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Aufstieg einer Supermacht China - Kolonialmacht oder Partner?

China investiert Milliarden auf dem afrikanischen Kontinent: Vor allem in Äthiopien entstehen immer größere Fabriken mit tausenden Niedriglohn-Jobs. Doch das ungleiche Bündnis hilft und schadet dem Kontinent gleichermaßen.

Schuhfabrik in der Nähe von Addis Abeba
Schuhfabrik in der Nähe von Addis Abeba: Hier produzieren rund 200 Arbeiterinnen bis zu 1000 Schuhe pro Tag. Foto: Imago

„Augen rechts“, ruft der Kapo auf chinesisch und alle Köpfe sausen nach rechts. Dann bellt der Vorarbeiter ebenfalls in der Sprache Mao Tse-tungs „eins, zwei, drei, vier“, und Hunderte von Beinen marschieren auf der Stelle. Hinter der Truppe, die am Kopf der Hangar-großen Halle exerziert, hängen Spruchbänder an der Wand: Sie sind in diesem Fall außer auf Chinesisch auch in der Landessprache Amharisch gehalten. „Hundert Prozent Kooperation“, steht auf den Fahnen, „hundert Prozent Gehorsam und hundert Prozent Verwirklichung.“

Dies ist kein Drill in einem Flieger-Horst: Die Szene spielt sich vielmehr in der chinesischen Schuhfabrik Huajian am Rand der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ab. Dort haben die überwiegend äthiopischen Beschäftigten zweimal am Tag stramm zu stehen: „So erzeugen wir in unseren Arbeitern die richtige Gesinnung“, sagt Manager Song Yiping.

Mit seinen insgesamt rund 5000 Angestellten ist Huajian eine der größten chinesischen Produktionsstätten außerhalb des Reichs der Mitte. Hier werden Schuhe für Welt-Marken wie Guess, Tommy Hilfiger oder Nine West hergestellt, selbst Ivanka Trump lässt das Schuhwerk für ihre Modemarke von Huajian produzieren. Noch sind in dem rund 40 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Addis gelegenen „Oriental Industrial Park“ von Dukem „lediglich“ rund zwanzig Hallen zu sehen: In den kommenden Jahren will Huajian hier weitere zwei Milliarden Dollar investieren, andere chinesische Hersteller anlocken, Appartementhäuser für 200.000 Menschen bauen und schließlich um das Ganze eine Replik der Chinesischen Mauer ziehen.

 

„Viele chinesische Industriebetriebe erwägen zur Zeit, nach Äthiopien zu kommen“, will Pekings ehemaliger Handelsminister Gao Hucheng wissen: Mit seinem starren politischen System, dem Eifer der Bevölkerung und – vor allem – den minimalen Lohnkosten scheint das ostafrikanische Wirtschaftswunderland hochattraktiv zu sein.

Der ehemaligen Weltbank-Vizepräsidentin Obiageli Ezekwesili zufolge wird China in den kommenden Jahren mehr als 80 Millionen niedrig bezahlter Arbeitsplätze ins Ausland verlegen, weil die Löhne am Jangtse immer höher klettern – sie haben sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Selbst ein ungelernter chinesischer Arbeiter kann heute mit einem Monatsgehalt von umgerechnet 500 US-Dollar rechnen: Sein äthiopischer Kollege muss froh sein, wenn er ein Zehntel dessen bekommt. Produktionsstätten, die lediglich ungelernte Beschäftigte benötigen, werde China zunehmend ins Ausland verlegen, ist die Weltbank überzeugt. Auf diese Weise bringe der asiatische Riese seine eigene Wirtschaft auf einen höheren, den westlichen Industrienationen entsprechenden Stand. Geeignete Kandidaten für die Verlagerung der Arbeitsplätze ist neben Bangladesch der afrikanische Billiglohnkontinent.

Chinas besonderes Interesse an Afrika ist seit Jahren bekannt. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Handelsvolumen zwischen dem Reich der Mitte und dem Kontinent des Mangels von zehn auf über 200 Milliarden US-Dollar mehr als verzwanzigfacht, die chinesischen Investitionen nehmen in guten Jahren um bis zu 40 Prozent zu. Heute leben weit über eine Million Chinesen in den 55 Staaten des Erdteils, mehr als 10 000 chinesische Firmen sind hier aktiv.

Ein näherer Blick auf die beeindruckenden Zahlen trübt die aufgekommene Euphorie allerdings ein. Während es sich bei rund 90 Prozent der chinesischen Exporte um weiterverarbeitete Produkte handelt, exportiert Afrika mit knapp 94 Prozent fast ausschließlich Rohstoffe – der Anteil hergestellter Waren nahm in den vergangenen Jahren sogar noch ab. Machte die industrielle Produktion in den Ländern südlich der Sahara im Jahr 1990 noch 15,4 Prozent des Inlandproduktes aus, so fiel dieser Anteil in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten auf elf Prozent. Verantwortlich für den Produktionsrückgang waren vor allem die billigen chinesischen Kleider- und Schuh-Importe: Sie machten der afrikanischen Textilindustrie noch in den Kinderschuhen den Garaus. Für die Entwicklungsländer kam das einer mittleren Katastrophe gleich, hängt ihre Zukunft doch vor allem von der Industrialisierung ab. Manche Entwicklungsexperten sahen China deshalb als neue Kolonialmacht: Auch Peking sei lediglich an der Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze interessiert.

Ganz traf dieser Vorwurf noch nie zu. Denn außer große Mengen an Erdöl, Kupfer und Kohle zu kaufen (und damit auch zur Stabilisierung der Preise beizutragen), stellte China den afrikanischen Staaten riesige Mengen erschwinglicher Kredite sowie ganz geschenkte Entwicklungshilfe zur Verfügung. Das Geld kam in erster Linie Infrastrukturprojekten im Straßen- und Eisenbahnwesen zu Gute, die unverzichtbare Voraussetzung der Industrialisierung sind. Denn was nützt eine Schuh- oder Zementfabrik, wenn sie von den Märkten abgeschnitten ist? Im einstigen Armutsstaat Äthiopien war dieses Dilemma besonders augenfällig: Der Staat mit den zweitmeisten Einwohnern des Kontinents hatte nicht einmal einen vernünftigen Zugang zu einem Hafen.

Chinesische Firmen zogen deshalb eine elektrifizierte Eisenbahnlinie von Addis Abeba nach Dschibuti: Sie kostete 3,4 Milliarden Dollar, wurde Anfang dieses Jahres fertig und verkürzt den Gütertransport zum Indischen Ozean von drei Tagen auf zwölf Stunden. Ferner sorgte Peking dafür, dass Addis als eine von wenigen afrikanischen Städten eine S-Bahn bekam und der Flughafen der Metropole derzeit zu einem auf dem Kontinent einzigartigen Hub ausgebaut wird.

Weil sie über keine nennenswerte Bodenschätze verfügt, hat sich die äthiopische Regierung vorgenommen, Afrikas Industrie-Champion zu werden: Die billigen Arbeitskräfte des mehr als 120 Millionen Einwohner zählenden Staats, die – zumindest nach der Fertigstellung zweier riesiger Staudammprojekte – üppige Stromversorgung sowie die runderneuerten Verkehrswege sollen dabei helfen. Eine auf der Industrie basierende Volkswirtschaft bringt wesentliche Vorteile: Während die Wachstumsraten der vom Erdölexport lebenden afrikanischen Staaten in den vergangenen zwei Jahren ob des schwindenden chinesischen Rohstoffhungers empfindliche Einbußen erlitten, setzte Äthiopien seinen Aufstieg fast ungebremst fort. Die industrielle Fertigung nahm im vergangenen Jahr sogar um fast 20 Prozent zu.

Wenn sich ein afrikanisches Land als Musterkandidat der Industrialisierung anbietet, dann Äthiopien: Hier kann der „asiatische Bruderstaat“ beweisen, dass er sich tatsächlich von den einstigen europäischen Kolonisatoren unterscheidet. Noch ist der Verdacht nicht ausgeräumt, dass Chinas afrikanisches Abenteuer nur auf die Sicherung von Rohstoffen und Erschließung neuer Absatzmärkte gerichtet ist. Nach Vorhersagen von Demografen werden in 40 Jahren mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung in Afrika leben – was allerdings nicht ausschließt, dass China neben der Entwicklung neuer Märkte auch die Verlegung von Produktionsstätten nach Afrika vorantreibt. Mit seiner zentralen Lage zwischen Asien, Europa und Amerika präsentiert sich Äthiopien schon geografisch als idealer Standort. Das Land könne zur „Fabrikhalle der Welt“ werden, ist der frühere Chef der UN-Wirtschaftskommission für Afrika ,Carlos Lopes, überzeugt: Ein zweites, afrikanisches China.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier China

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