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Teilzeit „Man muss es sich leisten können“

Experte Sell spricht im Interview über Altersarmut, Teilzeit für Führungskräfte und das Vorbild Niederlande.

Haarschnitt
Als Teilzeitarbeitender, vor allem mit niedrigem Lohn, wie zum Beispiel in der Friseurbranche, hat man im Alter ein großes Sicherungsproblem. Foto: Imago

Herr Sell, ist mit dem Rückkehrrecht auf Vollzeit die Teilzeit als Karrierefalle, die vor allem Frauen trifft, abgeschafft?
Nein, überhaupt nicht. Die vorangegangene große Koalition hatte den Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeit ursprünglich schon 2013 geplant, damals sollte er für alle Arbeitnehmer gelten. Jetzt hat man sich für ein sehr kompliziertes, klassisches Kompromissgesetz entschieden, das Arbeitgeber wie -nehmer zufrieden stellen soll. Zum Beispiel gilt der Anspruch nur in Betrieben ab einer Größe von 45 Beschäftigten. Gerade Frauen aber arbeiten oft eher in kleinen Betrieben. Millionen Arbeitnehmer und –innen werden davon nicht profitieren.

Andere Probleme?
Man muss es sich leisten können, in Teilzeit zu gehen. Das Gesetz jetzt ist ein wichtiges Signal – aber vor allem eines an Arbeitnehmer im mittleren und oberen Lohnsegment. Es gibt viele mit niedrigen Löhnen, und hier auch wieder besonders viele Frauen, die können ihre Stundenzahl gar nicht reduzieren, selbst wenn sie wollten, weil sie auf das höhere Einkommen angewiesen sind. Auch an diese Beispiele muss man in der Diskussion denken. Wem auch dieses Klientel wichtig ist, der müsste neu und konsequent über Einkommensersatzleistungen diskutieren.

Andrea Nahles hatte ursprünglich immerhin eine Grenze von 15 Mitarbeitern pro Betrieb für den Rechtsanspruch angedacht.
Für Beschäftigte, vor allem für Frauen, wäre das hilfreich gewesen. Aber das Verständnis der Politik für kleinere Unternehmen ist auch nachvollziehbar: Die durch Teilzeit entstehenden Ausfälle zu kompensieren, ist für sie ungleich schwerer als für größere Unternehmen und bedeutet einen hohen Aufwand an Organisation.

Jemand muss den Job übergangsweise ja machen. Wenn die einen in Vollzeit zurückkehren dürfen, steigt für die anderen dann die Gefahr befristeter Verträge?
Absolut. Nur so können Arbeitgeber die Stellen ja überhaupt besetzen und gleichzeitig den Rechtsanspruch auf Rückkehr garantieren.

Ist das Gesetz, wie Arbeitgeber kritisieren, eine unzulässige Einmischung in die unternehmerische Freiheit?
Natürlich ist das ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit – aber den Bedenken der Arbeitgeber ist durch die Begrenzung der betroffenen Betriebe und den weiteren Einschränkungen bei der Inanspruchnahme schon auch Rechnung getragen worden. Ein klassischer Kompromiss eben.

Sehen Sie die Gefahr, dass Arbeitgeber Menschen jetzt gar nicht erst einstellen, wenn sie im Bewerbungsgespräch signalisieren, in Teilzeit gehen zu wollen?
Wenn Unternehmen die Auswahl haben und auf Vollzeit gepolt sind, dann werden sie sich gegen diese Bewerber entscheiden – das ist vorherzusehen. Letztendlich ist das eine Frage der Unternehmenskultur und natürlich der Marktverhältnisse.

Die Niederlande sind das EU-Land mit der höchsten Quote an Teilzeitarbeitenden und einer überdurchschnittlich hohen Frauen-Beschäftigungsquote. Hier gilt der Rechtsanspruch zur Rückkehr in Vollzeit schon ab zehn Mitarbeitern pro Unternehmen. Warum gelingt dem kleinen Nachbarland, was hier nicht geht?
Teilzeit wird in den Niederlanden seit vielen Jahren kulturell, aber eben auch sozialpolitisch enorm befördert. Niederländer erhalten zum Beispiel eine staatliche Grundrente, die nicht davon abhängt, wie viele Stunden man gearbeitet hat. Durch solche Maßnahmen ist die freiwillige Bereitschaft, Teilzeit anzubieten, in den Niederlanden extrem gestiegen. Es herrscht zudem eine andere Unternehmenskultur als in Deutschland.

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