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Kinderarbeit in Thailand Shrimps, von Kinderhand gepult

In Thailand schuften Kinder in Garnelen-Fabriken. Sie sind Opfer von Kriminellen – und der hohen Nachfrage nach den Meeresfrüchten in der Europäischen Union.

To match feature THAILAND-CHILDLABOUR/
Das Mädchen, keine 14 Jahre alt, muss bis zu zwölf Stunden am Tag Garnelen verarbeiten. Foto: rtr

Pohchi ist 13 Jahr alt. Er wurde im Südosten von Birma geboren. Zusammen mit seinen Eltern und einer Schwester kam er vor einigen Monaten über die Grenze nach Thailand in die Provinz Samut Sakhon. Für 10.000 Baht (etwa 280 Euro) half ihnen dabei ein Schleuser. Pohchi arbeitet nun entweder mit seinem Vater auf einem Fischerboot oder mit seiner Mutter in einer Krabbenpulhütte, die etwa 50 Menschen beschäftigt. Dort schält oder köpft Pohchi Garnelen – zwölf Stunden am Stück. Der 13-Jährige schafft 30 Kilo täglich.

Pohchi, dessen Schicksal die thailändische Menschenrechtsorganisation Labour Rights Promotion Network (LPN) aufgezeichnet hat, steht für Tausende Minderjährige in dem südostasiatischen Land. Rund 900 von 20.000 in Samut Sakhon lebenden Migrantenkindern hat LPN im Auftrag des Hilfswerkes Terre des Hommes (tdh) nach ihrer Arbeit befragt. Die Ergebnisse dokumentiert tdh anlässlich des „Welttages gegen ausbeuterische Kinderarbeit“ am Freitag in einer Studie, die der Frankfurter Rundschau vorab vorliegt.

„In der thailändischen Shrimp-Industrie werden Kinder massiv ausgebeutet“, fasst tdh die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Der Report geht von 6000 bis 8000 Kindern unter 15 Jahren und bis zu 30.000 Jugendlichen aus, die in der Meeresfrüchte-Industrie Thailands schuften. Manche von ihnen beginnen bereits mit sieben Jahren mit der Maloche. Oft auch unter den Bedingungen von Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft, in denen ihre Familien gefangen sind.

Als geradezu katastrophal beschreibt die Studie die Arbeitsbedingungen auf den Schiffen, die den Rohstoff für das Fischmehl zur Aufzucht der Garnelen liefern. Höchst problematisch seien auch die Verhältnisse in den unzähligen kleinen Verarbeitungsbetrieben, die als Subunternehmer großer Unternehmen wie Charoen Pokphand Food Public Company (CPF) fungieren. CPF ist der größte Betreiber von Shrimpsfarmen in Thailand und beliefert auch zahlreiche europäische Handelsunternehmen mit den beliebten Krustentieren.

Hauptaufgabe der Kinder in den meist nicht registrierten Kleinbetrieben ist es, die Meeresfrüchte zu säubern, sie zurechtzuschneiden und die Schalen abzupulen. Mädchen und Jungen arbeiten aber auch in größeren Fabriken, in denen die Shrimps gefrierfertig für den Export verpackt werden.

„Die Arbeitsbedingungen in den Garnelenbetrieben sind insbesondere für Kinder schädlich“, heißt es in der Studie. „Es kommt immer wieder zu Verletzungen, Pausenzeiten werden nicht eingehalten, viele arbeiten Nachtschichten von sechs Uhr abends bis sechs Uhr am Morgen – und ein großer Teil der Kinder geht nicht zur Schule.“

Die meisten der Minderjährigen in der Shrimp-Industrie, stammen aus Birma, dem armen Nachbarland Thailands. Von dort kommen sie mit Hilfe von Schleusern in die Provinz Samut Sakhon südöstlich der Hauptstadt Bangkok. Die Zahlungen an die Agenten führen Terre des Hommes zufolge in vielen Fällen zur Verschuldung der Familien und damit zu Formen der Zwangsarbeit, bei der auch schon die Jüngsten mit ran müssen. Manche Kinder würden von den „Brokern“ nach ihrer Einschleusung direkt zu den Arbeitgebern gebracht und bekämen die Summe für die Vermittlung dann nach und nach von ihrem Lohn abgezogen.

