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Arbeitseinkommen Löhne steigen nur mäßig

In zahlreichen europäischen Ländern halten die Arbeitseinkommen nur mühsam mit der besseren Konjunktur und der anziehenden Inflation mit - wie eine Studie zeigt.

Volvo
Arbeiterin bei Volvo in Göteborg: Die Tarifbindung der Firmen ist in Schweden vergleichsweise hoch. Foto: rtr

Die europäische Wirtschaft hat sich in diesem und bereits im vergangenen Jahr spürbar erholt. Das Bruttoinlandsprodukt der 28 EU-Mitgliedsstaaten nahm 2017 um durchschnittlich 2,4 Prozent zu – der höchste Wert seit zehn Jahren. Für 2018 erwartet die EU-Kommission ein nur geringfügig schwächeres Plus von 2,3 Prozent. Abhängig Beschäftigte haben davon allerdings in sehr unterschiedlichem Maß profitiert, wie eine Datenanalyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt.

Während die Reallöhne – also die ausgezahlten Entgelte abzüglich der Inflationsrate – 2018 in einigen osteuropäischen Ländern wie Polen, Ungarn, Tschechien, Bulgarien und Rumänien zwischen 4,3 und 5,7 Prozent zulegen werden, müssen Beschäftigte in Spanien und Kroatien ein reales Minus von 0,3 Prozent hinnehmen. Deutschland liegt 2018 mit einem Plus von 1,5 Prozent klar über dem EU-Durchschnitt von 1,0 Prozent. 2017 hatte es sogar in neun EU-Ländern Reallohnverluste gegeben.

Noch deutlicher waren die Unterschiede im Zeitraum 2010 bis 2017: Unter anderem in Spanien, Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden, Großbritannien und Finnland verfügten Arbeitnehmer im vergangenen Jahr sogar über weniger Kaufkraft als noch acht Jahre zuvor. In Schweden, Frankreich, Deutschland und den meisten osteuropäischen Ländern stiegen die Reallöhne dagegen an. Mit einem Plus von 9,4 Prozent verzeichnete Deutschland sogar den dritthöchsten Reallohnzuwachs hinter der Slowakei (16,8 Prozent) und Tschechien (9,6).

Insgesamt aber sei der Verteilungsspielraum, der sich aus dem Produktivitätsfortschritt und der Inflationsrate ergibt, nicht ausgeschöpft worden, stellt das WSI fest. 2017 sei dies in 17 der 28 EU-Länder der Fall gewesen, 2018 in immerhin noch zwölf. In Deutschland dagegen stiegen die Löhne laut WSI in etwa gleichem Maße wie Teuerung und Produktivitätszuwachs. Besonders groß waren die Produktivitätsfortschritte wiederum in Osteuropa, wie die Beispiele Litauen und Rumänien 2017 mit Zuwachsraten von über vier Prozent belegen.

Zugleich ist der Abstand zwischen niedrigen und hohen Arbeitseinkommen in den meisten osteuropäischen EU-Staaten besonders groß. Laut WSI verdienen Gutverdiener in Rumänien, Bulgarien und Lettland mehr als viermal so viel wie Beschäftigte des untersten Zehntel der Einkommensverteilung. In Deutschland liegt dieser Faktor bei 3,3. Eine deutlich geringere Lohnspreizung weisen etwa Finnland, Schweden, Dänemark und Belgien auf, wo das Zehntel mit den zweithöchsten Arbeitseinkommen nur etwa das 2,5-fache des untersten Zehntels erhält.

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist die Verteilung der Arbeitseinkommen nach Ansicht der WSI-Forscher bedeutend. „Die Lohnspreizung ist einer der wesentlichen Einflussfaktoren für die gesamtgesellschaftliche Ungleichheit“, schreiben die Autoren Malte Lübker und Thorsten Schulten.

Eine zweite, verteilungspolitisch bedeutsame Größe ist die Lohnquote, die den Anteil der Arbeitsentgelte am gesamten Volkseinkommen wiedergibt. Diese ist laut WSI in der EU während der vergangenen 20 Jahre deutlich gesunken und auch im Zeitraum 2010 bis 2018 verzeichneten nur sechs Länder einen Anstieg der Lohnquote. Deutschland liegt mit einem Minus von 0,3 Prozent noch vergleichsweise günstig: In Spanien etwa sank der Lohnanteil am Volkseinkommen um 2,3 Prozent, in Portugal um 4,1 und in Irland sogar um 21,5 Prozent.

Um die Lohnspreizung in Grenzen und die Lohnquote zumindest stabil zu halten, seien starke Tarifvertragssysteme zentral, so die WSI-Forscher. Länder mit geringer Lohnspreizung und relativ hohen Lohnquoten – etwa die skandinavischen – zeichneten sich durch eine hohe Tarifbindung der Firmen, stark zentralisierte Tarifverhandlungen und damit weit verbreiteter Verbindlichkeit von Tarifverträgen aus.

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