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Kinderarmut Vererbte Benachteiligung

Eine Studie zeigt: Fast jedes vierte Kind ist dauerhaft oder wiederkehrend von Armut betroffen. Das verbaut Chancen für die Zukunft. Die Analyse.

Kinderdienst: Experten fordern gegen Kinderarmut Grundsicherung
Fast jedes vierte Kind in Deutschland ist dauerhaft oder wiederkehrend von Armut betroffen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Foto: ddp/dapd

Die Kinderarmut ist in Deutschland weiter auf einem erschreckend hohen Niveau – trotz Wirtschaftsaufschwung, sinkender Arbeitslosenzahlen, trotz familien- und sozialpolitischer Reformen.

An vielen Kindern in Deutschland gehen diese positiven Entwicklungen vorbei: Fast jedes vierte Kind (21 Prozent) ist dauerhaft oder wiederkehrend von Armut betroffen. Das heißt, die Familie lebt unterhalb der sogenannten Armutsgefährdungsschwelle. Das ist der Fall, wenn eine Familie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die Einkommenssituation von rund 3100 Kindern über einen Zeitraum von fünf Jahren beobachtet hat. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) entstanden.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der betroffenen Familien dauerhaft in Armut leben. Durchaus kann es sein, dass es eine Phase gibt, in der die Familie über der Grenze liegt. Aber schnell rutscht sie wieder ab.

Ein Drittel dieser Kinder erlebt diesen Zustand nur kurzfristig oder einmalig. Besonders Kinder, die in Familien leben, in denen Hartz IV bezogen wird, sei es aber nahezu unmöglich der Armut zu entkommen, schreiben die Autoren der Studie. Armut wird also vererbt.

Das hat weitreichende Folgen. Was für viele Kinder normal ist, dafür fehlt es in den von Armut betroffenen Familien an Geld, sie müssen auf viel verzichten: Freunde zum Essen nach Hause einladen, der Kinobesuch, ein internetfähiger Computer, eine Waschmaschine, die neuen Winterschuhe.

Die Forscher der Bertelsmann-Stiftung erklären, dass selbst Familien, die nur kurzzeitig unterhalb dieser Einkommensgrenze leben mit diesen „normalen Gütern“ und Teilhabemöglichkeiten schlechter versorgt sind als Kinder und Jugendliche aus sicheren Einkommensverhältnissen.

Weg aus der Armut wird immer schwieriger

Durchschnittlich fehlen Kindern in einer dauerhaften Armutslage 7,3 dieser 23 normalen Güter. Kindern, die kurzzeitig von Armut betroffen sind, fehlen 3,4 Güter. Dagegen müssen Kinder aus Familien mit sicherem Einkommen im Schnitt nur auf 1,3 Güter verzichten.

Und auch die Zukunftsperspektiven sehen deutlich dunkler aus: Häufige Klassenwiederholungen, schlechtere Noten, geringere Schulabschlüsse und damit auch verbundene Gesundheitsprobleme. Nicht verwunderlich, dass die Folgen zunehmen, je länger ein Kind in Armut lebt.

Das Problem: Kinder können sich nicht eigenständig aus der Armut befreien, ein Recht auf Teilhabe, Bildung, sicheres Aufwachsen und Existenzsicherung haben sie jedoch. Die Autoren fordern daher in der Studie, eine neue finanzielle Leistung für Kinder zu schaffen, die die bisherigen familienpolitischen Leistungen bündelt und vor allem armen Kindern unbürokratisch hilft. Zudem bräuchten Kinder und Eltern in ihrer Umgebung gute Bildungs- und Freizeitangebote.

Hinzu kommt, dass Menschen, die in Armut leben, auch weniger soziale Kontakte haben – zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag vorgestellte Studie vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dies verhindere, dass armutsbetroffene Menschen, über informelle Wege einen Job finden können. Der Weg aus der Armut wird also immer schwieriger.

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