Lade Inhalte...

Friseurhandwerk „Ich finde es wichtig, dass Friseure genug verdienen“

Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks Harald Esser spricht über Billiglöhne - und den Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Kunden.

Harald Esser
Der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks, Harald Esser. Foto: Barbara Frommann

Harald Esser geht nicht zum Friseur, er ist einer, seit 1982. Als Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks ist er sogar der oberste Friseur des Landes. Seine Haare lässt sich der 64-Jährige in seinem Salon im Kölner Stadtteil Braunsfeld kürzen: Ab und an stellt er sich Auszubildenden als Modell zur Verfügung, meist aber macht es seine Frau, mit der er den Salon seit mehr als 30 Jahren betreibt. Ein Gespräch über zunehmende Billigfriseure und den geplanten Bachelor of Beauty, über kuriose Namen und niedrige Löhne. Und über den Preisunterschied bei Damen- und Herren-Haarschnitten.

Herr Esser, waren Sie schon mal beim Barbier, dem neuesten Konkurrenten des klassischen Friseurs?
Nein, dafür bin ich nicht unbedingt der Typ. Barbershops bieten meist nur vier, fünf verschiedene Haarschnitte in einem bestimmten Stil, da ist keiner für mich dabei. Ich sehe sie als Mitbewerber, die eine kleine Sparte des Friseurhandwerks bedienen. Aktuell ist der Barbertrend auf seinem Höhepunkt. Sicherlich wird dieser Trend künftig wieder etwas abebben, die guten Barbershops werden sich allerdings halten.

Ein anderes Phänomen sind die Friseur-Discounter, bei denen es einen Haarschnitt teilweise für unter zehn Euro gibt. Haben Sie die schon mal ausprobiert?
Nein, ich möchte solche Arbeitsverhältnisse nicht unterstützen. Wer solche Preise anbietet, der kann seine Mitarbeiter nicht anständig bezahlen. Und ich finde es wichtig, dass Friseure genug verdienen, um sich einen Urlaub, ein Auto und eine Wohnung leisten zu können. Schließlich erfordert der Beruf viel Konzentration, Fachwissen und Menschenkenntnis.

Dass solche Billigläden über eine hohe Kundenfrequenz entsprechend Umsatz erzielen, um die Mitarbeiter vernünftig bezahlen zu können, das schließen Sie aus?
Es gibt meines Erachtens keinen Friseur mit hundertprozentiger Auslastung, das gilt auch für Billig-Friseure. Wer dorthin geht, muss damit rechnen, dass er den Haarschnitt letztlich zweimal bezahlt. Einmal im Laden und dann über die Steuer.

Wie meinen Sie das?
Die Mitarbeiter solcher Salons werden von ihrem Lohn nicht leben können; sie sind in vielen Fällen Teilzeitbeschäftigte und Hartz-IV-Aufstocker, also auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Billiglöhne sind in Ihrer Branche schon lange ein Thema.
Ja, wir haben ein Imageproblem. Wenn ein junges Mädchen zu seinem Vater geht und sagt: ,Ich will Friseurin werden‘, dann sagt der entsetzt: ,Um Gottes Willen, da verdienst Du doch nichts.‘ Das ist in den Köpfen drin. Auch wenn der Mann seit zwanzig Jahren zum gleichen Friseur geht, sich dort gut bedient weiß und wohlfühlt. Aber beim Berufswunsch seiner Tochter denkt er zuerst an den niedrigen Lohn und nicht an den tollen Dienstleister, den er schätzt.

Was ist an Ihrem Beruf so schön, dass man dafür ein eher mageres Gehalt, die viele Arbeit im Stehen und den ständigen Umgang mit Chemikalien in Kauf nehmen sollte?
Es ist ein kreativer Beruf, in dem man immer mit Menschen zu tun hat. Für unsere Kunden ist der Friseurbesuch eine Oase, sie genießen es, dass man sie anfasst und dass man sich mit ihnen befasst. Es ist eine Arbeit, die wir in den allermeisten Fällen zur Zufriedenheit der Kunden ausführen, und die immer am gleichen Tag beendet ist. Wenn man abends Feierabend hat, ist alle Arbeit erledigt. Anders als bei einem Bürojob, wo oft etwas liegen bleibt. Wir aber fangen jeden Tag neu an. Das ist schon etwas Schönes.

