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Arbeitsmarkt Frauen haben kaum Chancen

Weiblich, Anfang 30, hochqualifiziert: Junge Frauen blitzen bei Arbeitgebern oft ab - denn sie könnten ja schwanger werden. Es muss ein Sinneswandel her, da sind sich alle Frauen sicher. Aber nicht nur die Unternehmer müssen umdenken, auch in der Gesellschaft braucht es Veränderungen.

Frauen und Kind – für manche Arbeitgeber eine schreckliche Vorstellung. Foto: REUTERS

Annika Meier* ist 30, sie ist promovierte Biologin und hat nach der Fertigstellung ihrer Doktorarbeit zwei Jahre lang in einer Postdoc-Stelle für eine Pharmafirma gearbeitet. Die Stelle war befristet, also sucht sie nun eine neue, doch nach fast einem Jahr verlässt sie langsam der Mut. Zwar wurde ihr noch nie gesagt, dass sie einen Job nicht bekommen hat, weil man annahm, dass sie bald schwanger werden könnte. Doch Annika ist sich sicher, dass es etwas damit zu tun hat, vor allem weil sie vor eineinhalb Jahren geheiratet und ihren Nachnamen geändert hat. „Ich habe mich mit einer Karriereberaterin unterhalten. Sie sagt, vielleicht wäre es für die Jobsuche besser gewesen, meinen Mädchennamen zu behalten“, erzählt Meier. Denn jetzt, wo sie verheiratet sei, könne das als Signal für eine Familienplanung gewertet werden.

Hochzeit = schwanger = kein Job?

Offensichtlicher ist die Diskriminierung im Fall von Saskia Armbruster. Die 31-jährige Akademikerin hat schon einen kleinen Sohn, den bekam sie kurz nach der Verteidigung ihrer Doktorarbeit. Sie blieb an der Uni, bis ihre Abteilung aufgelöst wurde. Ein halbes Jahr vor dem Ende ihres Arbeitsverhältnisses begann sie mit der Jobsuche, wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, bei dem alles gepasst hat. Dann machte ein Anruf ihre Hoffnung auf den neuen Job zunichte – Absage. Da sie ja schon ein kleines Kind habe, sei sie wahrscheinlich weder zeitlich flexibel noch bereit, Überstunden zu machen, wurde ihr ganz offen gesagt. „Dabei habe ich sogar die bestmögliche Betreuung: Meine Eltern sind in Rente und leben im selben Ort wie wir, sie können meinen Sohn ohne Probleme aus der Krippe abholen und bei sich behalten, bis ich nach Hause komme“, sagt die junge Mutter.

Doch der potenzielle Arbeitgeber hat dies noch nicht einmal in Betracht gezogen und so bekam sie keine Chance, zu beweisen, dass sie beides unter einen Hut bekommen hätte. Weil sie danach nichts gefunden hat, haben sie und ihr Mann entschieden, das zweite Kind zu bekommen. „Das ist jetzt eben der Plan B“, sagt Armbruster. Sie hat die Hoffnung, dass sie beim Wiedereinstieg leichter eine Stelle finden kann. „Die Chefs gehen dann vielleicht davon aus, dass ich nicht nochmal schwanger werde, weil wir schon zwei Kinder haben.“

Nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz ist es Arbeitgebern nicht erlaubt, Menschen bei der Einstellung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Religion, Herkunft oder einer Behinderung zu benachteiligen. Bekommt eine Frau bei einem Bewerbungsgespräch die Frage gestellt, ob sie schwanger ist oder plane, in naher Zukunft schwanger zu werden, darf sie lügen. Unterschreibt sie schwanger den Vertrag, ohne etwas zu sagen, kann der neue Arbeitgeber ihr nicht wieder kündigen. Doch immer noch werden Frauen, die in einem „gebärfähigen“ Alter sind – was theoretisch alles zwischen 14 bis weit über 44 sein kann – bei der Jobsuche benachteiligt.

In diesem Text werden Frauen vorgestellt, die unter der Situation in besonderer Weise zu leiden scheinen: Akademikerinnen haben meist Jahre in ihre Ausbildung gesteckt. Wenn sie nach dem Studium noch eine Promotion dranhängen und dann erst ins Berufsleben einsteigen, sind sie Ende 20, Anfang 30. Da tickt die biologische Uhr schon lauter als bei der 21-Jährigen nach der Ausbildung. Potenzielle Chefs zumindest scheinen das Ticken hören zu können. Und unterstellen damit erst einmal, dass ihre Mitarbeiterinnen Karriere und Kinder nicht schaukeln können.

Diese ewigen Annahmen sind frustrierend für die jungen Frauen, die endlich anfangen wollen zu arbeiten. So wie für Martina Pfister: „Ich habe doch nicht zehn Jahre in meine Ausbildung investiert, um dann bei der erstbesten Möglichkeit schwanger zu werden“, sagt die 31-Jährige. Doch sie wünscht sich trotzdem Kinder, sie ist reflektiert, weiß einzuschätzen, welchen Spagat ihr Mann und sie hinlegen müssen, um es zu schaffen. Warten auf beides will sie nicht mehr. „Eine befreundete Personalerin hat mir ganz offen gesagt, dass ich bei den Bewerbungen keine Chance habe, weil ich eine Frau bin. Sie meint, ab 40 werde es dann besser, dann würde niemand mehr annehmen, dass ich noch ein Kind will – das kann doch nicht sein!“, ärgert sie sich. Zumal sich später ein neues Problem auftun würde: Wer mit Mitte 30 ohne Berufserfahrung in einen Job einsteigen will, hat es auch nicht leichter als vor der Elternzeit.

Klagen hilft nicht weiter

Patricia Seum seufzt. Sie ist Anwältin für Arbeits- und Sozialrecht und vertritt viele Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts bei der Arbeitssuche diskriminiert werden. Sie kann nicht verstehen, warum so viele Arbeitgeber keine Frauen einstellen wollen, die bald schwanger werden könnten. „Selbst wenn die Frauen schwanger werden, die Elternzeit kostet den Arbeitgeber nichts.“ Er muss natürlich gegebenenfalls Ersatz suchen, aber das müsste er auch, wenn der 61-jährige Sachbearbeiter wegen eines Bandscheibenvorfalls ausfällt oder die 49-jährige Sekretärin wegen ihres Asthmas in Kur fährt. Die Zurückhaltung erstaunt auch, weil die Unternehmen künftig verstärkt auf Frauen angewiesen sein werden. Angesichts der erwarteten Verknappung des Fachkräfteangebots sollten sie es sich eigentlich nicht mehr leisten können, eine Hälfte der Bevölkerung durch eine frauen- und kinderunfreundliche Personalpolitik zu vergraulen.

Doch was können Frauen tun? Anwältin Seum sagt: „Wenn eine Frau Indizien nachweisen kann, dass sie aufgrund ihres Geschlechts, in diesem Fall, weil man annahm, sie werde bald wegen Mutterschaft ausfallen, den Job nicht bekommen hat, kann sie auf Entschädigung klagen.“ Im Erfolgsfall müsse das Unternehmen, das die Frau abgelehnt hat, bis zu drei Monatsgehälter brutto zahlen. Doch selbst wenn man vor Gericht erfolgreich ist: Einen Job hat man immer noch nicht.

Ausweg Sterilisation

Die Situation ist verzwickt. Mehr Regulierung zu fordern, ist keine Lösung. Es muss ein Sinneswandel her, da sind sich alle Frauen sicher. Aber nicht nur die Unternehmer müssen umdenken, auch in der Gesellschaft braucht es Veränderungen: „Solange es nicht normal ist, dass die Väter genauso lange in Elternzeit gehen, wird sich nichts ändern“, sagt Barbara Wagner, Geschäftsführerin der GFFB, einer gemeinnützigen Organisation, die sich um die berufliche Förderung von Frauen kümmert.

Kathrin Drechsel, ebenfalls Akademikerin, kann das bestätigen: Die 33-Jährige hat einen kleinen Sohn, der im August 2013 geboren wurde. Sie kehrte nach acht Wochen Mutterschutz zurück in den Job, ihr Freund ging dafür die ersten sechs Monate in Elternzeit. Erst danach nahm sie ihren Teil der Erziehungszeit. „Mein Freund wurde regelrecht von seinen Kollegen für seinen Mut gefeiert – und wir Frauen werden komisch angeguckt, wenn wir nicht in Elternzeit gehen, da läuft doch was falsch.“

Eine andere Baustelle sei jedoch die Einstellung der Frauen, findet Karriereberaterin Wagner. „Frauen präsentieren sich in Bewerbungssituationen meist weniger stark als Männer“, sagt sie. „Es würde helfen, bei der Bewerbung offensiv mit dem Thema Familienplanung umzugehen.“ Und gleichzeitig klarzumachen, welchen Mehrwert man als Mitarbeiter für das Unternehmen hat. „Männer sind in diesem Fall meist weniger selbstkritisch und kommen damit weiter“, sagt Wagner.

Doch der Weg weg von der Bittstellerin ist noch weit. Martina Pfister erzählt von einer Freundin, die lieber kein Mädchen zur Welt bringen will, weil sie nicht möchte, dass es in derselben Situation landet wie sie selbst. Und Larissa Knapp hat sich sogar ganz gegen Kinder entschieden und sich sterilisieren lassen. Sie bringt die ärztliche Bescheinigung darüber zu jedem Vorstellungsgespräch mit.

*Die Namen aller betroffenen Frauen wurden von der Redaktion geändert.

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