Lade Inhalte...

Bahn-Chef Richard Lutz Jetzt ist der Schachspieler am Zug

Bahn-Chef Richard Lutz ist der Gegenentwurf zu Chefs wie Hartmut Mehdorn. Der passionierte Schachspieler gilt als Zahlenmensch - warum fällt die Wahl auf ihn?

Richard Lutz, links, und Rüdiger Grube
Der Nachfolger und sein Vorgänger: Richard Lutz (l.) soll das Erbe von Rüdiger Grube antreten. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Die Opposition hatte ihr Urteil schnell gefällt: Die Ernennung des bisherigen Finanzvorstands Richard Lutz zum neuen Chef der Deutschen Bahn stehe nicht für einen Aufbruch, kritisierten die Grünen am Dienstag, kurz nachdem die Personalie bekanntgeworden war. Denn Lutz stehe für die „Verwaltung des Status Quo“, so Verkehrsexperte Oliver Krischer. Aber ist es wirklich eine schlechte Voraussetzung, ein Unternehmen sehr gut zu kennen, das man in Zukunft führt? Nur eines ist bisher sicher: Auf den Neuen an der Spitze des Staatskonzerns warten viele und vor allem große Baustellen.

Führende Vertreter der großen Koalition hatten sich am Montagabend auf Lutz als Nachfolger von Rüdiger Grube geeinigt, der Ende Januar im Streit um eine Vertragsverlängerung überraschend zurückgetreten war. Am Dienstagnachmittag bestätigte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Personalie. Der 52-jährige Lutz, der schon seit 23 Jahren bei der Bahn arbeitet und seit 2010 Finanzvorstand ist, führt den Konzern nach dem Abgang Grubes bereits kommissarisch. Formal entscheidet der Aufsichtsrat bei seiner Sitzung am 22. März. Doch der Beschluss gilt derzeit als sicher.

Die Besetzung des Chefpostens mit Lutz ist letztlich eine Notlösung, ein Art kleinster gemeinsamer Nenner in der Koalition. Denn eine externe Besetzung gelang mangels hochrangiger Kandidaten nicht.

Und Bahn-Vorstand Ronald Pofalla, früher Kanzleramtsminister, der sich insbesondere selbst als Konzernchef sah, wurde von der SPD verhindert. Allerdings gab es dem Vernehmen nach auch in der Union Bedenken gegen den früheren CDU-Politiker, weil man sich vor der anstehenden Bundestagswahl nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, wichtige Posten in der Wirtschaft wie in einer Bananenrepublik mit eigenen Gefolgsleuten zu besetzen.

Mit Lutz kommt das Gegenmodell zu den letzten Bahn-Lenkern an die Spitze des Konzerns.

Grube, und noch mehr dessen Vorgänger Hartmut Mehdorn, pflegten das Image eines charismatischen Firmenlenkers, der sich tatkräftig selbst um jedes Problem kümmert, keinem Konflikt aus dem Weg geht, große Visionen und beste Kontakte in die Politik hat. Lutz gilt dagegen als trockener Zahlenmensch, er wird als bescheiden und überlegt beschrieben. Probleme geht er analytisch und strukturiert an: Der studierte Betriebswirt ist passionierter Schachspieler, er war einer der besten Nachwuchsspieler und Vize-Meister in Deutschland. Zugleich ist er eher unerfahren im Umgang mit der Öffentlichkeit. Eigene politische Netzwerke in Berlin habe er nicht, wird in der Hauptstadt berichtet.

Beobachter halten es für möglich, dass sich die Koalition erhofft, durch die Besetzung des Chefpostens mit Lutz künftig wieder leichteres Spiel mit der Bahn zu haben: Ein Mann, der die Zahlen im Griff hat, aber ansonsten ohne Widerstand das tut, was die Politik will. Das könnte allerdings nach hinten losgehen. Denn die Politik weiß im Falle der Bahn gar nicht, was sie will.

Erst träumte sie vom Weltlogistikkonzern, der an die Börse gehen kann und dem Bund satte Gewinne bringt, dann forderte sie wieder eine Konzentration auf das Kerngeschäft, nämlich Personen bequem, zuverlässig und pünktlich von A nach B zu bringen. Verkehrsminister Dobrindt (CSU) sprach zuletzt sogar von einer „flächendeckende Mobilität“, die die Deutsche Bahn zu gewährleisten habe. Und er gab die Parole aus, Gewinnmaximierung sei künftig unnötig, Verluste dürften aber auch nicht sein.

Gleichzeitig tut die Politik aber nichts, um den Transport auf der Schiene – und hier insbesondere den Güterverkehr – wettbewerbsfähig zu gestalten. Die Schiene ist zu teuer, oder anders gesprochen, die Straße ist trotz der Lkw-Maut noch immer zu billig. Deshalb ist der Güterverkehr eines der großen Sorgenkinder des Konzerns. Im Personenverkehr ächzt die Bahn weiter unter der Konkurrenz mit dem Fernbus.

Es besteht die Gefahr, dass der neue Bahn-Chef Spielball in diesem von der Politik angerichteten „Gewurschtel“ (Grünen-Politiker Krischer) wird. Kenner der Materie halten aber auch ein anderes Szenario für denkbar: Als nüchterner Fachmann mit anerkannt hohem Sachverstand, dem politische Ränkespiele fern liegen, sei Lutz womöglich viel besser als seine Vorgänger dazu geeignet, der Politik klarzumachen, welche Entscheidungen der Konzern braucht, um am Markt erfolgreich bestehen zu können. Das setzt allerdings voraus, dass Lutz tatsächlich schon eigene Ideen hat, wie die Bahn aufgestellt sein sollte.

Ein wenig Schonfrist hat der designierte Bahn-Chef aber noch. In den kommenden Monaten ist die Politik dank des Wahlkampfes weitgehend mit sich selbst beschäftigt. Politische Weichenstellungen sind dann erst bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst zu erwarten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Deutsche Bahn

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen