonnen werden, der 200 bis 300 Meter in die Tiefe führt. Dort soll das sogenannte Zinnwaldit, auch bekannt als Lithiumeisenglimmer, mittels Sprengungen abgebaut und noch vor Ort gebrochen werden. „Technisch ist das kein Problem“, sagt der Fachmann.

Lithium ist das leichteste Metall der Erde, sein Vorteil liegt in der Größe. Ein Lithium-Ion kann seine Ladung auf kleinem Raum aufnehmen. Es eignet sich daher sehr gut als Energiespeicher. Der Rohstoff ist zwar weltweit verbreitet, wird bisher aber nur in überschaubaren Mengen abgebaut. Das macht ihn rar. Die größten Abbaugebiete liegen in den Salzseen zwischen Bolivien, Argentinien und Chile – es wird vom „Lithium-Dreieck“ gesprochen. Der Rohstoff wird oberirdisch gewonnen. Doch das Herauswaschen des Lithiums aus dem Salz ist in einer der trockensten Gegenden der Welt nicht gerade umweltfreundlich. Die drei Bergbauriesen Albemarle, SQM und FMC beherrschen den Markt. 

Bisher forderte die Industrie eher kleinere Mengen. Für einen Lithium-Akku in einem Smartphone reichen wenige Gramm, ein Laptop benötigt schon 200 Gramm, eine E-Batterie in einem Auto allerdings 20 Kilogramm. Sollte das Elektroauto den weltweiten Siegeszug antreten, „würde sich die Nachfrage nach Lithium bis 2025 verdoppeln oder sogar verdreifachen“, sagt Lithium-Experte Michael Schmidt von der staatlichen Deutschen Rohstoffagentur. 

Seit 2015 haben sich die Preise fast verdreifacht. Zahlten früher die Käufer etwa sieben US-Dollar für das Kilogramm Lithiumkarbonat, müssen sie aktuell 18 bis 22 US-Dollar hinblättern. Alle großen Batterieproduzenten machen sich Gedanken, wie sie sich den Rohstoff sichern.

Aus seiner Zeit in der Solarwirtschaft erinnert sich Müller aber auch noch sehr genau daran, wie schnell solche Preisrallyes vorbei sein können. Neue Anbieter strömen in den Markt wie Motten zum Licht. „Wir planen unser Projekt so, dass wir auch bei niedrigen Preisen wettbewerbsfähig bleiben“, sagt der Chemiker. Erreicht werden soll das auch dadurch, dass nicht nur der Bergbau, sondern auch die Verarbeitung zum Lithium in der Region stattfinden soll. Gespräche mit Chemiefirmen laufen dazu.

Müller hofft zudem darauf, dass die Autokonzerne Volkswagen, Daimler und BMW doch noch eigene Batteriewerke in Deutschland bauen. Gegen einen Lithiumabbau vor der Haustür hätten diese sicher nichts einzuwenden. Doch das ist noch Zukunft. Müller besichtigt dieser Tage die kleinen Sprengungen für Probematerial im alten Bergwerk. Mit Stirnlampe sind er und seine Kollegen unterwegs. Als er die Zündschnur in den Händen hält sagt er: „Es fühlt sich schon wie richtiger Bergbau an.“ 

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