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Truckeralltag Drei Wochen Nonstop auf der Straße

Wenn das Führerhaus zum Wohnzimmer wird: Tausende Kilometer hinterm Lenkrad und Feierabend auf dem Parkplatz sind Alltag für die Trucker - ein Besuch auf einer Raststätte.

Lastwagen
Die Raststätte Wetterau-West ist am Wochenende ein Anlaufpunkt für ausländische Fernfahrer. Foto: Rolf Oeser

Die Raststätte ist voll. Aus der Perspektive eines Fernfahrers rappelvoll. Lastwagen neben Lastwagen bilden eine hohe Wand. Die Lücken dazwischen sind gerade ausreichend breit, um jedes Fahrzeug zu umrunden. Wer hier steht, hatte Glück. Er hat einen der 80 offiziellen Stellplätze ergattert. Die reichen, wie üblich an Wochenenden, nicht aus. Jenseits der Tankstelle, nahe der Einfahrt, parken zwei weitere Sattelschlepper wild. Die kamen zu spät.

Es ist kalt, es nieselt. Mit hochgezogenen Schultern nähert sich ein Mann in schwarzer Lederjacke und Jogginghose dem Flachbau, in dem sich Restaurant und WC befinden. Duschen gibt es dort auch, der Schlüssel dazu ist an der Kasse zu haben, informiert ein Zettel an der Tür. Wer schräg gegenüber das Drehkreuz zur Toilette passieren will, muss zuvor 70 Cent in den Automaten werfen. Nicht wenig für einmal müssen. Der Werbeslogan der Betreiberfirma an der Wand verspricht dafür: „Mit hohen Hygienestandards und angenehmer Atmosphäre sorgt Sanifair für eine erfrischende Auszeit an der Autobahn, am Bahnhof oder beim Shoppen.“

Eine erfrischende Auszeit. Die wünschen sich gewiss die meisten der Lastwagenfahrer, die an diesem Samstag auf der Raststätte Wetterau-West gestrandet sind. Ein wenig Ruhe, ein eigenes Bett, ein Abendessen im Kreis der Familie. Doch statt auf dem heimischen Sofa sitzen die meisten alleine im Führerhaus, Einzelne im trostlosen Restaurant.

Dort hat sich auch der Mann mit der schwarzen Lederjacke niedergelassen. Mit müden Augen schaut er auf den Fernseher in der Ecke.

Draußen dämmert es. Bei zwei Fahrzeugen aus der Slowakei und Italien stehen die Türen zu den Laderäumen offen. In dem einen steht ein Fahrrad und trocknet ein Regenponcho. In dem anderen köchelt ein Gaskocher. Ansonsten sind die Ladeflächen leer. Mit den Männern ins Gespräch zu kommen, ist nahezu unmöglich: „Nichts verstehen, Polen, Russland“, sagt einer und schlägt die Tür wieder zu. Ein anderer will gerade sein Geschäft verrichten. Verschämt zieht er die Hose hoch. Fehlanzeige auch bei dem Fahrer mit dem litauischen Kennzeichen. „Sprechen Sie Deutsch?“ Er schüttelt den Kopf.

Das Führerhaus wird zum Wohnzimmer. Andrzej hat es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich gemacht. Und ja, der 40 Jahre alte Pole spricht tatsächlich ein wenig Deutsch. Seit fünf Jahren arbeitet er für eine deutsche Spedition. Davor war er zwölf Jahre für ein polnisches Unternehmen unterwegs.

„Jetzt verdiene ich besser“, sagt er und lächelt verschämt. Drei Wochen ist er Nonstop auf der Straße, danach eine Woche zu Hause. Seine deutschen Kollegen, weiß er, können jedes Wochenende bei der Familie verbringen. Aber das, sagt er, lohnt sich nicht für ihn: „Das sind 1000 Kilometer bis nach Polen.“ Bleibt als Ersatz nur das Handy: Gerade hat er mit seiner Frau und seinen drei Kindern länger telefoniert.

München, Nürnberg, Österreich, Frankreich

Seit 12 Uhr steht Andrzej jetzt an der Raststätte an der Autobahn A5, 30 Kilometer von Frankfurt entfernt. Er kam aus Hamburg.

Am nächsten Tag - ein Sonntag - geht es um 22 Uhr weiter nach Saarbrücken. Bis dahin erwartet ihn Langeweile. Doch das ist er gewöhnt. „Das ist natürlich, das ist mein Job.“ Jetzt habe er endlich Zeit, den Lastwagen sauber zu machen. „Sonst ist den ganzen Tag ja nur fahren und schlafen.“ München, Nürnberg, Österreich, Frankreich – wo es den 40-Jährigen hinverschlägt, bestimmt sein in Bremerhaven ansässige Arbeitgeber. Den Polen interessiert auch nicht, was er konkret geladen hat: „Sammelgut“, sagt er und fügt hinzu. „Ich weiß nicht genau.“

Bei wärmeren Temperaturen, sagt Andrzej, nutzt er die Ruhezeiten an den Wochenenden auch mal für Sport oder zum Spazieren. Aber jetzt, bei dem Wetter, hat er keine Lust auf lausigen Nieselregen und kalte Ohren. „Ich werde jetzt Fernsehen schauen“, sagt er und schließt die Tür.

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