Wobei auf den Lohn nie Verlass ist, wie der 13-jährige Pohchi berichtet. Immer wieder würde ihm das Gehalt gekürzt, weil er Shrimps „beschädigt“ habe. „Aber wir wissen nicht, wann sie eine Garnele für beschädigt halten“, sagt Pohchi. „Wir wissen es erst, wenn sie es sagen.“

Als „illegale“ Migranten würden ihre Rechte mit Füßen getreten, stellt Terre des Hommes fest. „Sie sind der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt und können sich nicht wehren.“ Auch nicht gegen Überstunden, die anfallen, wenn zu viele Meerestiere angeliefert werden. Die durchschnittliche Arbeitszeit der befragten Kinder liegt den Recherchen von LPN zufolge bei elf Stunden pro Tag.

Der indische Kinderrechtsaktivist Kailash Satyarthi kennt die Zustände in der thailändischen Shrimp-Industrie aus eigener Anschauung. „Die Jungen und Mädchen sind versklavt und sie leiden darunter“, sagt Friedensnobelpreisträger Satyarthi im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Auf den Schiffen und auch in Betrieben würden sie teilweise „schlimmer als Tiere gehalten und sie kommen da nicht raus“.

Satyarthi, der seit den 1980er Jahren gegen die Ausbeutung von Kindern und für deren Recht auf Bildung kämpft, sieht eine „direkte Verbindung“ zwischen den Ausbeuter-Betrieben in Thailand und den europäischen Importeuren und Handelsketten, die die Meeresfrüchte verkaufen. „Da gibt es eine Verantwortung.“ Die Konsumenten in Europa sollten Druck auf die Unternehmen ausüben und sie zur Transparenz ihrer Lieferkette zwingen.

Für Terre des Hommes steht der Handel mit Garnelen beispielhaft für den Wettlauf der globalisierten Welt auf der Suche nach billiger Produktion – ohne Rücksicht auf die sozialen und ökologischen Folgen. „Wir brauchen dringend verbindliche Regeln für Unternehmen, damit sie ihre Verantwortung für Menschenrechte gerade auch im Ausland und entlang der gesamten Lieferkette wahrnehmen“, fordert tdh-Vorstandsvorsitzende Danuta Sacher.

Dafür bietet sich jetzt eine Chance. Denn zurzeit arbeitet die Bundesregierung an einem Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Leitlinien für Wirtschaft und Menschenrechte. „Wir erwarten von der Regierung, dass sie eine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht für Unternehmen gesetzlich festlegt“, sagt Sacher.

Von der Europäischen Union als wichtigem Handelspartner Thailands verlangt das Kinderhilfswerk eine klare Haltung gegenüber dem südostasiatischen Staat: Die EU müsse ihren Einfluss gegenüber Bangkok geltend machen und auf nachprüfbaren Maßnahmen zum Schutz von Migrantenkindern bestehen.

Auch die internationalen Garnelenhändler sieht tdh in der Pflicht. Sie sollten dafür sorgen, dass soziale Mindeststandards in der Shrimp-Industrie eingehalten werden. „Arbeiterinnen und Arbeitern muss ein angemessener Lohn gezahlt werden, damit sie ihre Familien ernähren können und nicht auf die Mitarbeit von Kindern angewiesen sind“, sagt Sacher. „Das mag dazu führen, dass die Preise für Garnelen in Europa steigen, doch unsere Erfahrungen aus dem Bereich Textilien zeigen, dass Verbraucher höhere Preise akzeptieren, wenn schädliche Kinderarbeit ausgeschlossen wird.“

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