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Gehaltsunterschiede Jeder Zehnte verdient weniger als 8,50 Euro

Rund elf Prozent aller Beschäftigten in Deutschland, die in Betrieben mit zehn und mehr Beschäftigten arbeiteten, verdienten im Jahr 2010 weniger als 8,50 Euro pro Stunde. In Ostdeutschland lag mehr als ein Fünftel (22 Prozent) aller Beschäftigten unter diesem Stundenverdienst.

"Arm trotz Arbeit" steht auf einer Weste eines Gewerkschafters, der an einer DGB-Kundgebung zum Tag der Arbeit in Berlin am Brandenburger Tor teilnimmt. Foto: dpa

Bei den Beschäftigten mit dem geringen Stundenverdienst handelte es sich im Jahr 2010 überwiegend um Frauen. Mit einem Prozentsatz von 60 Prozent stellten sie den Großteil der Geringverdiener, die meisten von ihnen Minijobber. Betrachtet man hingegen ausschließlich Vollzeitbeschäftigte, waren es mehr Männer als Frauen, die unter diesem Stundenverdienst lagen.

Die Beschäftigten mit einem Stundenverdienst unter 8,50 Euro setzten sich in Ost und West unterschiedlich zusammen: In Westdeutschland waren Minijobber die größte Gruppe. Das sind meist Frauen und Beschäftigte ohne Berufsausbildung. Die größte Gruppe in Ostdeutschland waren Vollzeitbeschäftigte. Das sind meist Männer und Beschäftigte mit Berufsausbildung. 

Dies sind erste Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes (Destatis) aus der aktuellen Verdienststrukturerhebung für das Jahr 2010 in Betrieben des Produzierenden Gewerbes und des Dienstleistungsbereichs mit zehn und mehr Beschäftigten.

Die meisten Beschäftigten mit einem Stundenverdienst unter 8,50 Euro arbeiteten im Verarbeitenden Gewerbe (14 Prozent) und in der Zeitarbeit (10 Prozent) – hier vor allem in Vollzeit. Weitere Bereiche waren die Gebäudereinigung/Gebäudebetreuung (12 Prozent), der Einzelhandel (10 Prozent) oder das Gastgewerbe (9 Prozent) – hier arbeiteten diese Beschäftigten meist in Minijobs.

Die Arbeitnehmer hatten meist einen privatwirtschaftlichen Arbeitgeber (93 Prozent), selten einen öffentlichen (7 Prozent). Die Mehrheit dieser Beschäftigten (68 Prozent) war bei nicht tarifgebundenen Arbeitgebern beschäftigt, 32 Prozent bei tarifgebundenen. 

Auswirkungen der Hartz-IV-Reformen

Zynisch kann man sagen: Die Hartz-Reformen wirken - die Zeitarbeit wächst, immer mehr Menschen arbeiten für wenig Geld. Wenn die prekär Beschäftigten ihren Job verlieren, sind sie sofort auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Inzwischen landen jeden Monat 61.000 Arbeitnehmer, die arbeitslos werden, direkt in Hartz IV, berichtet die Bundesagentur für Arbeit. Vor drei Jahren waren es erst 51.000.

Diese Menschen erhalten entweder gar kein Arbeitslosengeld I, weil sie nur kurzfristig beschäftigt waren. Anspruch auf diese Versicherungsleistung hat man erst dann, wenn man in den vergangenen zwei Jahren mindestens zwölf Monate einen Job hatte. Oder ihr Arbeitslosengeld I ist so gering, dass es mit Hartz IV aufgestockt werden muss. Das gilt für Beschäftigte mit niedrigen Löhnen. Mittlerweile ist jeder vierte Beschäftigte, der arbeitslos wird, sofort auf staatliche Fürsorge angewiesen.

Ein besonders hohes Risiko, direkt nach dem Job in Hartz IV zu landen, haben Leiharbeiter. Sie sind oft nur kurzzeitig beschäftigt und ihre Gehälter meist niedrig. Auch Beschäftigte im Gastgewerbe sind besonders oft betroffen. Generell sei fehlende Qualifikation ein Risikofaktor, so die Bundesagentur für Arbeit.

Dass ausgerechnet in jüngster Zeit, in der die Wirtschaft kräftig gewachsen ist, mehr Beschäftigte nach dem Job sofort in der Fürsorge landen, erklärt eine Behördensprecherin so: Dank der guten Konjunktur hätten viele Hartz-IV-Empfänger eine Stelle gefunden. Oft sei der Job aber befristet gewesen, viele hätten bei einer Zeitarbeitsfirma angeheuert. Und diese Menschen werden eben auch schnell wieder arbeitslos. Man kann das auch anders formulieren: Auf einem Teil des deutschen Arbeitsmarkts ist das Prinzip Heuern und Feuern mittlerweile Realität – dank der Hartz-Reformen, die die Zeitarbeit liberalisiert haben.

Hohe Gehälter in der Energiewirtschaft

Doch nicht für alle Berufsgruppen sind die Zeiten so mager. Deutlich zeigt sich die Einkommensschere bei Beschäftigten in der Industrie und Energiewirtschaft. Im Schnitt verdient ein Beschäftigter in der Energiebranche fast 4.400 Euro im Monat, ohne Sonderzahlungen. Relativ hoch sind die Einkommen auch in Banken und Versicherungen sowie in der Kommunikationsbranche. Schlusslicht ist das Gastgewerbe. In Hotels und Kneipen kommen Vollzeitbeschäftigte nur auf ein Bruttoeinkommen von 1.944 Euro im Monat.

Laut Statistikbehörde erhält ein Arbeitnehmer mit Vollzeitjob im Schnitt 3.322 Euro brutto im Monat. Manche Beschäftigte dürften sich über den hohen Betrag wundern – tatsächlich ist die Verteilung der Einkommen höchst ungleich. Der Statistiker Ralf Droßard verweist dabei auf eine detaillierte Verdiensterhebung von 2006. Danach verdienen 63 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten weniger als das Durchschnittseinkommen, nur 37 Prozent liegen darüber. Diese Besserverdienende haben so hohe Gehälter, dass der Durchschnitt nach oben geht.

Der Vorsitzende der IG Bau, Klaus Wiesehügel, macht das politische Klima in Deutschland zu einem Großteil verantwortlich dafür, dass die Löhne und Gehälter über die Jahre nur gering gestiegen sind. „Seit der Regierungszeit von Gerhard Schröder ist die Politik nur unterwegs, um Strategien zur Lohnsenkung zu entwickeln.“ Hierzulande gelte die These: „Wenn es den Unternehmern nur gut genug geht, geht es auch allen anderen gut. Deswegen könnten die Arbeitgeber auch nicht soviel an Lohn zahlen.“

Diese Strategie bezeichnete Wiesehügel als verheerend. Denn man dürfe zum einen Unternehmern nicht gestatten, Löhne zu zahlen, von denen niemand leben kann, ohne dass der Staat aufstockt. Zum anderen seien die Lohnstückkosten in Deutschland wesentlich geringer gestiegen als in den anderen Euro-Ländern. „Damit haben wir zwar unseren Export beflügelt, aber zu Ungunsten der anderen Euro-Staaten. Dort haben wir damit das Wachstum gebremst und zur Schuldenanhäufung beigetragen.“ Deutschland habe sich in dem gemeinsamen Währungsraum als Dumping-Land erwiesen.

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