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Armutskonferenz Armut macht krank, Krankheit macht arm

Viele Arme können sich eine ausreichende Gesundheitsversorgung nicht leisten - zu diesem Schluss kommt die Nationale Armutskonferenz. Teilnehmer fordern die Politik zum Handeln auf.

Ehrenamtliche Medizinische Versorgung
Manchmal hilft eine ehrenamtliche medizinische Behandlung. Foto: dpa

Arme Menschen sind häufiger krank und sterben früher als Wohlhabende. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits 1956 kam ein deutscher Spielfilm mit dem Titel „Weil du arm bist, musst du früher sterben“ in die Kinos, der sich kritisch mit der Gesundheitspolitik der Adenauer-Ära auseinandersetzte.

Was im Nachkriegsdeutschland galt, gilt heute noch immer: Auch in der reichen Bundesrepublik des Jahres 2017 geht materielle Armut mit einer deutlich verminderten Lebenserwartung und überdurchschnittlich häufigen Erkrankungen einher.

Und auch heute ist hierfür nach Ansicht der Nationalen Armutskonferenz (NAK) die Gesundheitspolitik mitverantwortlich. „Eine adäquate Gesundheitsversorgung für jedermann ist ein Menschenrecht. Dieses Menschenrecht wird täglich verletzt“, stellt der Mainzer Sozialmediziner und Sprecher der Landesarmutskonferenz Rheinland-Pfalz, Gerhard Trabert, fest. Betroffen sind nach Angaben des Hochschullehrers mindestens „vier bis fünf Millionen Menschen, die bei uns in harter Armut leben“.

Dass es dieser Bevölkerungsgruppe gesundheitlich deutlich schlechter geht als dem Durchschnitt, ist vielfach belegt. Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem sozialen Status tragen ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.

Sie haben häufiger Magengeschwüre, Lungenentzündungen und Diabetes als besser gestellte Altersgenossen. Um ihre Zahngesundheit steht es schlechter. Depressionen und Angstzustände treten überdurchschnittlich häufig auf. Die Suizidrate unter Arbeitslosen ist laut Trabert 20 Mal so hoch wie unter Berufstätigen.

All das senkt die Lebenserwartung beträchtlich, wie ein Vergleich des reichsten und des ärmsten Bevölkerungsviertels verdeutlicht. Danach sterben unterprivilegierte Männer im Schnitt elf Jahre früher als ihre besser gestellten Geschlechtsgenossen, bei Frauen beträgt der Unterschied acht Jahre. „Diese Lebenserwartung entspricht etwa der in Nordafrika“, sagt Trabert. NAK-Sprecherin Barbara Eschen zieht ein bündiges Fazit: „Armut macht krank.“

Und Krankheit nicht selten arm. Trabert zitiert Untersuchungen, der zufolge Erwachsene mit chronischen Erkrankungen ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko tragen. Kinder in benachteiligten Haushalten wiederum laufen Gefahr, in späteren Jahren ernsthaft zu erkranken.

Daran sind sozialstaatliche Defizite laut NAK mit verantwortlich. So sehe der Hartz-IV-Satz für Kinder unter sechs Jahren täglich gerade 2,92 Euro für die Ernährung vor, kritisiert der Geschäftsführer der Saarländischen Armutskonferenz, Manfred Klasen: „Das ist mit einer gesunden Ernährung nicht vereinbar.“

Schmerzen oder Hunger 

Erwachsene wiederum könnten sich viele medizinische Versorgungsangebote nicht leisten. Der Hartz-IV-Satz sehe lediglich 17,59 Euro für Gesundheitsausgaben vor. Davon müssten Brillengestelle finanziert werden, ebenso wie Verhütungsmittel vom 20. Lebensjahr an sowie Zuzahlungen für Medikamente und Krankenhausaufenthalte.

Viele Menschen sähen sich gegen Monatsende vor eine bittere Wahl gestellt: Schmerzen oder Hunger. „Das ist zutiefst unwürdig, ein Notstand, der nicht der Würde des Menschen und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit entspricht“, findet Klasen.

Aus den Befunden leitet die NAK, zu der sich 1991 DGB, Wohlfahrtsverbände und Betroffeneninitiativen zusammengeschlossen hatten, politische Forderungen ab: Arme Menschen seien von Zuzahlungen für Gesundheitsleistungen vollständig zu befreien; sie sollen Zugang zu allen medizinisch notwendigen Leistungen haben; und sie sollten Transferleistungen in einer Höhe erhalten, die ihnen eine gesunde Ernährung nach den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ermöglicht.

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