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Fachkräftemangel Ingenieur als Teilzeit-Sekretärin

Alle klagen über den Fachkräftemangel. Jetzt haben sich Hochqualifizierte selbst zu Wort gemeldet. Ihr Befund: Industrieunternehmen verschenken jede Menge Know-how ihrer Fachleute.

Fachleute klagen über innovationsfeindliche Firmenstrategien. Foto: ddp

Unternehmen klagen seit Wochen über einen Fachkräftemangel. Jetzt haben sich Hochqualifizierte selbst zu Wort gemeldet und in einem Thesenpapier ihre Lage geschildert. Ein zentraler Befund lautet: Industrieunternehmen verschenken jede Menge Know-how ihrer Fachleute. Denn Ingenieure oder Physiker müssten immer mehr Aufgaben übernehmen, die mit ihrer Qualifikation herzlich wenig zu tun haben: Sie müssen ihre Dienstreisen selbst organisieren, ständig schicke Powerpoint-Präsentationen erstellen und Arbeitsabläufe kontrollieren. Forscher und Entwickler „werden immer öfter und über Gebühr mit fachfremden Aufgaben wie Marketing und Administration belastet“, heißt es in dem Papier. Verfasst wurde es von Betriebsräten in der Metall- und Elektroindustrie, die nach eigenen Angaben über 50000 Beschäftigte in Forschungs- und Entwicklungszentren vertreten.

In den letzten Jahren wurden Abteilungsleiter in vielen Unternehmen gezwungen, Personal abzubauen, erzählt Hans Lawitzke, der selbst mal Abteilungsleiter war und jetzt Betriebsrat im Entwicklungszentrum von Ford in Köln ist. Meist hätten die Chefs versucht, ihre Ingenieure zu halten und eher Stellen von Sekretärinnen oder Technikern preisgegeben. Jetzt müssten eben Ingenieure Testaufbauten selbst machen oder Büromaterial besorgen. Dafür seien sie eigentlich überbezahlt. Gleichzeitig verschenken die Firmen „relativ viel Know-how“, resümiert der Informatiker.

Ingenieure würden auch als Projektmanager eingesetzt, um Zeitpläne zu kontrollieren, etwa bei der Entwicklung eines Motors. Die Ingenieure klagten dann: Statt ihren Kollegen zu helfen, müssten sie sie anschwärzen, wenn etwas nicht klappt.

Unternehmen wollten in immer kürzeren Abständen immer größere Fortschritte sehen, heißt es in dem Thesenpapier. Die Folge: Forscher müssen ständig Berichte abliefern und rechtfertigen, warum sie weiter Geld brauchen. „Research by Powerpoint“ nennen die Betriebsräte das. Alles in allem verbringen die Hochqualifizierten mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit fachfremden Aufgaben, schätzt Friedrich-Karl Beckmann, Betriebsrat bei Philips Research.

Die Aufgaben der Ingenieure haben sich stark verändert, meint auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Forscher müssten heute frühzeitig die Erfolgsaussichten einer Produktidee abschätzen, sagt VDI-Vizedirektor Volker Wanduch. Das habe aber auch eine positive Seite, weil die Tüftler früher Kunden und Markt in den Blick nehmen müssen.

Jenseits der Debatte über fachfremde Aufgaben sind sich VDI und Betriebsräte in einem Punkt einig: Der Druck hat zugenommen, die Entwickler müssen schneller liefern. Wanduch nennt das Beispiel Autoindustrie: Früher habe es zehn bis zwölf Jahre gedauert, bis ein neues Modell auf den Markt kommt. Heute betrage die Spanne zwischen erster Idee und Markteinführung maximal sechs Jahre. „Die Luft, um in Ruhe zu forschen, ist raus.“ Gerade Aktiengesellschaften stünden unter dem Druck der Börse. „Das Denken in Quartalszahlen erschwert es, langfristig zu operieren.“

Die Ausrichtung auf kurzfristige Renditeziele wirke „innovationshemmend“, kritisieren auch die IG-Metall-Betriebsräte. Das Management konzentriere sich oft aufs Kerngeschäft statt in neue, möglicherweise profitable Geschäftsfelder zu investieren.

So kann es nicht weiter gehen, meint die IG Metall. In den F&E-Zentren reihe sich ein Projekt an das andere und die Beschäftigten hätten keine Chance, „aus dem Hamsterrad rauszukommen“, kritisiert Vorstandsmitglied Helga Schwitzer. Die Fachleute müssten von Verwaltungsaufgaben entlastet werden und mehr Freiräume erhalten, damit sie neue Ideen entwickeln können. Dazu „brauchen wir mehr Leute“. Schließlich lebe die Metall- und Elektroindustrie von ihrer Innovationsfähigkeit. „Wenn wir die verspielen, gefährden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit.“

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