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IG Metall Plädoyer für neue Arbeitszeit-Modelle

Die IG Metall strebt neue Arbeitszeit-Regeln an: Beschäftigte sollen öfter selbst entscheiden, wann und wieviel sie arbeiten müssen. Auch die Tarifbindung soll nach dem Wunsch der Gewerkschaft wieder steigen. Dafür verspicht Kanzlerin Merkel ihre Unterstützung.

Der frischgewählte IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann (r.) empfing am Mittwoch Kanzlerin Merkel auf dem Gewerkschaftstag. Foto: rtr

Angestellte arbeiten bis tief in die Nacht, weil ein Projekt fertig werden muss. Schichtarbeiter wissen nicht, wie sie bis zur Rente durchhalten sollen. Eltern fürchten Nachteile, wenn sie zu lange wegen der Kinder pausieren. So soll es nicht weiter gehen, meint die IG Metall. Ihr neuer Vorsitzender Jörg Hofmann will die Arbeitszeiten neu regeln und das Thema in den kommenden Jahren in den Mittelpunkt der Gewerkschaftsarbeit stellen. Es sei dringend nötig, der Arbeitszeitpolitik „höchste Bedeutung“ beizumessen, sagte Hofmann am Mittwoch auf dem Gewerkschaftstag in Frankfurt.

Die 35-Stunden-Woche, die die IG Metall in den 1980er Jahren in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie durchgesetzt hat, sei zwar immer noch eine brillante Idee. Doch tatsächlich hätten sich in den Betrieben ganz unterschiedliche Arbeitszeitmodelle entwickelt – „getrieben vor allem von unternehmerischen Interessen, selten von den Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten“, räumte Hofmann ein. „Die tatsächlichen Arbeitszeiten steigen.“ Jetzt sei die Zeit reif für einen Neustart: „Wir holen uns unsere Zeit zurück“, versprach der Gewerkschaftschef.

Konkret fordert die IG Metall, dass geleistete Arbeit auch erfasst und vergütet wird. Dass jährlich Millionen von Arbeitsstunden nicht bezahlt werden, will sie nicht länger hinnehmen.

Zudem will sie einen neuen Anlauf starten, um Arbeitszeiten und Stundenlöhne in Ost und West anzugleichen. Man wolle die Ost-West-Angleichung im Rahmen einer Gesamtstrategie angehen, sagte Hofmann, ohne genauer zu werden. Nur eins stellte er klar: „Ich bin kein Abenteurer.“ Will heißen: Seine Gewerkschaft wird nur dann aktiv werden, wenn sie sicher ist, dass sie auch etwas durchsetzen kann.

Generell sollen Beschäftigte mehr Möglichkeiten haben, selbst über ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort zu bestimmen: Jeder Arbeitnehmer soll einen Anspruch haben, seine Arbeitszeit für Kinderbetreuung, Pflege oder Qualifizierung zeitweise zu verändern. In Fabriken sei eine selbstbestimmte Schichteinteilung denkbar und Zeitvorgaben an Fließbändern nötig, die die Menschen nicht überfordern. Notwendig seien auch Regeln, damit Beschäftigte zu Hause arbeiten können, wenn sie das wollen.

Um neue Arbeitszeit-Regeln durchzusetzen, plant die IG Metall eine auf mehrere Jahre angelegte Kampagne. In der Tarifrunde 2016 wird das Thema noch keine Rolle spielen, innerhalb der nächsten vier Jahre will Hofmann aber Ergebnisse erzielen.

Tarifbindung soll steigen

Für den Duisburger Arbeitsmarkt-Forscher Steffen Lehndorff bedeutet das Vorhaben der IG Metall einen Paradigmenwechsel. Die Gewerkschaft gehe nicht mehr davon aus, dass eine bestimmte Wochenarbeitszeit für alle Beschäftigten gut und richtig ist. Vielmehr strebe sie nun kollektive Regeln an, damit jeder einzelne entscheiden kann, wann er oder sie arbeitet.

Der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre bewertet das Vorhaben ebenfalls positiv. Das Thema Arbeitszeiten sei nicht nur für Hochqualifizierte wichtig, die oft sehr lange im Büro bleiben. Auch für prekär Beschäftigte sei das Privatleben oft nicht planbar, weil sie auf Abruf arbeiten müssten, betont Dörre.

Fraglich ist für ihn allerdings, wie die Erfassung der Arbeitszeit funktionieren soll. Stechuhren seien vielerorts abgeschafft worden, weil sie als Kontrollinstrument des Managements empfunden wurden. Die Folge sei dann aber häufig Arbeiten ohne Ende gewesen. Gerade bei digitalen Jobs könne man heutzutage zwar die Arbeitszeit wieder lückenlos elektronisch erfassen. Doch dann drohe die totale Kontrolle. Eine Lösung sei nur möglich, wenn die Beschäftigten beteiligt werden. Vorstellbar sei etwa, dass die Leute ihre Arbeitszeit selbst aufschreiben, meint Dörre.

Sollte die IG Metall per Branchentarifvertrag neue Arbeitszeit-Regeln durchsetzen, gelten diese zunächst nur in tarifgebundenen Betrieben. Doch dort arbeiten laut Hofmann derzeit nur noch gut 50 Prozent der Industrie-Beschäftigten. Anfang der 1990er-Jahre seien es noch über 70 Prozent gewesen. Doch auch hier strebt die Gewerkschaft eine Wende an: „Die IG Metall stellt sich der Verantwortung, nachvollziehbar und abrechenbar, Jahr für Jahr die Tarifbindung von Betrieben und Beschäftigten zu erhöhen.“ Dies sei auch eine Gerechtigkeitsfrage.

Derzeit liege der Lohn für Mitarbeiter in nicht-tarifgebundenen Betrieben teils 28 Prozent unter dem Tarifgehalt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach in ihrem Grußwort auf dem Gewerkschaftstag am Mittwoch, die IG Metall dabei zu unterstützen: Sie werde sich dafür einsetzen, dass die Tarifbindung steigt.

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