Lade Inhalte...

Autonomes Fahren Selbstfahrende Autos - eine Frage der Moral

Was dürfen selbstfahrende Autos? Die Ethikkommission findet keine Lösung für „echte dilemmatische“ Situationen beim autonomen Fahren.

Alexander Dobrindt
Bundesverkehrsminister Dobrindt über den Bericht der Ethikkommission für selbstfahrende und vernetzte Autos auf der Pressekonferenz in Berlin. Foto: dpa

Zuerst outet sich der Chef der Ethikkommission zum autonomen Fahren als Fan seines Untersuchungsgebiets. Nachdem er auf einer Teststrecke bei Starkregen mit einem Autopiloten gefahren sei, habe er gar keine Lust mehr verspürt, wieder selbst das Steuer zu übernehmen. „Ich hatte den Eindruck, der fährt besser als ich“, berichtete der frühere Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio am Dienstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts der Kommission. Darin haben die Experten eine Reihe ethischer Grundsätze für vollautomatisch fahrende Autos aufgestellt. Eine der wichtigsten Fragen ließen sie jedoch unbeantwortet.

Die Ethikkommission, eingesetzt von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und zusammengesetzt aus 14 Wissenschaftlern, darunter Philosophen, Verkehrsexperten, Juristen und Theologen, hat neun Monate an ihrem Bericht gearbeitet. Wie schwierig selbst für Experten diese Materie ist, machte Di Fabio deutlich: Die Kommission sei gegenüber dem autonomen Fahren „ambivalent“ und vertrete eher ein „entschiedenes Sowohl-als-auch“ – was tatsächlich an mehreren Stellen der aufgestellten 20 ethischen Regeln deutlich wird.

Einig ist sich die Kommission darüber, dass vollautomatische Fahrsysteme nur dann vertretbar seien, wenn ihr Einsatz die allgemeine Unfallgefahr senke und damit die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer erhöhe. Dann, und nur dann, so heißt es im Abschlussbericht, sei die Einführung dieser Systeme sogar „ethisch geboten“.

Das bedeutet nach den Worten von Di Fabio aber nicht, dass es eine gesetzliche Pflicht zur Nutzung eines Autopiloten geben dürfe, denn das wäre eine unzulässige Einschränkung der Freiheit jedes Einzelnen und eine ethisch bedenkliche „Unterwerfung“ unter die Technik. Vielmehr sei der Gesetzgeber im Falle einer positiven Risikobilanz aufgefordert, den Einsatz dieser Technologie zumindest zu fördern.

Einen breiten Raum nimmt im Bericht die Frage ein, wie sich ein automatisch gesteuertes Fahrzeug in Gefahrensituation verhalten solle. Einigkeit herrscht darüber, dass der Schutz von Menschen grundsätzlich vorgehe. Die Programmierung eines Autopiloten müsse daher so angelegt sein, dass Tier- oder Sachschäden in Kauf genommen werden, wenn dadurch die Verletzung oder der Tod von Menschen vermeidbar sei, heißt es in einer der Regeln.

Einig ist man sich auch darüber, dass bei einer unausweichlichen Unfallsituation, bei der es nur die Entscheidung zwischen mehreren Übeln gibt, jede Abwägung möglicher Opfer nach Alter, Geschlecht sowie körperlicher und geistiger Konstitution untersagt sein müsse. Lediglich eine „allgemeine Programmierung auf eine Minderung der Zahl von Personenschäden“ könne vertretbar sein.

Nach diesen Leitlinien dürfte ein Autopilot in einer „dilemmatischen Situation“ keine Entscheidung darüber treffen, ob das Fahrzeug einen 80-jährigen Rentner auf der linken Straßenseite oder ein Kind auf der rechten Seite anfährt. Handelt es sich um eine Gruppe von Kindern, dürfte das Auto den Prinzipien zufolge jedoch in Richtung des Senioren lenken und dessen Verletzung oder Tod in Kauf nehmen.

Di Fabio sieht darin keinen Widerspruch zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz.

Das Gesetz erlaubte den Abschuss eines entführten Verkehrsflugzeugs, um eine größere Zahl von Opfern auf dem Boden zu verhindern.

Die Karlsruher Richter erklärten das Gesetz aber für verfassungswidrig, weil darin verbotenerweise Leben gegen Leben aufgerechnet wurde.

Nach Auffassung der Kommission ist die Lage beim autonomen Fahren davon zu unterschieden: Hier sei - anders als beim Abschuss eines entführten Flugzeugs - nicht bereits vorher klar definiert, wer das Opfer sei. Schließlich solle in der Programmierung nur allgemein festgelegt werden, dass Personenschäden minimiert werden sollten.

Die entscheidende Frage jedoch, was ein Autopilot in einer Dilemma-Situation tun soll, wenn er nach den aufgestellten ethischen Leitlinien keine Entscheidungsgrundlage hat, war in der Kommission laut Di Fabio umstritten. Deshalb findet sich dazu auch keine Regel. Er räumte ein, dass es dazu noch Diskussionen geben müsse. Verkehrsminister Dobrindt sah darin aber kein Problem: Er gehe davon aus, dass es schon aufgrund der „schnelleren Intelligenz“ automatischer Systeme in Zukunft weniger Unfallopfer geben werde. Daher könnten Autopiloten auch dann eingesetzt werden, wenn diese Frage noch nicht abschließend beantwortet sei.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mobilität

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen