Lade Inhalte...

Autozulieferer Veritas gibt Gummi

Das Unternehmen aus Gelnhausen hat seine Krise überwunden und überzeugt mit Innovationen. Selbst Diesel-Fahrverbote sieht der Mittelständler als große Wachstumschance.

Kunststoffe kennt man meist nur als Abkürzung – PVC, PE, PET. Ausgeschrieben kommt oft der Wortbestandteil „Poly“ vor, von Polystyrol bis Polyethylenterephthalat. Wie schön ist dagegen das Wort Bakelit – zwar auch nur ein Kunststoff, aber einer mit der altmodischen Anmutung formschöner Telefone ohne nervige Benachrichtigungen oder Lichtschalter, ohne Sprachsteuerung, dafür mit sattem Klacken. Bakelit war Anfang des 20. Jahrhunderts der erste vollsynthetische Kunststoff und ist der wohl bekannteste Markenname der duroplastischen Kunststoffe – und heute noch ein innovativer Werkstoff. Das zeigt der Automobilzulieferer Veritas aus Gelnhausen.

Der hat eine Riemenscheibe aus Duroplast konstruiert, die im Steuerungsstrang von VW-Autos eingesetzt wird. Diese Teile waren früher aus Metall, die Umstellung auf Plastik verhindert Korrosion, hilft beim Gewichtsparen und verbessert die Schwingungseigenschaften. Das ist nur ein Beispiel für den ständigen Wandel, denen Veritas-Produkte unterworfen sind.

Vorstandschefin Lucie Toscani, seit einem Jahr an der Spitze des im Familienbesitz befindlichen Herstellers, und Hans-Joachim Fink, Leiter des Projektes „Strategie 21+“, berichten von einer Phase großer Unsicherheit, in der die gesamte Automobilbranche gerade steckt – und mit ihr die Zulieferer. „Wo geht die Reise hin, welcher Antrieb setzt sich durch?“, fragen Toscani und ihre Vorstandskollegen sich.

Aktuelles Beispiel: Feinstaub-Diskussion und zunehmende Diesel-Fahrverbote, die von manchen Beobachtern als Anfang vom Endes dieser Antriebstechnik gesehen werden. Fink dagegen sieht „eine große Wachstumschance“. Denn Veritas ist nach eigener Ansicht führend in der Produktion sogenannter SCR-Tanks, die als Zusatztanks für das Additiv AdBlue in modernen Dieselfahrzeugen etwa von BMW und Daimler bei der Einhaltung der Euro-6-Norm helfen. Aber die Firma agiert flexibel, egal welcher Antrieb sich durchsetzen wird. Produkte für Brennstoffzellen-Motoren sind ebenso im Angebot wie solche, die in Hybrid- oder Elektrofahrzeugen die Batterie auf die optimale 40-Grad-Wohlfühltemperatur bringen.

Veritas will sich mit der Strategie 21+ gut für die Zukunft aufstellen, nachdem die jüngste Krise überwunden ist. Von 2009 bis 2013 stieg der Umsatz von 409 auf 609 Millionen Euro um fast 50 Prozent. „Wachstum alleine reicht nicht“, blickt Toscani zurück. Denn parallel stieg auch der Kostendruck durch die Kunden, wurden Rohstoffe teurer. Konsequenz: ein Restrukturierungsprogramm ab 2014, in dessen Rahmen Veritas das Produktportfolio bereinigte. Das hat auch Jobs gekostet – im Geschäftsjahr 2016 waren in Gelnhausen nur noch knapp 1540 Menschen beschäftigt, 2012 noch fast 160 mehr. Weltweit sank die Zahl von gut 4130 auf rund 3950. Veritas legt Wert darauf, dass keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen wurden. Mittlerweile werden wieder Mitarbeiter eingestellt, auch in Gelnhausen, nicht nur in China, Nordamerika, der Türkei oder Osteuropa. Und Veritas investiert kräftig: 42 Millionen Euro sollen 2017 ausgegeben werden. Das Geld fließt in neue Geschäftsprozesse und in den Ausbau der Fertigungskapazitäten, unter anderem in China, Bosnien und auch Gelnhausen (5,8 Millionen Euro).

Stabilität vor Rentabilität

Damit will Veritas natürlich auch wieder wachsen, die Weichen dafür sind gestellt: Der Auftragseingang liegt mit 570 Millionen aktuell bereits über dem des Gesamtjahres 2016 (562 Millionen Euro) und soll bis Jahresende 800 Millionen Euro erreichen. Allerdings hat Veritas aus der starken Wachstumsphase 2009 bis 2013 Konsequenzen gezogen: Stabilität geht künftig vor Rentabilität, erst an dritter Stelle der Unternehmensziele steht das Wachstum. Da hilft es sicherlich, dass man als Familienunternehmen „nicht von der Börse getrieben wird“, wie Toscani erklärt.

Die aktuell so beliebten Schlagwörter Digitalisierung und Industrie 4.0 kommen dabei nur auf Nachfrage vor. Veritas setzt auf traditionelle Werkstoffexpertise, die historisch vom Gummi ausgeht, dann Kunststoffe und schließlich Metalle integrierte. Wurden die Werkstoffe früher zu Massenware wie etwa Schläuchen verarbeitet, so stellt Veritas heute ganze Komponenten her – hält sich aber fern von allem, was in den elektrischen Bereich geht. Automation sei natürlich wichtig für den Standort, erklärt Fink, die „Tiefe der Automation entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit“. Aber ob ein Prozess automatisiert wird und wie stark die beteiligten Maschinen vernetzt werden, oder eben nicht, das entscheidet Veritas von Fall zu Fall.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen