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Auto Sparsam nur im Prospekt

Die Tricksereien der Autobauer bei Verbrauchsangaben von Neuwagen nehmen zu. Im Schnitt verbrauchen die Autos ein Drittel mehr als angegeben. Auch die CO2-Grenzwerte werden unterlaufen.

Misst noch mal genau nach, wie hoch der Verbrauch und damit auch die Abgas-Emissionen sind: der ADAC. Foto: ADAC

Die Autobauer schummeln bei ihren Verbrauchsangaben immer dreister. Dies geht aus einer Studie der Forschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) hervor, die der FR vorliegt. Dem Papier zufolge schlucken die Autos der großen Marken im realen Straßenverkehr inzwischen im Schnitt gut ein Drittel mehr Benzin und Diesel, als in den Prospekten angegeben wird. Mit den falschen Zahlen werden nicht nur Autofahrer hinters Licht geführt. Die Konzerne unterlaufen auch CO2-Grenzwerte der EU.

Die Experten haben Daten von mehr als einer halben Million Autos aus acht verschiedenen Quellen aus den Niederlanden, Großbritannien, der Schweiz und Deutschland analysiert. Dazu zählen Autotests des Fachblatts „Auto Motor und Sport“, aber auch Verbrauchsinformationen der Firma Leaseplan, der weltgrößten Leasinggesellschaft für Unternehmensfuhrparks. Das wichtigste Ergebnis: Die Diskrepanz „zwischen offiziellen und realen CO2- und Verbrauchswerten“ steige stetig an. 2001 habe die Abweichung noch bei durchschnittlich acht Prozent gelegen, für 2013 seien es 38 Prozent gewesen, so das ICCT.

Hinter dieser Zahl steckt viel Frust von Pkw-Haltern, die glaubten ein sparsames Auto gekauft zu haben, es tatsächlich aber mit einem Spritfresser zu tun haben. Rechnet man die Abweichungen hoch, muss ein durchschnittlicher Autofahrer tatsächlich 450 Euro mehr pro Jahr bezahlen als bei einem – lediglich theoretisch möglichen – Einhalten der offiziellen Daten.

Die Ursache für die massiven Differenzen ist die Art und Weise, wie der Normverbrauch ermittelt wird. Die Autos werden unter Laborbedingungen nach dem sogenannten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) getestet. Das sind die Daten, die dann auch in den Hochglanz- Verkaufsbroschüren der Konzerne aufgeführt werden. Der NEFZ steht seit langem in der Kritik. So drückt die eigentlich sinnvolle Start-Stopp-Technologie beim Test auf dem Prüfstand den Verbrauch erheblich stärker als im wirklichen Verkehr. Verfälschend wirkt auch, dass Klimaanlagen beim NEFZ ausgeschaltet sind, tatsächlich sind heute aber fast alle Neuwagen damit ausgerüstet und laufen häufig permanent, wodurch der Verbrauch steigt. Beim NEFZ werden die Autos zudem nur bis maximal 120 Stundenkilometer beschleunigt, was zumindest für deutsche Verhältnisse unrealistisch ist.

Tests mit reduziertem Gewicht

Zu den Tricks der Autobauer zum Drücken des Verbrauchs zählt, dass sie ihre Fahrzeuge zudem mit speziellen Leichtlaufreifen und mit besonderen Schmierölen und häufig ohne Sonderausstattungen testen lassen. Letzteres reduziert das Gewicht. Zudem sind Experten davon überzeugt, dass moderne Bordcomputer „erkennen“, dass der Wagen auf einem Prüfstand steht. Das Motormanagement schaltet dann auf eine besonders magere Verbrennung um. Hierbei handelt es sich wohlgemerkt um legale Tricks – die NEFZ-Vorgaben lassen viele Schlupflöcher. Eine besonders hohe Diskrepanz haben die ICCT-Experten bei der E-Klasse von Mercedes festgestellt. Der reale Verbrauch lag 45 Prozent höher als die Angabe im Prospekt. Auch der 5er von BMW liegt in der „Spitzengruppe“ mit einem Plus von rund 40 Prozent.

Mit den geschönten Zahlen werden auch die Vorgaben der EU unterlaufen. Vorgeschrieben ist, dass die Neuwagenflotten von 2015 an maximal 130 Gramm CO2 pro Kilometer in die Luft pusten dürfen. Auf dem Papier liegen alle Autobauer auf dem europäischen Markt darunter. Die realen Emissionen dürften bei vielen Herstellern aber jenseits der 160 Gramm liegen – sie müssten eigentlich Strafen an die EU zahlen.

Durch die kleingerechneten Verbrauchsdaten gehen darüber hinaus vielen Staaten in Europa Einnahmen von mehreren Milliarden jedes Jahr durch die Lappen, da die Kfz-Steuern häufig auch anhand des CO2-Ausstoßes berechnet werden. Das ICCT rechnet mit jährlichen Mindereinnahmen in Deutschland von 240 Millionen Euro.

Die Autobauer und ihre Lobbyisten räumen zwar Abweichungen ein, haben die Tests unter Laborbedingungen bislang aber mit dem Hinweis verteidigt, dass es keinen anderen Weg gebe, um objektive und vergleichbare Zahlen zu erhalten, da jeder Autofahrer ein anderes Fahr- und Nutzungsverhalten seines Pkw habe.

Für Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte des Bunds für Umwelt und Naturschutz, sind die NEFZ-Zahlen hingegen nicht mehr hinnehmbar: „Verbraucher werden getäuscht“, sagte er der FR. Für Hilgenberg gibt es zudem eine politische Dimension: „Sollen die von der Bundesregierung angestrebten CO2-Einsparungen im Verkehr realisiert werden, dürfen die Fahrzeuge nicht nur auf dem Papier sparsamer werden.“

Neues Messverfahren nötig

Berlin müsse sich für ein schnelles Schließen der Schlupflöcher einsetzen. Hilgenberg fordert ebenso wie das ICCT, ein neues Messverfahren einzuführen. Das gibt es schon und heißt „Weltweit harmonisierter Fahrzyklus“ (WLTP). Hier wird mit höheren Geschwindigkeiten und stärkeren Beschleunigungen gearbeitet. Der WLTP soll womöglich 2017 in Europa eingeführt werden. Ergänzend, so Hilgenberg, müsse es auch offizielle Messungen im Realbetrieb geben, was in den USA bereits durchgeführt werde.

Sicher ist, dass beim WLTP höhere Verbrauchs- und Abgaswerte herauskommen. Die Autolobby VDA hat deshalb schon vor einiger Zeit durchblicken lassen, dass man bei der Einführung des neuen Standards noch einmal über die von der EU beschlossenen Grenzwerte sprechen müsse. Von 2020/2021 an sollen 95 Gramm als Flotten-Höchstwert gelten.

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