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Arbeitslose Abonniert auf Hartz IV

Für Bezieher von Hartz IV sollte die Leistung nur ein Episode im Erwerbsleben sein. So die Theorie. Tatsächlich sind eine Million Menschen schon zehn Jahre lang auf die Grundsicherung angewiesen.

Die Mehrheit der Langzeitarbeitslosen ist schlecht qualifiziert. Foto: REUTERS

Selten hat eine sozialpolitische Maßnahme in der Bundesrepublik so viele Menschen in Rage versetzt wie die Einführung des Arbeitslosengeldes II (auch genannt „Hartz IV“). Erwerbsfähige, die das Existenzminium nicht aus eigener Kraft erwirtschaften können, erhalten seit Anfang 2005 nur noch eine knapp bemessene Grundsicherung – bei alleinstehenden Erwachsenen sind das derzeit 409 Euro pro Monat plus Kosten für Wohnung und Heizung. Das soll den Druck auf Arbeitslose erhöhen, einen Job anzunehmen.

Der damalige Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) bezeichnete die Änderung einst als „Mutter aller Reformen“. Es war die Zeit, als die Massenarbeitslosigkeit wie Blei über der Republik lag und die Schröder-Regierung sich vorgenommen hatte, den Arbeitsmarkt umzukrempeln.

Eine neue Studie zeigt jetzt: Eine Million Leistungsbezieher erhalten die Grundsicherung bereits seit zehn Jahren ohne Unterbrechung, der Arbeitsmarkt ist ihnen weitgehend verschlossen. Herausgefunden hat dies das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit.

Die Experten schauten sich an, wie typische Verlaufsmuster beim Bezug von Arbeitslosengeld II aussehen. Für viele Betroffene ist Hartz IV nur eine Episode im Erwerbsleben, sie schaffen wieder den Sprung in den Arbeitsmarkt. Für viele andere aber ist die Grundsicherung ein Dauerzustand – entweder, weil sie gar keinen Job finden oder so wenig verdienen, dass sie als „Aufstocker“ ergänzende Leistungen vom Amt benötigen.

Fehlende Schulabschlüsse

Die IAB-Experten fanden heraus, dass in den ersten zehn Jahren nach Einführung der Grundsicherung Anfang 2005 fast eine Million Menschen ununterbrochen auf die Leistung angewiesen waren. Auffällig ist, dass die Betroffenen in der Regel nur gering qualifiziert sind. „Hier dominieren fehlende Schulabschlüsse oder Hauptschulabschlüsse und nur eine Minderheit besitzt berufliche Bildungsabschlüsse“, schreiben die Nürnberger Forscher. Sie haben auch nur geringe Hoffnung, dass sich die Jobchancen dieser Gruppe auf absehbare Zeit steigern lassen: „Aufgrund der Arbeitsmarktferne steht hier wohl eher ein langfristiges Heranführen an den Arbeitsmarkt im Vordergrund.“

Wer besser qualifiziert ist, kommt hingegen in der Regel schneller aus dem Bezug von Arbeitslosengeld heraus. Etwa ein Viertel kann vergleichsweise rasch eine ungeförderte Beschäftigung aufnehmen. „Ein knappes Drittel verbleibt hingegen lange im Leistungsbezug und hat relativ wenig Kontakt zum Arbeitsmarkt“, schreibt das IAB. Etwa jeder zehnte Empfänger ist zwar relativ gut in den Arbeitsmarkt integriert, braucht aber aufstockende Leistungen. „Bei jüngeren Leistungsbeziehern zeigt sich, dass vor allem der Erwerb eines Ausbildungsabschlusses mittelfristig das Verlassen des Leistungsbezugs begünstigt“, betonen die Forscher.

Die Zahl der Menschen, die Arbeitslosengeld II erhalten oder erhielten, ist beträchtlich: Derzeit sind es rund sechs Millionen. Der bisherige Höchststand war im Frühjahr 2006 mit etwa 7,5 Millionen Beziehern. Für ihre Studie werteten die IAB-Forscher Daten der Jahre 2005 bis 2014 aus. In den ersten zehn Jahren nach der Einführung erhielten insgesamt 16,7 Millionen Menschen die Leistung.

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