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Autoindustrie Das Diesel-Märchen

„Moderner Diesel ist notwendig für die Klimaschutzziele“, meint der Branchenverband VDA. Doch es gibt mehrere Faktoren, die den Diesel klimafreundlicher erscheinen lassen, als er tatsächlich ist.

Diesel
In der Mittelklasse gibt es kaum noch einen CO2-Unterschied zwischen Benzin und Diesel. Foto: dpa

Zwischen Bundeskanzlerin und ihren Herausforderer passt kein Blatt Papier – beim Thema Diesel. „Den Diesel wird es noch viele, viele Jahre geben“, sagt Angela Merkel (CDU). Und Martin Schulz (SPD) meint, der Selbstzünder-Motor werde im Antriebsmix der Zukunft noch „lange Zeit“ eine wichtige Rolle spielen. Das klingt wie Copy and Paste, übernommen vom Branchenverband VDA, der nicht müde wird zu betonen: „Moderner Diesel ist notwendig für die Klimaschutzziele“. Der CO2-Ausstoß sei um bis zu 15 Prozent niedriger als bei vergleichbaren Benzinern. Doch was ist dran an dem Argument?

„Noch vor zehn, 20 Jahren konnte man das durchaus unterschreiben“, meint der renommierte Verkehrsexperte Ulrich Höpfner, „heute ist das anders.“ In der Mittelklasse gebe es den CO2-Vorteil kaum mehr, da die Benziner durch bessere Motorentechnik sparsamer geworden seien, bei Diesel-Pkw der Verbrauch infolge schärferere Abgas-Anforderungen aber etwas gestiegen sei. CO2-günstiger sei der Diesel bei den großen, schweren PKW mit viel PS, etwa den beliebten SUV, freilich nur, wenn man alleine die CO2-Emissionen am Auspuff betrachtet. „Die 15 Prozent schafft aber heute keiner mehr“, sagt Höpfner, der Chef des Heidelberger Umweltforschungsinstituts Ifeu war.

Produktion aufwändiger als beim Benziner

Es gibt mehrere Faktoren, die den Diesel klimafreundlicher erscheinen lassen, als er tatsächlich ist. So ist die Produktion des Kraftstoffs in der Raffinerie energieaufwändiger als die von Benzin. Der zusätzliche CO2-Ausstoß aus dem Raffinerieprozess, der aufgeschlagen werden muss, beträgt bei Benzin 20 Prozent, bei Diesel aber 22 Prozent. „Das verringert den Abstand von Otto- zu Diesel-Motor schon einmal“, sagt Höpfner, und für das Klima sind ja die Gesamtemissionen entscheidend, nicht nur, was aus dem Auspuff kommt.“

Wichtig ist zudem, dass die schweren Diesel-Motoren auch mehr Energie- und Material-Aufwand in der Herstellung haben. Wird der dabei entstehende zusätzliche CO2-Ausstoß berücksichtigt, ist der Diesel unter dem Strich nach jüngsten Berechnungen der europäischen Verkehrs- und Umwelt-NGO „Transport & Environment“ im Schnitt sogar klimaschädlicher als der Benziner. Höpfner dazu: „Diesel-Motoren haben allerdings meist eine höhere Haltbarkeit und eine deutlich größere Laufleistung. Das mindert den Nachteil aus der Herstellung wieder.“

Der Heidelberger Experte hat die CO2-Werte der VW-Modelle Golf und Tiguan mit ähnlicher Motorisierung analysiert. Beim Topseller des Autobauers aus Wolfsburg, dem Golf, sieht die Rechnung mit 81 respektive 85 Kilowatt-Motor (110 und 115 PS) so aus: Die CO2-Emissionen betragen beim Benziner im Zulassungstest 109 Gramm CO2 pro Kilometer (g/km), beim Diesel 106, das sind drei g/km weniger, also gut drei Prozent. Beim Tiguan, einem beliebten SUV, stößt der Benziner mit 110 kW (150 PS) 132 g/km pro Kilometer aus, der gleichstarke Diesel 123 g/km, das sind sieben Prozent weniger. Der Tiguan mit Otto-Motor wiegt 1490 Kilogramm, der Selbstzünder 78 mehr. Der große, sehr schwere und teure SUV von VW, der Touareg, wird nur als Diesel verkauft. Höpfner schätzt, dass ein Benziner hier zehn Prozent mehr ausstoßen würde.

Somit liegen nach Höpfner die Auspuffemissionen zumindest bei den meistverkauften Diesel-PKW nur geringfügig niedriger als bei den Benzinern. Rechnet man die negativeren Effekte bei der Herstellung von Fahrzeug und Kraftstoff ein, sind beide System ziemlich gleichauf. Fazit: „Ein echter Klimavorteil des Diesels ist nicht vorhanden.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Abgasskandale

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