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Bekämpfung von Fluchtursachen Das dominante Narrativ

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt, sagt: „Im politischen und öffentlichen Diskurs wird gegenwärtig aber vieles als Fluchtursachenbekämpfung verkauft, was schlechterdings nichts damit zu tun hat.“

Kenia
Flüchtlingslager an der Grenze von Äthiopien und Kenia. Foto: rtr

Cornelia Füllkrug-Weitzel ist sauer. Immer wieder werde öffentlich gejammert, die Entwicklungshilfe liefere zu wenig Ergebnisse, sagt die Präsidentin von Brot für die Welt. Es werde aber viel zu selten gefragt: Wodurch wird das, was bereits erreicht wurde oder hätte erreicht werden können, mutwillig zerstört?

Füllkrug-Weitzel gibt auch gleich eine Antwort, was sich aus ihrer Sicht ändern müsste. So müsse Schluss gemacht werden mit „Waffenexporten an Gewaltakteure in Krisenregionen, beispielsweise Saudi-Arabien und Jemen“. Krieg, aber auch klimabedingte Zerstörung gehörten zu den Haupttreibern von Flucht und Migration. Die Industriestaaten als Hauptverantwortliche für den Klimawandel müssten ihn jetzt effektiv bekämpfen und den Ärmeren in der Welt helfen, sich an ihn anzupassen.

Die Präsidentin von Brot für die Welt präsentiert am Donnerstag in Berlin den Jahresbericht 2017 ihrer Organisation. „Brot“ hat im vergangenen Jahr  rund 61,8 Millionen Euro an Spenden und Kollekten erhalten. Insgesamt standen dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen und Freikirchen etwas mehr als 282 Millionen zur Verfügung, wichtigster Geldgeber ist das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Fast 70 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht, referiert Füllkrug-Weitzel. „Mit dem Anstieg der Zahl der Flüchtlinge ist auch die Zahl der Hungernden gewachsen, erstmals wieder nach einem Jahrzehnt des Rückgangs“, sagt sie. Laut Welternährungsbericht 2017 hungerten 38 Millionen Menschen mehr, insgesamt seien es 815 Millionen. „Das muss uns alarmieren“, sagt sie.

Deshalb hat Füllkrug-Weitzel handfeste Forderungen an die Politik mitgebracht. Erstens dürfe eben die eine Hand nicht kaputt machen, was die andere gerade aufgebaut habe. Und zweitens müsse die Entwicklungszusammenarbeit Priorität genießen. Im Bundeshaushalt müsse deshalb nachgebessert werden. 

Gleichzeitig treibt Füllkrug-Weitzel folgende Sorge um: Es gebe „ein neues Narrativ“, das die entwicklungspolitische Debatte dominiere. Was im Ergebnis dazu führe, das auf die falschen Maßnahmen gesetzt werde. Mit dem „neuen Narrativ“ meint sie den Ruf nach der Bekämpfung der Fluchtursachen. Der hat es über die Flüchtlingspolitik in den allgemeinen politischen Kanon geschafft, den jetzt jeder mitsingt – egal, ob er sich für Entwicklungszusammenarbeit interessiert oder nicht.

Füllkrug-Weizel hat nicht etwas gegen das Narrativ an sich. „Im politischen und öffentlichen Diskurs wird gegenwärtig aber vieles als Fluchtursachenbekämpfung verkauft, was schlechterdings nichts damit zu tun hat.“ Vielen gehe es allein darum, Menschen in Transitländer, etwa in Nordafrika, zurückzuschieben – und dies den Regierungen mit Geld zu entlohnen. Oder eben bei fehlender Kooperation die Entwicklungshilfe zu verweigern.
Das Problem sei: Aus den Transitländern kämen die Flüchtlinge ja gar nicht ursprünglich her. „Das alles ändert an der Gewalt, den Menschenrechtsverletzungen und der Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern der Flüchtlinge gar nichts“, sagt die Präsidentin von Brot für die Welt.

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