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Krankenkassen „Die fetten Jahre sind vorbei“

Jahrelang erwirtschaften die Krankenkassen satte Überschüsse. Doch nun müssen sich die Versicherten auf steigenden Beiträge einstellen. Der Chef des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann, will den Anstieg zumindest abbremsen - mit einer Reform, die überholte Strukturen über Bord wirft.

Kliniken sind der größte Kostenblock für Krankenkassen. Foto: Renate Hoyer

Elf Milliarden Euro fehlen den Krankenkassen, nach eigener Aussage. Über die Zusatzbeiträge soll das Geld nach wieder reingeholt werden. Um die Versicherten nicht weiter zu belasten, fordert der Chef des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann von den Kliniken sich zu spezialisieren.

Herr Graalmann, bei den Krankenkassen wird derzeit nur eines diskutiert: Wer erhebt welchen Zusatzbeitrag und wann wird es den Versicherten verraten?
Alle warten in der Tat gespannt auf das Ergebnis des sogenannten Schätzerkreises, der Mitte Oktober tagt. Er wird zunächst für alle Kassen die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben benennen.

Wie groß wird diese sein?
Allein durch den Wegfall des bisherigen Sonderbeitrags der Versicherten von 0,9 Prozent fehlen der Krankenversicherung elf Milliarden Euro. Das müssen die Kassen über die Zusatzbeiträge wieder auffangen.

Worauf müssen sich die Versicherten einstellen?
Im Schnitt wird der Zusatzbeitrag bei 0,9 Prozent liegen müssen. Einige Kassen werden wohl Finanzrücklagen einsetzen, um darunter zu bleiben. Ich erwarte aber, dass die Kassen mittelfristig solide planen und kein Beitrags-Jo-Jo spielen.

Die AOKs stehen gut da. Zu gut, wie ihre Konkurrenten beklagen. Sie werfen ihnen vor, dass sie mehr Geld aus dem milliardenschweren Kassen-Finanzausgleich bekommen als ihnen zusteht.
Das ist Unsinn. Die Gerichte haben entschieden, dass ein Rechenfehler, der seit Jahren besteht, ab 2013 korrigiert wird. Das Geld steht den AOK-Versicherten also zu. Ich habe allerdings nichts dagegen, dass wir das gesamte System erneut wissenschaftlich unter die Lupe nehmen lassen, um den Risikoausgleich zwischen den Kassen weiter zu entwickeln.

Auffällig ist schon, dass alle Kassenarten im ersten Halbjahr 2014 Verluste schrieben, die AOK aber Überschüsse verbuchte. Früher war es oft umgekehrt.
Unser Plus von 167 Millionen Euro deckt nicht einmal unsere Ausgaben eines Tages. Aber es ist natürlich erfreulich. Die AOK hat auch schon früher gut gewirtschaftet, durch den Rechenfehler wurde das nur verdeckt. Und Sie können jetzt davon ausgehen, dass meine Kollegen bei der Festlegung des Zusatzbeitrags ein attraktives Preis-Leistungsverhältnis anbieten werden. Entscheiden werden das die Verwaltungsräte Mitte Dezember.

Wie werden sich die Zusatzbeiträge in den kommenden Jahren entwickeln?
Die fetten Jahre, in denen alle Kassen hohe Überschüsse hatten, sind vorbei. Die Ausgaben steigen etwa doppelt so schnell wie die Einnahmen. So wird die Lücke immer größer, was die Zusatzbeiträge treibt. Wir werden schon in der nächsten Wahlperiode die Frage stellen müssen, ob diese Kostensteigerungen allein von den Versicherten getragen werden müssen. Jetzt müssen wir aber erst einmal alles tun, um weitere Belastungen der Versicherten zu vermeiden.

Was sollte passieren?
Der mit Abstand größte Kostenblock sind die Krankenhäuser, hier brauchen wir endlich Strukturreformen. Es geht uns gar nicht darum, ganze Kliniken zu schließen. Aber wir brauchen eine Spezialisierung in der Form, dass nur die Abteilungen, die qualitative Mindeststandards erfüllen, Leistungen anbieten dürfen. In einer Region mit mehreren Krankenhäusern spricht nichts dagegen, dass sich ein Haus zum Beispiel auf die Orthopädie spezialisiert, ein anderes auf die Kardiologie. Heute machen alle alles, ohne jede Qualitätsanforderung.

Kliniken werden von der Lokalpolitik und den Ländern als Prestigeobjekte verteidigt. Da ist doch kaum Fortschritt zu erwarten.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Schuldenbremse für den nötigen Druck sorgt. Die Länder erfüllen doch schon länger ihre Investitionsverpflichtungen nicht. Wir kommen gar nicht daran vorbei, die Krankenhausplanung künftig an der Qualität auszurichten. Und wir müssen das Ganze auf die Bedürfnisse der Patienten zuschneiden.

Das heißt?
Wir leisten uns heute den Luxus, den Bedarf an Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten isoliert voneinander zu planen. Das ist anachronistisch. Wir müssen die strikte Trennung zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor aufheben. Die Versicherten verstehen doch gar nicht, warum sie nicht einen guten Arzt aufsuchen können, der in einem Krankenhaus tätig ist. Künftig darf es für die Patienten keinen Unterschied machen, ob sie zu einem Arzt gehen, der sie ambulant in der Klinik behandelt, oder zu einem niedergelassenen Facharzt. Wichtig darf nur sein, dass sie gut und schnell behandelt werden.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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