Lade Inhalte...

Forum Entwicklung Hauptsache nicht nur billig

Billige Kleidung - um jeden Preis? Beim Forum Entwicklung von FR, GIZ und HR Info fordern Experten und auch die Textil-Discounter KiK gesetzliche Sorgfaltspflichten für Textilhändler.

Forum Entwicklung
Das Podium: Sabine Ferenschild, Ansgar Lohmann, Tobias Schwab (Moderator), Inez Bjørg David und Jochen Weikert. Foto: Renate Hoyer

KiK heißt nicht einfach nur KiK, es steht für „Kunde ist König“. Bei dem bekannten Textil-Discounter kann man sich für wenig Geld mit Hemd, Hose und Jacke einkleiden. „Ein komplettes Outfit für 30 Euro, das schaffen sie“, sagte KiK-Manager Ansgar Lohman. Und vor allem: Der Kunde könne dabei durchaus mit gutem Gewissen bei den Billigklamotten am Ständer oder im Regal zugreifen. Die Kleidungsstücke würden unter guten Sozial- und Umweltstandards gefertigt. Nicht nur der Käufer, auch die Näherin etwa in einer Fabrik in Bangladesch oder Pakistan, die sie hergestellt hat, stehe bei KiK im Mittelpunkt. „Sie ist auch eine Königin“, behauptete Lohmann.

Keine Frage, dass der Nachhaltigkeitsmanager der Nummer fünf im deutschen Textilhandel ebenfalls im Mittelpunkt stehen würde – bei „Hauptsache billig?“, der Veranstaltung in Frankfurt am Montagabend, zu der das „Forum Entwicklung“ von FR, hr-iNFO und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eingeladen hatten.

Anlass war der bevorstehende fünfte Jahrestag der Katastrophe in der Näherei „Rana Plaza“ in Bangladesch, die als Super-GAU für die internationale Textilindustrie gilt. Im April 2013 gab es dort 1100 Tote und 2400 Verletzte; die Besitzer hatten die Näherinnen zur Arbeit gezwungen, obwohl der Komplex wegen massiver Risse im Mauerwerk gesperrt war.

Spätestens seit diesem Datum kann eigentlich kein Kunde mehr die Frage ausblenden, unter welchen Bedingungen seine Bekleidung hergestellt wurde, die heute zu 90 Prozent aus Asien, Lateinamerika und Osteuropa kommt. Und das Thema treibt in der Tat viele um, wie der gute Besuch des Forums mit mehr als 200 Teilnehmern zeigte.

Lohmann zog sich unerwartet gut aus der Affäre. Er stellte glaubhaft dar, dass den Discounter die Themen der Sozial- und Umweltstandards inzwischen durchaus umtreiben. KiK ist unter anderem Mitglied im „Bündnis für nachhaltige Textilien“, das Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) nach Rana Plaza ins Leben gerufen hat, ebenso in der internationalen Herstellerinitiative „Accord“, die in den Textilfabriken in Bangladesch Brandschutz und Gebäudesicherheit voranbringt. Der neue Accord-Vertrag, der ab Juni 2018 gilt, setzt einen weiteren Schwerpunkt bei den Arbeitnehmerrechten. So müssen die Textilfirmen die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit respektieren. Das war eine Forderung der Gewerkschaften.

Ist damit alles auf gutem Weg? Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Ferenschild von der Entwicklungsorganisation Südwind-Institut räumte in der Diskussion ein, dass sich zum Beispiel in der Gebäudesicherheit der Textilfabriken einiges getan habe. Und dass der Accord in Bangladesch verlängert und erweitert werden soll – „das begrüßen wir ausdrücklich“, sagte sie.

Doch damit seien längst nicht alle Probleme gelöst. In einem Großteil der Firmen in den Produzentenländern, neben Bangladesch und Pakistan Staaten wie Vietnam, Indonesien, Myanmar oder Äthiopien, gebe es keine Gewerkschaften, oftmals würden Ansätze zur Organisation „mit Polizeigewalt niedergeschlagen“. Und auch dort, wo wie in Bangladesch ein Mindestlohn eingeführt wurde, sei das längst nicht ausreichend. „Er ist so niedrig, dass die Näherinnen viele Überstunden machen müssen, um die Familien zu ernähren“, sagte die Südwind-Expertin. Immer wieder kommt es daher zu Protesten und Streiks. Im vorigen Januar war die Regierung in Dhaka dann bereit, eine neue Lohnkommission ins Leben zu rufen, die einen neuen Mindestlohn für Textilarbeiterinnen festlegen soll.

Wie wichtig die Textilindustrie für Länder wie Bangladesch ist, machte GIZ-Experte Jochen Weikert klar, der in dem Land bis 2017 Projektleiter war. Die rund 6000 Fabriken, von denen 2500 bis 3000 für den Export arbeiten, stellten vier Millionen Jobs, erwirtschafteten rund 28 Milliarden US-Dollar und damit 80 Prozent der Deviseneinnahmen. Rana Plaza habe ein Umdenken bei Regierung, Textilproduzenten und Arbeitnehmern ausgelöst – nicht nur bei Brandschutz und Gebäudesicherheit, was allerdings schon „ein Erfolg an sich“ sei. So habe es vor der Katastrophe vor fünf Jahren landesweit nur rund 90 staatliche Arbeitsinspekteure gegeben, inzwischen seien es bis zu 400.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Forum Entwicklung

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen