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Teilzeit Arbeit, die zum Leben passt

Das Recht auf befristete Teilzeit soll 2019 kommen. Arbeitgeberverbände lehnen das Gesetz ab - aber auch die Opposition meckert.

Modern Times
„Moderne Zeiten“: Schon Charlie Chaplin wusste, wie es sich anfühlt, wenn einem alles über den Kopf wächst. Foto: dpa

Die Arbeitszeit reduzieren – davon träumen viele Menschen. Laut Mikrozensus 2016 sind das knapp eine Million Menschen in Deutschland. Gute Gründe gibt zahlreich: Um mehr Zeit mit der Familie oder für das Ehrenamt zu haben, um Flüchtlingen zu helfen, sich im Sportverein zu engagieren, sich weiterzubilden, ein Buch zu schreiben, Angehörige zu pflegen oder einfach nur, um mal einen Gang zurückzuschalten.

Bisher gab es aber auch einen entscheidenden Punkt gegen diesen Schritt – nämlich die Sorge, in der sogenannten „Teilzeitfalle“ festzustecken und nicht mehr zu der ursprünglichen Stundenzahl zurückkehren zu können. Diese Menschen haben bald eine Sorge weniger – zumindest die meisten. Denn ab dem 1. Januar 2019 sollen Beschäftigte das Recht auf eine befristete Teilzeit bekommen.

Der entsprechende Gesetzesentwurf von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ist fertig. Danach wird das Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) um einen Rechtsanspruch auf „Brückenteilzeit“ ergänzt. Eine Begründung für diesen Wunsch muss der Arbeitnehmer bei seinem Chef nicht vorlegen. Aktuell gibt es nur einen Anspruch auf unbegrenzte Teilzeitarbeit.

„Das Gesetz ist für die große Koalition ein arbeits- und familienpolitisches Anliegen, damit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht unfreiwillig in Teilzeit bleiben müssen“, sagte Björn Böhning (SPD), Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, am Dienstag. Mit dem Entwurf stärke man die Möglichkeit, selbstbestimmt zu arbeiten, und passe sich unterschiedlichen Lebensphasen an. „Zudem schaffen wir Verlässlichkeit“, so Böhning.

Allerdings – und das ist der Nachteil für alle Beschäftigten – gibt es erhebliche Einschränkungen in dieser Wahlfreiheit. Denn dieses Recht gilt nur, wenn der Arbeitgeber mehr als 45 Beschäftigte hat. Damit können rund 15 Millionen Frauen und Männer der 37 Millionen Beschäftigen in Deutschland diese neue Regelung nicht in Anspruch nehmen.

Zudem gilt eine sogenannte „Zumutbarkeitsgrenze“ – zugunsten des Arbeitgebers. Dies bedeutet, dass in Unternehmen, die zwischen 46 und 200 Beschäftigte haben, nur jeder 15. Angestellte dieses Recht in Anspruch nehmen darf. Bei Überschreitung dieser Grenze kann der Arbeitgeber einen Antrag ablehnen. Zudem muss man schon mindestens sechs Monate im Unternehmen gearbeitet haben und den Antrag mindestens drei Monate vor Beginn der verkürzten Zeit stellen.

Diese befristete Teilzeit muss mindestens für ein Jahr und darf höchstens für fünf Jahre festgelegt werden. „Das ist durchaus eine Regelung, die sachgemäß ist“, kommentierte Böhning. Zudem bestünde auch erst nach einem Jahr ein erneutes Recht auf Teilzeitarbeit, so der Staatssekretär. „Erst dann kann der Arbeitnehmer einen neuen Antrag stellen.“

Das Gesetz soll es auch Beschäftigen, die aktuell in Teilzeit arbeiten, erleichtern, ihre Stunden wieder zu erhöhen. Arbeitgeber müssen danach eine Ablehnung begründen können.

„Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bessere Regeln wollen, damit die Arbeit auch zum Leben passt“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Dienstag. Es sei sein Ziel, „dass Arbeit und Leben besser miteinander vereinbar sind.“

Meist sind es die Frauen, die nach einer Geburt eine Zeit lang in Teilzeit arbeiten und dort nicht wieder herauskommen – obwohl sie möchten. Laut Statistischen Bundesamtes arbeitet jede zweite Frau in Deutschland in Teilzeit, bei den Männern sind es nur zwölf Prozent.

„Dieser Schritt ist längst überfällig, bleibt aber weit hinter den Erwartungen zurück“, kritisierte die Grünen-Politikerin Beate Müller-Gemmeke. Nur wenige Beschäftigte würden von dem Gesetz profitieren: „Wenn in vielen Betrieben nur einer von 15 Beschäftigten von der befristeten Teilzeit Gebrauch machen kann, ist das keine stabile Brücke, sondern ein höchst ungerechtes Behelfskonstrukt, das zu Konflikten im Betrieb führen wird.“

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände lehnt das Gesetz „strikt ab“. Sie bezeichnete das Gesetz als „schwerwiegenden Eingriff in die betriebliche Gestaltung der Arbeitsabläufe und die unternehmerische Freiheit“. Arbeitsgerichte könnten und dürften nicht über das Arbeitszeitvolumen in den Betrieben entscheiden.

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