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Benzinpreis Spritpreise in Echtzeit

Verbraucher können ab der ersten Septemberwoche online die billigste Tankstelle in ihrer Nähe suchen. Auch Tankstellen profitieren von der Transparenz: Sie beobachten die Konkurrenz.

Ziel der neuen Markttransparenz ist, die Benzinpreise zu senken. Foto: rtr/Thomas Peter

Verbraucher können ab der ersten Septemberwoche online die billigste Tankstelle in ihrer Nähe suchen. Auch Tankstellen profitieren von der Transparenz: Sie beobachten die Konkurrenz.

Die Leute von Clever-tanken.de sind ziemlich aufgeregt. „Es sind auch für uns sehr bewegende Zeiten“, heißt es auf der Website. Dort lief in den vergangenen Tagen sogar ein Countdown. Mit Beginn des neuen Monats nimmt die Markttransparenzstelle ihre Arbeit auf.

Schon jetzt aber werden die Preise deutscher Tankstellen in Echtzeit gesammelt. Wahrscheinlich von Mitte nächster Woche an können Verbraucher mit Computer oder Smartphone die billigste Station in der Nähe suchen. Ziel soll sein, Spritpreise zu drücken. Dies wird aber nur gelingen, wenn Autofahrer ihre eingeschliffenen Gewohnheiten verändern.

Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap von der Uni Düsseldorf kann mutmaßlich das Urheberrecht für das reklamieren, was Spritpreis-App genannt wird. Schon im Frühjahr 2012 schlug er eine Anwendung vor, mit der quasi auf Knopfdruck der einfache Weg zum billigen Sprit gewiesen wird. Ende 2012 brachte der Bundestag die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe auf den Weg.

Seit dem Frühjahr arbeitet das Bundeskartellamt daran, die Infrastruktur dafür aufzubauen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) soll nach Informationen von Insidern, der Behörde mächtig Druck machen, damit das Preisinformationssystem noch vor der Bundestagswahl scharf geschaltet wird – schließlich gibt es nur wenige Themen die Autofahrer derart emotional berühren wie die Spritpreise.

Kritik an Eile

Die Hektik hat für einigen Ärger unter Tankstellenbetreibern gesorgt. Der Mineralölwirtschaftsverband spricht von „sehr ambitionierten Zeitvorgaben“. Von Stephan Zieger, Geschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen (BFT), sagt: „Wir kritisieren diese Eile. Das ist wirklich nicht zielführend.“

Allen Querelen zum Trotz hat das Kartellamt aber mittlerweile Vollzug gemeldet. Die gesetzlich vorgeschriebene Schwelle von 13.000 Tankstellen, die sich am Meldesystem beteiligen, ist erreicht. Damit ist Erfassung fast flächendeckend, es gibt bundesweit gut 14.500 Stationen. Auch die zweite Bedingung ist erreicht: Es gibt mindestens drei Anbieter von Infodiensten, die die Preisdaten publik machen. Damit gibt es ab 1. September null Uhr eine Meldepflicht für die Stationen.

Echtzeit bedeutet, dass nach einer Preisänderung die aktuellen Daten spätestens fünf Minuten später im System zur Verfügung stehen sollen. In den nächsten Tagen schauen sich die Kartellwächter erst einmal an, ob die riesigen Datenmengen auch tatsächlich zuverlässig fließen. Sobald dies gewährleistet ist, kommen die Informationsdienste ins Spiel. Wobei nach Informationen dieser Zeitung nicht nur drei, sondern schon gleich fünf Anbieter loslegen. Weitere werden wohl hinzu kommen. In Branchenkreisen heißt es, auch die Deutsche Telekom wolle mitmachen.

Mit von der Partie ist natürlich Clever-Tanken. „Eine endgültige Freigabe zur Veröffentlichung wird in den kommenden Tagen erwartet“, heißt es auf der Website. Der ADAC hofft darauf, dass das neue Angebot für die Autofahrer, „Mitte bis Ende nächster Woche starten wird“, so eine Sprecherin. Es beginne dann eine dreimonatige Testphase, in der die Zuverlässigkeit des Systems überprüft wird.

Für die Autofahrer soll alles möglichst einfach gehen: Er gibt am heimischen Computer seinen Standort ein oder er lässt sich mit dem Smartphone lokalisieren. Wenige Sekunden später werden die sortierten Echtzeit-Preise angezeigt. Zum Service wird zudem nicht nur beim ADAC gehören, die Preisinformationen mit digitalen Karten und Navigationssystemen zu verknüpfen.

Haucap begrüßt diesen „ersten Schritt“, er warnt aber vor übertriebenen Erwartungen: „Veränderungen werden sich erst im Laufe der Zeit einstellen.“

Gewohntes muss überwunden werden

Tanken hat viel mit Gewohnheiten zu tun. Viele Autofahrer haben ihre Stammtankstellen, die sie immer wieder ansteuern, etwa weil sie auf dem Weg zur Arbeit liegen – und dabei ist ihnen ganz egal, wie teuer der Sprit gerade ist. Für Haucap hängt künftig viel davon ab, dass Autofahrer angespornt durch die zusätzlichen Informationen sich dazu aufraffen, „flexibler und preisbewusster zu werden“.

Auch BFT-Funktionär Zieger weiß, dass Eingeübtes überwunden werden muss. Er schlägt deshalb vor, dass Infosystem, den Autofahrer etwa per SMS automatisch benachrichtigt, „wenn an einer Tankstelle in seiner Nähe ein bestimmtes niedriges Preisniveau erreicht wird.“

Der ADAC plant derweil ein ganz anderes Animationsprogramm. So sei geplant, dass Autofahrer nicht nur ihren aktuellen Ort, sondern auch ihren täglichen Weg zur Arbeit elektronisch hinterlegen, so die Sprecherin. Ihnen sollen dann aber nicht nur die Preise von Tankstellen präsentiert werden, die direkt an den Ausfall- und Durchgangsstraßen liegen. Wichtig sei, auf Stationen aufmerksam zu machen, die etwas abseits liegen, denn dort befänden sich oft die billige freien Tankstellen. „Durch diese Lotsenfunktion können wir erreichen, dass sich der Wettbewerb intensiviert“, betont die Frau vom ADAC.

Allerdings hat die Sache einen Haken. Von der Markttransparenzstelle können nicht nur die Kunden, sondern auch die Tankstellenbetreiber profitieren – insbesondere die freien Tankstellen. Schon jetzt beobachten sich zwar alle Marktteilnehmer aufmerksam. Bei den großen Konzernen funktioniert das vor allem über ausgefeilte Computerprogramme.

Mittelständler sind da bislang im Hintertreffen – zumal sie es sich auch nicht leisten können, dauernd bei der Konkurrenz vorbei zu fahren, um die aktuellen Notierungen zu überprüfen. Deshalb machen sie gewissermaßen Preise mit Sicherheitsabstand. Das bedeutet: Sie bleiben vier, fünf Cent unter den benachbarten Markentankstellen, um zumindest für mehrere Stunden in jedem Fall günstiger als die Konkurrenten zu sein.

Mit den Daten der Markttransparenzstelle kann der Betreiber der freien Tankstelle künftig in Echtzeit hinter seinem Tresen beobachten, was der Wettbewerber macht. „Das könnte dazu führen, dass diese Anbieter künftig nur noch ganz knapp, nämlich genau ein Cent, unter den Preisen der großen Konkurrenten bleiben,“ so der Gießener Wirtschaftswissenschaftler Andreas Hildenbrand. Der Sicherheitsabstand sei nicht mehr nötig. Die Folge könne das Gegenteil von dem sein, was eigentlich die Markttransparenzstelle bringen soll: Ein dauerhaft höheres Preisniveau.

Haucap räumt zwar sein, dass dies theoretisch denkbar ist. Er glaubt aber, dass bei Tankstellenbetreibern ein anderes Motiv stärker wirkt. „Der Anreiz als Preisbrecher zu agieren steigt, denn dies bringt mehr Kunden.“ So könne das Niveau der Spritpreise gedrückt werden.

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