Im Kampf gegen Billiglöhne hat Ihre Branche im Sommer 2013 – früher als andere – ein tarifliches Mindest-Entgelt eingeführt, 6,50 Euro im Osten, 7,50 Euro im Westen...
Der bundesweite Mindestlohn beträgt seit Jahresbeginn 8,84 Euro, doch die Tarifhoheit haben die Länder. Hier in Nordrhein-Westfalen liegt die Untergrenze inzwischen bei 9,01 Euro. Es gibt noch immer ein Ostgefälle. Das würde ich gerne ändern. Aber das braucht Zeit. Zu große Lohnanpassungen nach oben würden die Friseurunternehmen nicht überleben.

Trotz der Einführung des Mindestlohns hat die Zahl der Friseurbetriebe konstant zugenommen...
Dieser Trend scheint jetzt gestoppt. Aktuell sind 80 664 Friseursalons in die Handwerksrolle eingetragen, das ist etwas weniger als 2015. Damals hatten wir mit 80 697 die bisher meisten.

Wie erklären Sie sich das?
In erster Linie ist dieser Rückgang sicherlich auf eine Sättigung des Marktes zurückzuführen. Eine weitere Ursache dürfte das Inkrafttreten der letzten Stufe des Mindestentgelt-Tarifvertrages zum 1. August 2015 sein. Der Großteil der Betriebe hatte keine Schwierigkeiten bei den Lohnanpassungen. Bei wenigen führte dies allerdings zu einer Bereinigung des Marktes.

Der Zentralverband spricht von einer Atomisierung der Branche durch Mikrobetriebe. Was sind Mikrobetriebe?
Kleinstunternehmen, in denen ein Friseurmeister alleine oder mit maximal einem Angestellten arbeitet. Sie sind von der Umsatzsteuer befreit, da sie nicht mehr als 17 500 Euro Umsatz im Jahr machen. Das führt zu einer Verschiebung auf dem Markt, denn die Mikrobetriebe haben einen klaren Preisvorteil gegenüber den Läden, die 19 Prozent ihres Umsatzes an den Staat abführen. Aber: Mit 17 500 Euro Jahresumsatz, also weniger als 1500 Euro im Monat, da kann sich jeder Verbraucher ausrechnen, wie weit man als Friseur mit Einkünften in dieser Höhe kommt.

Wie viele solcher Mikro-Friseur-Betriebe gibt es?
Die Zahl wird nicht gesondert erfasst, wir schätzen sie aber auf etwa 25 000, das ist fast schon jeder dritte Friseur. Unsere Branche atomisiert sich. Hinzu kommt, dass die Mikrobetriebe nicht ausbilden und damit den Fachkräftemangel verstärken.

Was tut Ihr Verband dagegen?
Wir sprechen darüber. Wir können uns ja nicht vor die entsprechenden Läden stellen und protestieren. Wir können nur appellieren, dass ein normaler Friseurbetrieb mit im Schnitt drei bis vier Angestellten mit einer solchen Konkurrenz nicht existieren kann.

Wenden wir uns einmal Ihrer Kundschaft zu. Den Friseurbesuch an sich spart sich der Deutsche nicht. Frauen gehen hierzulande im Schnitt 5,8 Mal im Jahr zum Friseur, Männer 6,9 Mal. Selbst in Zeiten der Finanzkrise waren diese Werte nur minimal niedriger.
Stimmt, die Häufigkeit des Friseurbesuchs ist kaum von konjunkturellen Einflüssen abhängig, eher von Moden. In den 50er-Jahren ist der Mann noch öfter zum Friseur gegangen, da waren kurze Haare modern. In der Phase, wo Herren ihr Haar länger trugen und es ungeschnitten wirken sollte, ging die Frequenz zurück. Das hat sich zum Glück wieder gegeben. Kunden bauen den Friseurbesuch als kleines Verwöhnerlebnis in den Alltag ein, auch in unsicheren Zeiten.

Im Schnitt zahlten Männer 2016 für einen Friseurbesuch 16,20 Euro, Frauen im Mittel rund 51 Euro. Woher rührt der große Unterschied?
Bei Frauen kommt mehr Chemie zum Einsatz – hauptsächlich beim Färben. Es gibt heutzutage eine Vielzahl an Farben und an Techniken, Mitarbeiter sind mitunter stundenlang mit einer Kundin beschäftigt. Das hat seinen Preis.

Und Männer lassen die Haare nicht färben?
Weniger häufig, da gibt es noch Potenzial. Denn wenn Männer unter sich sind, etwa wenn der Friseur über einen separaten Raum für Herren verfügt, dann lassen sie sich auch leichter die Haare färben. Wobei: Junge Männer, also bis Ende 20, brauchen diese Abgeschirmtheit nicht.

Ein Männer-Haarschnitt ist deutlich günstiger als ein Frauenkurzhaarschnitt. Warum?
Bei den Frauen liegt immer eine andere Technik zugrunde. Bei Herrenhaarschnitten wird viel mehr mit der Maschine geschnitten. Außerdem trägt eine Frau selten die Haare so kurz wie ein Mann. Bei der weiblichen Kundschaft wird anders geföhnt, es kommen mehr Haarpflegeprodukte zum Einsatz. So erklärt sich der Preisunterschied.

Wo wir schon bei Geschlechterfragen sind: 85 Prozent der Friseure sind weiblich. Beim Nachwuchs stieg der Männeranteil zuletzt deutlich an. Wie erklären Sie sich das?
In einem Geschäft zu arbeiten, Kundenkontakt zu haben, das ist für junge Leute eine coole Sache. Friseure werden auch bei Modenschauen und Fotoshootings gebraucht, es gibt Verbindungen zur Medienbranche. Bühne und Business – vielleicht ist es diese Kombination, die verstärkt junge Männer anzieht.

Findet Ihre Branche noch genügend Auszubildende?
Nein, es gibt einfach deutlich weniger Schulabgänger als früher. Viele Eltern wünschen sich für ihre Kinder, dass sie Abitur machen. Nur wenige beginnen eine Handwerkslehre. Aber ich glaube, dass sich das in naher Zukunft geben wird.

Warum glauben Sie das?
Für all die vielen Abiturienten und Akademiker wird es nicht genügend adäquate Arbeit geben. Dann wird das Handwerk wieder an Bedeutung gewinnen. Und der Friseurberuf hat eine gute Zukunft, weil er nicht digitalisiert werden kann. Die moderne Technik kommt vielleicht bei der Online-Terminvergabe oder beim Kassensystem zum Einsatz, doch der Haarschnitt ist und bleibt Handwerk. Und wir wollen den Friseurberuf für die Zukunft interessanter machen.

Wie wollen Sie das schaffen?
Wir wollen demnächst einen Studiengang einführen – Beautymanagement. Von der Lehre über die Meistertitel, der zum Studium berechtigt, bis zum Bachelor of Beauty.

Wann und wo soll dieser Studiengang angeboten werden?
In naher Zukunft, nicht erst in fünf Jahren. Aber noch wäre es zu früh, Details zu nennen.

Ihr eigener Salon, den Sie zusammen mit Ihrer Frau betreiben, heißt schlicht „Esser & Esser“. Insgesamt fallen Friseure durch den Hang zu vermeintlich originellen Wortschöpfungen auf, ich sage nur: Abschnittsbevollmächtigter, Haarmonie, Cutedrale. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Das spricht für den Ideenreichtum der Kollegen! Manche Namen finde ich witzig, andere übertrieben. Das hat etwas mit Geschmack zu tun. Jeder muss selbst wissen, wie er sein Unternehmen nach außen präsentiert und auf sich aufmerksam macht. Denn das wollen wir ja alle.

Interview: Susanne Rost

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum