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Artensterben Der leise Tod im Feld

Eine Untersuchung zeigt einen dramatischen Artenschwund. Die Landwirtschaft ist dafür der wichtigste Faktor.

Ameisenbläuling
Einer von vielen Gefährdeten: Der Ameisenbläuling findet zunehmend weniger Lebensraum vor. Foto: imago

Sie zählen nicht zu den Beliebtesten im Tierreich. Dafür sind sie zahlreich. Mehr als 60 Prozent aller beschriebenen Tierarten sind Insekten. Nimmt man sämtliche Pflanzen und Pilze hinzu, machen Insektenarten immer noch 51 Prozent allen Lebens auf der Erde aus. Sie bestäuben Blüten, vertilgen Pflanzen und Kleinstlebewesen, lockern Böden auf, sind Nahrung für Vögel, Nager, Amphibien und Reptilien. Fragt sich nur, wie lange noch.

Die Frage drängt sich auf nach der Lektüre einer Studie mit dem Titel „Die (Un-)heimliche Artenerosion“, die der auf Agrar- und Naturschutzthemen spezialisierte Wissenschaftsjournalist Stephan Börnecke im Auftrag des Europa-Abgeordneten Martin Häusling (Grüne) verfasst hat. Er dokumentiert darin ein Insektensterben dramatischen Ausmaßes.

Als Beispiel führt der Autor das Naturschutzgebiet Orbroich bei Krefeld an. Der dort ansässige Entomologische Verein hatte auf dem 100 Hektar großen Schutzraum im Jahr 1989 Insektenfallen aufgestellt und den Inhalt gewogen. Bei einer zweiten Bestandsaufnahme 2013 fand sich darin nicht einmal mehr ein Viertel der einstmaligen Insektenmasse. In einzelnen Fallen lag das Minus gar bei 90 Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte der Naturschutzbund Deutschland, der für Nordrhein-Westfalen einen Insektenrückgang seit 1995 von rund 80 Prozent ermittelte. Solche Einzelbefunde sind wertvoll, weil flächendeckende systematische Untersuchungen über längere Zeiträume fehlen. Hauptverantwortlich für den Artenschwund ist laut Börnecke die industrialisierte Landwirtschaft. Tonnenweise ausgebrachte Pestizide und Überdüngung machen dem, was da kreucht und fleucht, langsam aber sicher den Garaus.

Mitunter geschieht dies sehr indirekt: Für das Naturschutzgebiet am Keilberg nahe Regensburg konnten Forscher anhand historischer Daten aus dem Jahr 1840 einen Schwund der heimischen Tagfalterarten von 117 auf 71 im vergangenen Jahr nachweisen. Hauptgrund für den Rückgang war der Stickstoffeintrag von umliegenden Agrarböden auf die Naturschutzflächen, deren Bewuchs sich in der Folge stark veränderte: Wo einst über blütenreichen Kalkmagerrasen Dickkopffalter, Ameisenbläuling und orangeroter Heufalter flatterten, gedeihen nun Gräser und Büsche, die als Lebensraum für die Schmetterlinge ungeeignet sind.

Meist ist die Landwirtschaft aber ganz unmittelbar für den Verlust wertvoller Lebensräume verantwortlich. Flächenuntersuchungen in Niedersachsen belegen, dass vor einem halben Jahrhundert noch 40 Prozent der Äcker mit Wildkräutern bedeckt waren. Heute sind es gerade noch vier Prozent, Monokulturen dominieren. „Auf einem konventionell bewirtschafteten Weizenfeld findet man eine Artenvielfalt vor wie in der Sahara“, sagt EU-Parlamentarier Häusling, der selbst einen Biobauernhof betreibt.

Ohne Wildblüten keine Insekten, ohne Insekten keine Vögel: In Europa hat der Vogelbestand seit Mitte der 80er Jahre um mehr als 420 Millionen Exemplare abgenommen. Einer Untersuchung der Universität Essex zufolge hat sich die Zahl der europäischen Feldvögel in den vergangenen 30 Jahren halbiert. 43 Prozent der in Deutschland brütenden Vogelarten stehen auf der Liste der bedrohten Spezies.

Auch wenn die Landwirtschaft nicht der alleinige Verursacher ist, nach Ansicht der Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, spielt sie für die Verluste in Flora und Fauna eine zentrale Rolle: „Der Zustand der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist alarmierend, es muss eine Kehrtwende in der Agrarpolitik geben.“ Die EU-Agrarsubventionen dürften nicht mehr nach Größe der Fläche ausgeschüttet werden, fordert Häusling.

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