Lade Inhalte...

Paketdienst Hermes Hungerlöhne bei der Otto-Tochter

Otto wollte die Bedingungen für Zusteller bei seiner Logistik-Tochter Hermes verbessern. Doch Paketfahrer und Gewerkschaft klagen weiterhin über unhaltbare Arbeitsbedingungen.

23.04.2013 16:42
Jutta Maier
Nur Einzelfälle? Es gibt "selbständige" Paketfahrer, die unterm Strich nur 1200 bis 1500 Euro verdienen - und das bei einer 60-Stunden-Woche. Foto: dpa

Otto wollte die Bedingungen für Zusteller bei seiner Logistik-Tochter Hermes verbessern. Doch Paketfahrer und Gewerkschaft klagen weiterhin über unhaltbare Arbeitsbedingungen.

Die Otto-Gruppe rühmt sich gerne damit, besonderen Wert auf soziale Verantwortung und nachhaltiges Wirtschaften zu legen. Da passt es ins Bild, dass die Logistik-Tochter Hermes an diesem Dienstag anlässlich ihrer Bilanz-Vorlage bekannt gibt, dass sie einen eigenen Aufsichtsrat gründet.

Zu den Mitgliedern wird niemand Geringeres als die frühere „Tagesthemen“-Moderatorin Sabine Christiansen zählen, die Hermes unter anderem bei der Übernahme sozialer Verantwortung begleiten soll.

Christiansen, die Unicef-Botschafterin ist und in verschiedenen Nachhaltigkeitsbeiräten von Konsumgüterfirmen sitzt, stellt sich in die Dienste eines Unternehmens, das seit Sommer 2011 nach einer ARD-Reportage über Lohndumping bei Paketboten von Hermes-Subunternehmern unter Zugzwang steht.

Und bei dem, wenn man den Vorwürfen der Gewerkschaft Verdi und Paketfahrern Glauben schenkt, trotz gegenteiliger Beteuerungen immer noch vieles im Argen liegt.

So berichtete ein selbstständiger Paketfahrer in der Sendung „Stern TV“ Anfang April darüber, dass sich an den schlechten Bedingungen bei Hermes kaum etwas geändert habe. Die Rede ist damals wie heute von Hungerlöhnen, häufig unbezahlten Überstunden und von Sub-Subunternehmern, auf denen das gesamte Risiko lastet – obwohl Hermes doch den Systemwechsel versprochen hatte. Der öffentliche Druck auf die gesamte Branche hatte sich nach der Undercover-Reportage von Günter Wallraff über „sklavenähnliche“ Arbeitsbedingungen beim Konkurrenten GLS im vergangenen Jahr nochmals gewaltig erhöht.

So kündigte die Otto Group an, bei Hermes die Bezahlung pro Paket abzuschaffen und einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde einzuführen. Zudem implementierte man einen Verhaltenskodex für die Subunternehmer und setzte einen Ombudsmann ein, an den sich Fahrer bei Verstößen wenden können.

60-Stunden-Woche

Der besagte Paketzusteller hat von dem Systemwechsel nichts mitbekommen. Bei „Stern TV“ berichtete er, nach wie vor pro Paket bezahlt zu werden. Von einem Euro pro Paket müsse er sowohl die Kosten für Auto und Benzin als auch die für Renten- und Krankenversicherung begleichen. Unterm Strich blieben ihm bei einer 60-Stunden-Woche 1200 bis 1500 Euro übrig.

„Das sind Einzelfälle“, sagte ein Hermes-Sprecher dieser Zeitung. In den vergangenen zwei Jahren habe Hermes unter anderem durch seinen Verhaltenskodex die Bedingungen für die Fahrer verbessern können. So hätten die Zusteller in einer Umfrage zu den Arbeitsbedingungen in diesem Jahr in punkto Zufriedenheit die Note 3,7 vergeben, 2012 beurteilten sie diese noch mit 4,6. Gleichzeitig räumte der Sprecher ein, dass der Kodex „noch nicht an allen Standorten komplett durchgedrungen“ sei.
Für Verdi-Sekretär Sigurd Holler liegt das Problem in der Sub-Subunternehmer-Struktur, mit der nach wie vor bei Hermes, aber auch bei GLS, DPD und zum Teil auch bei UPS und der Deutschen Post DHL gearbeitet wird: Sie lagern die Zustellung an Subunternehmer aus, die wie bei Hermes Satellitenbüros betreiben und wiederum selbstständige Fahrer beschäftigen.

„Der Mindestlohn von 7,50 Euro ist eine Mogelpackung“, sagte Holler dieser Zeitung. Denn die Vorgabe für die Fahrer liege bei 20 Paketen pro Stunde. Dies sei in Hochhäusern oder Gewerbegebieten machbar, nicht aber in ländlichen Gebieten. Für die Fahrer bedeute dies regelmäßig Überstunden, die häufig nicht bezahlt würden. „Das sind keineswegs Einzelfälle“, so Holler. Verdi fordert deswegen von den Paketdienstleistern, die Fremdvergabe einzustellen und die Fahrer direkt einzustellen.

Bei Hermes hingegen sieht man sich auf dem richtigen Weg. Derzeit durchliefen die Subunternehmer die zweite Zertifizierungsrunde, die vom SGS-TÜV Saar durchgeführt werde. In den vergangenen zwei Jahren habe man sich von einer Zahl von Subunternehmern im unteren, zweistelligen Bereich getrennt, die nicht bereit gewesen seien, bei Verstößen nachzubessern. Man habe zudem viel getan, um die Touren für die Fahrer günstiger zuzuschneiden. In der Stadt liege die Vorgabe zudem nicht bei 20, sondern bei zehn bis zwölf Paketen pro Stunde.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen