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Mindestlohn Arbeitsplätze in Gefahr

Der gesetzliche Mindestlohn kommt. Wie wird sich ein Stundenlohn von 8,50 Euro in unterschiedlichen Branchen und Regionen auswirken? Ein Situationsbericht.

Es ist wieder soweit: Spargelstechen ist eine anstrengende Tätigkeit. Dennoch sind Stundenlöhne von fünf Euro keine Seltenheit. Foto: imago stock&people

Wirtschaftsforschungsinstitute befürchten den Verlust hunderttausender Arbeitsplätze, wenn zum 1. Januar 2015 der gesetzliche Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro in Kraft tritt. Die Gewerkschaften verweisen demgegenüber auf Erfahrungen anderer Länder, wo Mindestlöhne nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt hätten.

Unstrittig ist: Der Mindestlohn wirkt nicht überall gleich. Minijobs sind häufiger betroffen als Vollzeitstellen, die östlichen Bundesländer stärker als der Westen, Dienstleister eher als Industriebetriebe. Wie sieht es konkret in einzelnen Branchen aus, die besondere Härten geltend machen und zumindest eine Übergangslösung bis 2017 fordern?

Einzelhandel

In vielen Bereichen des Einzelhandels werden Stundenlöhne unter 8,50 Euro gezahlt. Dies gilt nicht nur für Lagerarbeiter, die über Werkverträge beschäftigt sind, sondern auch für Ungelernte in der untersten Tarifgruppe. Überdies zahlen oftmals gerade kleinere Geschäfte nicht nach Tarif. Fast drei Viertel der 303 000 deutschen Einzelhandelsunternehmen haben weniger als sechs Mitarbeiter. Wie viel in diesen Geschäften pro Stunde gezahlt wird, entzieht sich der Einkommensstatistik, die nur Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigen erfasst.

Folglich hält sich der Einzelhandelsverband HDE mit Schätzungen zu mindestlohnbedingten Arbeitsplatzverlusten zurück. HDE-Geschäftsführer Heribert Jöris spricht von einem „riskanten Freilandversuch“ am Arbeitsmarkt. Besonders in Bedrängnis werden laut Jöris viele kleine Läden geraten, die im Vergleich zu großen Handelsketten höhere Einkaufspreise zahlen müssten und kaum Möglichkeiten zur Rationalisierung hätten: „Viele werden aufgeben. Der Konzentrationsprozess im Einzelhandel wird durch den Mindestlohn verstärkt.“

Landwirtschaft

Fest angestellte Hilfskräfte erhalten derzeit laut Tarifvertrag zwischen 7 und 7,30 Euro pro Stunde. Der Mindestlohn von 8,50 Euro bedingt mithin Lohnsteigerungen zwischen 16,4 und 21,4 Prozent. Allerdings erhalten ost- und südosteuropäische Erntehelfer oftmals deutlich weniger als den Tariflohn. Fünf Euro für Spargelstecher sind keine Seltenheit.

Von den insgesamt 290.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland sind nach Auskunft des Deutschen Bauernverbands etwa 30 000 auf den Gemüse-, Obst- oder Weinanbau spezialisiert und daher besonders stark von Saisonarbeitern abhängig. „Die entscheidende Frage ist, ob der Lebensmittelhandel höhere Erzeugerpreise für deutsches Obst und Gemüse akzeptiert, oder ob er auf billigere ausländische Angebote ausweicht“, sagt der Sozialreferent des Bauernverbands, Burkhard Möller.

Ziemlich sicher werde etwa die Gurkenerzeugung in Deutschland weitgehend eingestellt und durch Lieferungen aus Osteuropa und China ersetzt. Viele kleine Betriebe müssten aufgeben, andere würden auf maschinell zu verarbeitende Erzeugnisse wie Raps oder Getreide umstellen.

Zeitungsverlage

Die bundesweit rund 160.000 Zeitungszusteller werden bisher nicht pro Stunde, sondern nach der Anzahl der verteilten Exemplare und den zurückzulegenden Wegstrecken entgolten. Daraus ergibt sich nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ein durchschnittlicher Stundenlohn zwischen sechs und sieben Euro, bei einer täglichen Arbeitszeit von zumeist zwei bis drei Stunden. Dabei wird die Tätigkeit ganz überwiegend als Minijob ausgeübt.

Die durch den Mindestlohn von 8,50 Euro entstehenden Mehrkosten für die Verlage gibt der BDZV mit jährlich 225 Millionen Euro an. Angesichts dieser Kosten sei die Zeitungszustellung insbesondere in vielen ländlichen Räumen betriebswirtschaftlich nicht mehr sinnvoll aufrechtzuhalten. Hiervon betroffen wären nach Worten von Verbands-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff rund zwei Millionen Haushalte oder 13 Prozent der Gesamtauflage deutscher Abonnementzeitungen. In der Folge würden 16.000 Zusteller ihren Job verlieren. Gehen müssten insbesondere ältere Zusteller, etwa Rentner. Wolff: „Die Langsamen bleiben auf der Strecke und gehen leer aus, die Schnellen bekommen dafür den Mindestlohn.“

Gastgewerbe

Kaum eine Branche ist so personalintensiv wie das Gastgewerbe. 940 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten in den insgesamt 225.000 deutschen Hotels und Pensionen, Kneipen, Cafés, Bars und Restaurants. Wie auch im Einzelhandel fehlen auch im Gastgewerbe wegen der vielen Kleinbetriebe verlässliche Einkommensstatistiken. Die Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands Dehoga, Ingrid Hartges, geht aber davon aus, dass der Mindestlohn vor allem im Osten zu höheren Personalkosten von 20 Prozent und mehr führen wird.

Auch größere Unternehmen geraten einer Dehoga-Modellrechnung zufolge in Bedrängnis: Ein Hotel mit 50 Vollzeitstellen müsste bei einer Lohnerhöhung von einem Euro pro Stunde ein Jahresumsatzplus von 375.000 Euro erzielen, um die Kosten aufzufangen. Den Betrieben bleibe nur, die Preise anzuheben oder Personal zu entlassen. Das könnte zu kürzeren Öffnungszeiten oder weniger Service führen. Beispiel: Biergärten stellen auf Selbstbedienung um und öffnen nur noch nachmittags und an Wochenenden.

Taxiunternehmen

Ähnlich wie die Zeitungszusteller werden Taxifahrer nicht pro Stunde bezahlt. Sie werden am Umsatz beteiligt, zumeist mit 40 bis 50 Prozent. Nach einer Erhebung des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands liegt der Lohn umgelegt auf Stundenbasis bei durchschnittlich rund sieben Euro.

Allerdings unterscheiden sich die Entgelte regional stark voneinander: Bundesweit existieren 800 verschiedene Fahrtarife, die von Städten, Landkreisen und größeren Gemeinden festgelegt werden. Die Taxi-Unternehmen können also ihre Preise nicht selbst erhöhen, wenn die Kosten steigen, sondern sind von der politischen Willensbildung in den Kommunen abhängig. „Das dauert mal drei Monate, manchmal auch zwei Jahre“, weiß Verbandsgeschäftsführer Thomas Gräz.

Viele Unternehmen würden daher Fahrer entlassen und als Soloselbstständige weiter machen. Bis zu 80.000 der insgesamt 220.000 angestellten Taxifahrer würden ihre Arbeit verlieren.

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