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WSI-Studie Arme Malocher

Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen WSI sind vier von zehn ehemaligen Gastarbeitern von Armut bedroht. Tiefgreifende wirtschaftliche Umbrüche sind die Ursache.

Gastarbeiter freuen sich 1963 über die helle Schutzsalbe die sie für die Brikettherstellung tragen müssen. Foto: picture-alliance / Heinz Ducklau

Es war ein Geschäft zu beidseitigem Vorteil. Auf der einen Seite fehlten den rasch wachsenden Unternehmen im westdeutschen Wirtschaftswunderland der 50er- und 60er-Jahre Arbeitskräfte, die man im Süden Europas anzuwerben hoffte. Auf der anderen suchten zigtausende junger Italiener, Jugoslawen, Portugiesen, Spanier und Türken eine auskömmliche Arbeit, die sie in der jungen Bundesrepublik fanden: vornehmlich in den Stahlhütten, auf den Kohlezechen, an den Fließbändern der Elektrofirmen und Autohersteller, in der Chemie-Industrie, auf Werften und am Bau.

Harte Jobs, oft verbunden mit viel Lärm und Schmutz, nicht selten auch gefährlich – aber in der Regel ziemlich gut bezahlt. 1972 lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst der sogenannten Gastarbeiter mit 1280 D-Mark nur minimal unter dem Gesamtdurchschnitt.

Insofern war es keineswegs absehbar, dass viele der zugezogenen Malocher von einst 50 Jahre später von Altersarmut betroffen sein würden. Doch sie sind es, und zwar in alarmierendem Ausmaß, wie eine aktuelle Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Danach sind 54,7 Prozent der bei uns lebenden Türken über 64 Jahren von Altersarmut betroffen. Von ihren Altersgenossen aus dem ehemaligen Jugoslawien sind es 37 Prozent, unter den Italienern liegt der Armenanteil bei 29 Prozent. Deutsche Staatsangehörige über 64 Jahren weisen dagegen einen mit 12,5 Prozent vergleichsweise geringen Armutsanteil auf.

Geringes Qualifikationsniveau

In Euro und Cent übersetzt bedeutet das: 2012 erhielten deutsche Rentner durchschnittlich 1109 Euro, Rentnerinnen mit deutschem Pass bekamen 572 Euro monatlich. Die Männer und Frauen aus den genannten Anwerbeländern mussten sich mit Durchschnittsrenten von 738 und 410 Euro bescheiden.

Wie aus einstigen Normalverdienern arme Alte werden konnten, zeigen die WSI-Forscher anhand der tiefgreifenden wirtschaftlichen Umbrüche in den 70er und 80er Jahren auf: Kohle, Stahl und Werften sahen sich zunehmend internationaler Wettbewerber ausgesetzt, hunderttausende Jobs gingen verloren. In Folge der Ölkrise 1973 stieg die Arbeitslosigkeit, die Zahl der Überstunden nahm drastisch ab, der Kosten- und Rationalisierungsdruck führt zum Verschwinden vor allem einfacher und körperlich besonders belastender Jobs.

All diese Entwicklungen trafen insbesondere die Gastarbeiter. Sie hatten ihr geringes Qualifikationsniveau – 1972 waren mehr als 70 Prozent von ihnen un- oder angelernte Arbeiter – und niedrige Stundenlöhne durch viele Überstunden, Schichtarbeit und hohe Schmutz- oder Gefahrenzulagen wettmachen können.
Bei einer tariflichen Monatsarbeitszeit von 184 Stunden arbeiteten Anfang der 70er Jahre 36 Prozent der Gastarbeiter mehr als 200 Stunden. Mitte der 80er Jahre war dieser Anteil auf acht Prozent geschrumpft. Wurden 1972 fast 84 Prozent der erwerbsfähigen Ausländer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, waren es sieben Jahre später nur noch 65,2 Prozent. Auch der Umfang der Sonderzulagen ging deutlich zurück. Durch diese Veränderungen sank das monatliche Arbeitseinkommen der Gastarbeiter spürbar, während ihre zunächst extrem geringe Arbeitslosigkeit über den Durchschnitt stieg. Entsprechend gering fallen die heutigen Renten aus.

Die Geschichte lehrt, dass Ähnliches in den kommenden Jahren auch einem wachsenden Teil der deutschstämmigen Bevölkerung bevor steht: Einkommenseinbußen und Jobverluste in den vergangenen 25 Jahren werden zu spürbar steigender Altersarmut führen.

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