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Autobauer Zoff bei Hyundai in Rüsselsheim

Verhärtete Fronten bei Hyundai in Deutschland: Der Betriebsrat bekommt anonyme Briefe, die Gewerkschaft spricht von Mobbing - und das Management hält sich zurück.

30.01.2013 17:14
Peter Dietz
In der Mehrheit hoch qualifizierte Ingenieure, Designer und Techniker: das Entwicklungszentrum von Hyundai in Rüsselsheim. Foto: hyundai

Verhärtete Fronten bei Hyundai in Deutschland: Der Betriebsrat bekommt anonyme Briefe, die Gewerkschaft spricht von Mobbing - und das Management hält sich zurück.

Der Betriebsrat des Hyundai-Entwicklungszentrums, das der Automobilhersteller in Rüsselsheim betreibt, fühlt sich in seiner Arbeit behindert. Dabei läuft es eigentlich blendend für den koreanischen Autobauer. Der Absatz steigt, der Gewinn kletterte im vergangenen Jahr auf Rekordhöhe. Doch in Rüsselsheim, wo die so erfolgreichen Autos für den europäischen Markt geformt werden, sprechen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertreter oft nur noch über ihre Rechtsanwälte miteinander. Mehr als ein Dutzend Verfahren wegen angeblicher Verstöße gegen das Betriebsverfassungsgesetz sind derzeit beim Arbeitsgericht Darmstadt in der Schwebe.

Seit August 2009 hat das Europäische Entwicklungszentrum von Hyundai einen Betriebsrat. Das Gremium vertritt die Interessen von rund 250 Beschäftigten; in der Mehrheit sind es hoch qualifizierte Ingenieure, Designer und Techniker. „Bei Hyundai gibt es massive Probleme mit der Beachtung der Mitbestimmung in Betrieben, hier und weltweit“, sagt Martin Sperber-Tertsunen von der IG Metall Darmstadt. Ob es um Mehrarbeit, Arbeitssicherheit oder um Urlaubstage ging, fast immer habe der Rüsselsheimer Betriebsrat den Rechtsweg einschlagen müssen, um Klarheit zu bekommen.

Den Betriebsräten in Rüsselsheim werde die Arbeit häufig schwer gemacht, es gebe sogar offene persönliche Angriffe gegen Mitglieder der Arbeitnehmervertretung, sagt Sperber-Tertsunen. Im Sommer machte ein offener Brief die Runde. Die anonymen Verfasser des Briefes beschuldigten den Betriebsrat, er arbeite gegen Unternehmen und Belegschaft, zögere Lösungen bewusst hinaus und nehme dabei materielle Nachteile für eine Großzahl der Mitarbeiter billigend in Kauf. Die Autoren forderten die Auflösung des Gremiums.

Persönlich diffamiert

100 Beschäftigte unterschrieben letztlich den Brief – darunter zahlreiche leitende Angestellte wie etwa der Personalleiter. Würden solche Gerüchte von einer großen Zahl führender Angestellter und Vorgesetzter getragen, dann seien viele der Beschäftigte erst mal verunsichert, meint Sperber-Tertsunen. Zudem seien die Hintergründe der Vorwürfe für die Mitarbeiter schwer durchschaubar.

Der Betriebsrat zog erneut vor Gericht. Die Mitglieder des Gremiums fühlen sich diffamiert. Denn in dem offenen Brief wurde ihnen auch Amtsmissbrauch unterstellt. Die nicht namentlich aufgeführten Autoren schrieben: „Wir sind der Ansicht, dass die gegenwärtig agierenden Personen des Betriebsrates ihr Amt dazu missbrauchen, um sich nicht zuletzt auch persönliche, materielle Vorteile zu sichern.“

Noch ist in diesem Verfahren kein Urteil gesprochen. Der vorsitzende Richter ließ in der Verhandlung vergangene Woche in Darmstadt aber keine Zweifel aufkommen: Der Vorwurf der persönlichen Bereicherung sei „böswillige Schmähkritik“ und nicht durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, sagte er. Der Vorwurf sei pauschal und unbewiesen. „Das geht zu weit“, sagte der Richter.

Da leitende Angestellte den Arbeitgeber repräsentierten und das Management die Veröffentlichung des Briefes am schwarzen Brett geduldet habe, so der Richter weiter, sei davon auszugehen, dass der Betriebsrat dadurch in seiner Arbeit behindert worden sei. Das Urteil soll am 13. Februar verkündet werden.

Hyundai will sich zu den Problemen in Rüsselsheim nicht äußern. Auf eine Anfrage der Frankfurter Rundschau mit sieben Fragen zur den Vorwürfen der IG Metall und zur Praxis der Mitbestimmung kam aus der Zentrale in Seoul nur ein knappes Statement: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu derzeit laufenden Verfahren nicht äußern können. Unabhängig davon möchten wir unterstreichen, dass es die Politik unseres Unternehmens ist, weltweit in jedem Land immer die geltenden Gesetze zu beachten.“

Abmahnungen und Kündigungen

Auch der Betriebsrat des Entwicklungszentrums hält sich bedeckt. Man wolle kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen, hieß es auf Anfrage. Die Belegschaft in Rüsselsheim sei gespalten, sagt ein Insider. Ingenieure seien gewerkschaftlich weniger stark organisiert als die Arbeiter am Band. Schon deshalb habe der Betriebsrat des Entwicklungszentrums einen schweren Stand.

Die IG Metall glaubt ein System zu erkennen. „Die Geschichte klingt wie aus dem Handbuch für Betriebsräte-Mobbing“, sagt Gewerkschaftssekretär Tobias Wölfle. „Wollen Unternehmen ihre Betriebsräte loswerden, empfehlen ihnen einschlägige Berater genau diese Strategie.“ Zunächst demontiere die Firma den Betriebsrat in Versammlungen, werfe ihm vor, nur noch seine eigenen Interessen zu verfolgen und fordert, ihn aufzulösen. Im nächsten Schritt provoziere sie einen Gerichtsprozess nach dem anderen; der Betriebsrat ersticke in Verfahren und habe für seine eigentliche Arbeit kaum noch Zeit. Für die Belegschaft bestätige sich dann der Eindruck, dass sich der Betriebsrat nur mit sich selbst beschäftige, sagt Wölfle. Dann folgten oft Abmahnungen und Kündigungen.

Dazu kam es in Rüsselsheim bislang nicht. An anderen Standorten ging Hyundai nach Gewerkschaftsberichten aber auch soweit. Sang-Jun Park, Vize-Präsident der koreanischen Metallgewerkschaft, wurde laut IG Metall bereits dreimal von Hyundai gekündigt und wegen angeblicher wirtschaftlicher Schädigung inhaftiert. Aus Tschechien gebe es ähnliche Geschichten; dort sollen Kranke gekündigt und aktive Gewerkschafter versetzt worden sein. Nicht zuletzt deshalb bezeichnen Gewerkschafter wie Helmut Lense vom Internationalen Metallgewerkschaftsbund (IMB) Hyundai als einen der weltweit gewerkschaftsfeindlichsten Autokonzerne.

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